Jüdischer Weltkongress

Machtspiele

von Eva C. Schweitzer

Die Krise beim World Jewish Congress spitzt sich zu: Edward Bronfman, der Präsident der Organisation, die in New York ihr Hauptquartier hat, hat den langjährigen Vorsitzenden Rabbiner Israel Singer gefeuert. Singers Funktion nimmt nun Stephen E. Herbits wahr, den Bronfman zuvor von Seagram geholt hat, dem kanadischen Getränkekonzern, dem die Bronfman‐Familie ihren Reichtum verdankt. Vorausgegangen waren jahrelange Streitereien um 1,2 Millionen Dollar, wenn nicht sogar 3,8 Millionen Dollar auf Schweizer Konten, deren Verbleib sich nicht aufklären ließ. Nach Ermittlungen des New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer musste Singer im vergangenen Jahr rund 300.000 Dollar zurückerstatten, außerdem darf er keine Position mehr bekleiden, bei der er finanzielle Verantwortung tragen würde.
Mit Singers Abgang, hinter dem, der New York Times zufolge, Herbitz stecken soll, ist die Krise aber noch lange nicht zu Ende. Womöglich, so vermuten israelische Zeitungen, steht eine Spaltung des WJC in einen amerikanischen und einen israelischen Teil bevor. Denn der 77‐jährige Bronfman hatte vergangene Woche in einer telefonischen Konferenzschaltung mit dem israelischen WJC‐Büro angekündigt, er werde Bobby Brown entlassen, den israelischen Direktor der Organisation. Außerdem werde es keine Zahlungen an die Israelis mehr geben, und er werde die Finanzen der letzten zehn Jahre überprüfen. Die New Yorker seien „ganz offensichtlich verrückt geworden“, sagte Pierre Besnainou, der Präsident des European Jewish Congress zur Jerusalem Post. Shai Hermesh, der israelische WJC‐Vorsitzende, der für die Kadima‐Partei in der Knesset sitzt, schrieb an Bronfman, er sei „angewidert“. Die Israelis behaupten, ihnen sei während der Telefonkonferenz die Mikrofone abgestellt worden.
Inzwischen berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz, Bronfman finanziere mitnichten den größten Teil des 10‐Millionen‐Jahres‐Budgets des WJC, wie er das immer suggeriert habe. Tatsächlich komme das Gros des Budgets aus Spenden von Privatpersonen, Bronfman selber trage eher zwischen einer Million und 1,5 Millionen Dollar dazu bei. Zudem habe der WJC laut Spitzers Bericht horrende Gehälter an seine leitenden Angestellten gezahlt, und es habe bis Mitte 2004 praktisch keine Finanzaufsicht gegeben. Singer selber erhielt laut Haaretz allein im Jahr 2004 einen Bonus von 226.000 Dollar zusätzlich zu seinem Gehalt, dazu 186.000 Dollar unter anderem für eine Lebensversicherung, außerdem zahlte ihm der WJC 261.000 Dollar an Spesen, vornehmlich für Reisen, Einkäufe und Hotels.
Nach all diesen negativen Schlagzeilen ist es nun wahrscheinlich, dass sich der New Yorker Milliardär Ronald S. Lauder gegen Bronfman als Präsident des WJC durchsetzen wird. Bronfman, der bis 2009 gewählt ist, will das Amt an seinen Sohn Matthew vererben. Auch Besnainou inte‐ressiert sich für den Posten, der südafrikanische Unternehmer Mendel Kaplan ebenfalls.
Beim WJC kriselt es schon seit einigen Jahren. Die Organisation, 1936 in der Schweiz mit Unterstützung des legendären Rabbiners Stephen Wise gegründet, um den Nazis Paroli zu bieten, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren. Das änderte sich vor 27 Jahren, als Bronfman Präsident wurde. Die Bronfman‐Familie war während der Prohibition groß geworden, sie erwarb danach den Chemiekonzern DuPont sowie Universal Studios.
In den 90er Jahren drohte der WJC eine Klage gegen die Schweizer Banken an. Denn die hatten Gelder auf Nummernkonten von Juden, die im Holocaust umgebracht wurden, den Erben vorenthalten. Hier war Singer die führende Stimme. Damit aber machte er sich in der Schweiz wenig Freunde, schon gar nicht unter Schweizer Juden. Der Schweizerische Is‐ raelitische Gemeindebund wandte sich offen gegen den WJC und die Jewish Claims Conference, bei der Singer ebenfalls Präsident ist. Gleichzeitig überwarfen sich Bronfman und seine rechte Hand Singer mit Isi Leibler, einem australischen Juden und früheren Vize des WJC in Jerusalem, der den Zahlungen des WJC an Singer auf den Grund gehen wollte.
Beim Konflikt zwischen New Yorker und israelischen WJC‐Vertretern geht es im Kern aber um die Verteilung von Reparationsgeld. Bereits 2004 machte der frühere israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Vorstoß, Israel hier mehr Kontrolle zu geben. Die Israelis kritisieren, das ihr Land als Heimat der meisten Holocaust‐Überlebenden nicht hinreichend in den Gremien vertreten sei, die New Yorker werfen Israel vor, es habe selber Überlebende und ihre Erben nicht für Grundstücke oder verlorene Konten entschädigt.
Aktuell dreht sich die Auseinandersetzung um das Schweizer Bankengeld. Bereits 1998 haben sich der WJC und die Schweizer Banken auf einen Fond von 1,25 Milliarden Dollar geeinigt. Zwei Jahre später legte der Brooklyner Richter Edward Korman einen Verteilschlüssel fest. Nach den letzten verfügbaren Zahlen wurden bisher von den 1,25 Milliarden Dollar rund 780 Millionen Dollar entweder ausgezahlt oder zugesprochen. Davon gingen 165 Millionen Dollar an die Inhaber von Schweizer Konten oder deren Erben. Auch frühere Sklavenarbeiter, von der Schweiz abgewiesene Flüchtlinge und sowjetische Juden erhielten Geld. Es wird aber erwartet, dass einige hundert Millionen Dollar übrig bleiben.

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