Jugend

Machloikes in Heidelberg

von Heinz‐Peter Katlewski

Ein Schildchen nach dem anderen steckt Annette Böckler in leere Mineralwasserflaschen und verteilt sie im Tagungsraum der Heidelberger Jugendherberge. Am Ende sind zehn Flaschen bestückt: Frauen, Halacha, Israel, Kaschrut, Gebet, Reformen, Rituale, Übersetzungen, Tora, Prinzipien steht auf den Zetteln. Mit zehn Stichworten umreißt die Dozentin für Bibel und jüdische Bibelauslegung an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien ihr Thema: »Was ist eigentlich liberales Judentum?«
Annette Böckler beantwortet die Frage, indem sie jedem Teilnehmer an diesem Wochenende junger Erwachsener zwei kontroverse Positionen skizziert. Damit ausgestattet, finden sich Gruppen zu kleinen Workshops zusammen, in denen sie ausgewählte Themen anhand von Texten und weiteren Fragen über ihren Gegenstand diskutieren.
»Jung und Jüdisch Deutschland« hat zu seinem elften bundesweiten Treffen eingeladen, rund 60 junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren sind gekommen. Doch nur ein Drittel gehört liberalen Gemeinden an, die meisten kommen aus Einheitsgemeinden. Einige waren zuvor schon einmal bei einem der halbjährlichen Treffen. Andere sind noch dabei, eine ihrer Altersgruppe entsprechende jüdische Szene zu finden. Dieses Mal schauen sie bei den Liberalen vorbei, das nächste Mal vielleicht bei Seminaren der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland oder bei Chabad Lubawitsch.
Als »Jung und Jüdisch« vor fünf Jahren im November 2001 mit 40 Teilnehmern in Hannover ins Leben gerufen wurde, lag die Zielgruppe noch ganz bei den jungen Mitgliedern der Union progressiver Juden. Doch schon als sich ein halbes Jahr später beim Kölner Treffen 70 junge Männer und Frauen anmeldeten, waren die organisierten Liberalen nicht mehr unter sich. Der Zentralrat der Juden in Deutschland gewährte damals einen Zuschuß. Das bedeutete auch, sich für Mitglieder aus allen jüdischen Gemeinden zu öffnen. Seit drei Jahren ist es selbstverständlich, daß die meisten aus Einheitsgemeinden kommen, berichtet die Berliner Ethnologie‐Studentin Michelle Piccirillo. Zusammen mit der Ergotherapeutin Shira Walbe aus Hannover leitet sie derzeit »Jung und Jüdisch Deutschland« und hat das Heidelberger Meeting organisiert.
Für viele, die zum ersten Mal teilnehmen, beginnt der erste Abend mit einer Überraschung, für manche sogar mit einem Schock. Kabbalat Schabbat und Schabbat Schacharit werden nicht automatisch von Männern geleitet. Sie werden als egalitäre Gottesdienste gefeiert. In Heidelberg hat die Jugendherberge dafür den Disko‐Raum im Untergeschoß zur Verfügung gestellt. Männer und Frauen sitzen bunt gemischt. Den Gottesdienst leitet die Berliner Rabbinerin Gesa S. Ederberg. Sie gehört nicht zum Reformjudentum, sondern kommt aus der stärker traditionell orientierten Masorti‐Bewegung.
Als bei der Tora‐Lesung am Samstag morgen lauter Frauen die Tora umringen, sind einige Gottesdienstbesucher abermals irritiert. Wird die Tora nicht durch die rituelle Unreinheit der Frau während der Menstruation entheiligt? Beim nachmittäglichen Workshop mit der Rabbinerin bringen sie das zur Sprache. Sie beruft sich auf den Talmud (Berachot 22a), wonach die Worte der Tora überhaupt nicht unrein werden können. Die Torarolle könne nur durch materielle Beschädigung unrein werden. Und die Auffassung, daß Frauen beim Gottesdienst keine aktive Rolle einnehmen dürften, erklärt sie historisch mit der Art der Arbeitsteilung in der antiken und mittelalterlichen Gesellschaft.
Eine völlig andere Perspektive eröffnet sich, als Sergey Lagodinsky, früher Programmdirektor beim American Jewish Committee in Deutschland, geboren in Astrachan an der Wolga, sein Referat hält. Er spricht nicht von der Gleichberechtigung der Frauen – die nimmt er eher als selbstverständlich hin –, sondern von der Gleichberechtigung zwischen deutsch‐jüdischer Minderheit und der Mehrheit der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Er erwartet von den »deutschen Juden« in Deutschland eine Umorientierung. Die meisten Teilnehmer in Heidelberg kommen aus den Ländern der GUS. In manchen Fällen hört man es noch, in vielen Fällen nicht mehr.
Die alteingesessenen Juden stellten zwar die Minderheit in den Gemeinden, hätten aber häufig die Führungspositionen inne, betont Lagodinsky, der die ihm zugedachte Rolle als Provokateur bravourös spielt. Mit ihrer Machtposition versuchten sie, die Mehrheit der Mitglieder von nahezu 90 Prozent von oben herab nach ihren Vorstellungen von jüdischer Identität zu formen. Das werde nicht funktionieren und die Gemeinden auf die Dauer ausbluten. Die Zuwanderer seien in den Ländern der Sowjetunion in der Regel durchaus bewußte Juden gewesen, nicht jedoch im religiösen Sinne, sondern – wie es in ihrem Paß gestanden habe – als ethnische und kulturelle Gemeinschaft. Wenn sie hier in den Gemeinden so behandelt würden, als seien sie noch keine richtigen Juden und müßten erst einmal Tora lernen und eine deutsch‐jüdische Identität annehmen, dann treibe man sie aus den Gemeinden heraus. Dabei könnten sie den Juden hier einen neuen Stolz bringen, meint Sergey Lagodinsky. Anders als die traumatisierten Nachfahren der Displaced Persons in Deutschland mit ihrem schlechten Gewissen, nicht ausgewandert zu sein, verbänden die Zuwanderer mit einer russisch‐ oder ukrainisch‐jüdischen Herkunft die Erinnerung an die Schoa eher mit dem Sieg über die Nazi‐Herrschaft und die Befreiung der Lager im Großen Vaterländischen Krieg.
Der Beitrag löste eine heftige, zuweilen sehr emotional geführte Diskussion aus. Von russischen Klubs ist die Rede, von der mangelnden Bereitschaft Zugewanderter zum Ehrenamt, von Fremdenfeindlichkeit, von pauschalen Urteilen gegenüber den Alteingesessenen. Er habe auch keine Rezepte, gesteht Sergey Lagodinsky, er fordere nur einen respektvolleren Umgang mit der Vergangenheit.
Die beiden Organisatorinnen können zufrieden sein. Wie sie sich die Zukunft von »Jung und Jüdisch« in fünfzig Jahren vorstellen, sollten die Teilnehmer am ersten Abend mit Spontanskulpturen aus Staniolpapier darstellen. In ihrer Präsentation kreisten die Planeten um den Magen David. Eine kühne Vision. Aber ohne Visionen keine Zukunft.

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