Korallenriff

Luxushotels für Meeresbewohner

von Gil Yaron

Früher war Nadav Schaschar Kapitän eines israelischen Raketenbootes, heute will der Meeresbiologe mit der aggressiven Ideologie, die er in der Marine erlernte, Umwelt, Frieden und das Weltklima retten. Vor vier Jahren hatte Schaschar eine revolutionäre Idee: „Umweltschützer setzen sich dafür ein, das Korallenriff vor dem Urlaubsort Eilat am Roten Meer zu retten. Doch seit Jahren befinden wir uns auf dem Rückzug. Wir wollen das Bestehende erhalten, aber jedes Jahr verlieren wir mehr Korallen und Fische“, sagt der Forscher von der Ben‐Gurion‐Universität.
Noch vor 20 Jahren waren 70 Prozent der Korallen auf dem Riff lebendig, an manchen Stellen nur 20 Meter vor der Küste. Heute, so das israelische Umweltministerium, lebt nur noch rund ein Drittel der Korallen. Schaschar will nicht mehr nur defensiv vorgehen: „Wer die Umwelt schützen will, muss aktiv werden. Wenn man immer nur darauf wartet, dass wieder etwas zerstört wird, verliert man auf Dauer jeden Kampf.“
Das Korallenriff in Eilat ist besonders wertvoll. Die rund 1.200 Meter lange, bis zu vier Meter hohe Wand ist eines der nördlichsten Riffe der Welt. Dank stabiler und hoher Wassertemperaturen zwischen 21 und 30° C hat es eine besonders große Artenvielfalt: Mehr als 270 verschiedene Korallenarten, 1.270 verschiedene Fischarten und 1.120 Mollusken, ganz abgesehen von den Seeschildkröten, Tintenfischen und Delfinen, verwandeln dieses einzigartige Ökosystem in ein Taucherparadies.
Doch das Paradies ist in Gefahr. Die rasante Entwicklung des Seehafens Eilat als südliches Tor der blühenden israelischen Wirtschaft und die boomende Tourismusindustrie des ewig sonnigen Badeortes haben den Korallen schwer zugesetzt. Taucher richten, sei es aus Unwissen, Fahr‐ lässigkeit oder böser Absicht, immer wieder horrende Schäden an. Organische Abfälle, die ins Wasser geleitet wurden, haben das glasklare Wasser getrübt und das Wachstum schädlicher Organismen ermöglicht, immer wieder geraten beim Entladen der Handelsschiffe Schadstoffe ins einst reine Wasser. Besonderen Schaden hat die Marikultur angerichtet: Die Haltung von Fischen in Netzgehegen hat zur Überdüngung geführt. Zwar hat ein Gericht vor Kurzem endgültig die Entfernung der Fischfarmen bis zum Sommer angeordnet. Längst klärt die Stadt Eilat ihre Abwässer vorbildlich, bevor sie sie ins Meer leitet. Doch laut Schätzung von Umweltschützern kann es Jahrzehnte dauern, bis die empfindlichen Korallenriffe sich wieder erholen.
So lange wollte Schaschar aber nicht warten und erdachte deswegen ein neues Konzept. Dies soll nicht bloß die einzigartige ökologische Nische Eilats retten, sondern auch gleichzeitig dem Frieden mit dem Nachbarstaat Jordanien neue Inhalte verleihen und vielleicht eines Tages helfen, die Weltklimakatastrophe zu verhindern. Schaschar geht zur Offensive über: Anstatt Bestehendes zu schützen, schafft er neue Korallenriffe: „Je mehr künstliche Riffe wir errichten, desto besser gelingt es uns, Taucher von den natürlichen Riffen abzuhalten. Hier können wir bestehende Korallenarten vermehren und erforschen. Dies gibt uns die Möglichkeit, das Ökosystem im Golf von Akaba langfristig zu erhalten“, so die Vision Schaschars.
Zu diesem Zweck machte sich der Meeresbiologe vor vier Jahren mit mehreren Kollegen daran, künstliche Riffe zu konzipieren. Das Ergebnis jahrelanger Forschung mutet anfangs plump an. Es sind unförmige, metergroße Betonblöcke. Vor wenigen Monaten wurden die ersten Prototypen ins Wasser gestellt. Dann werden Korallen eingepflanzt, die vorher in speziellen Korallengewächshäusern herangezüchtet wurden. „Bisherige Versuche, Korallen im Meer künstlich anzusiedeln, waren eher primitiv“, erklärt Schaschar die Besonderheit seines Projekts. Er vergleicht sie mit Zelten, in denen Korallen ein dürftiger Unterschlupf geboten wurde. „Im Vergleich dazu ist unsere Entwicklung ein Drei‐Sterne‐Hotel“, sagt Schaschar stolz. Unzählige Faktoren müssen berücksichtigt werden, um die Betonblöcke, die wie riesige Hüftgelenke aussehen, korallenfreundlich zu gestalten, so etwa der pH‐Wert des Betons und die Strömungsrichtungen von Sand, Wasser und Nährstoffen.
Integraler Bestandteil seines Konzepts ist die Zusammenarbeit mit Jordanien. Unter der Leitung von Professor Fuad al Horani von der Meeresforschungsstation in Akaba, der jordanischen Nachbarstadt am Roten Meer, rief Schaschar ein grenzüberschreitendes Ökoprojekt ins Leben. Nach dem Pilotprojekt in Eilat wurden bereits drei künstliche Riffe in Akaba angelegt. Eine Korallenfarm in Israel und zwei in Jordanien produzieren hunderte Setzlinge im Jahr, die in die Betonblöcke eingepflanzt und zu einer Attraktion für Taucher werden. Während in anderen künst‐ lichen Riffen nur bis zu vier Arten angesiedelt wurden, leben in den Korallenhotels des Roten Meeres zwölf verschiedene Korallenarten, mit einer Überlebensrate von 70 Prozent. In den neuen Lebensräumen fanden hunderte Fische ein neues Heim.
Jugendaustausch ist ein wichtiger Bestandteil des Friedensprojekts. Vor vier Monaten fuhren israelische Kinder nach Akaba, um dort mit Jordaniern gemeinsam unter Wasser Algen zu pflanzen: „Das Riff auf der anderen Seite ist riesig und wunderschön. Unsere Gastgeber waren total nett. Ich will auf jeden Fall wieder rüber, um sie besser kennenzulernen“, schwärmt die 12‐jährige Lilach Schaschar.
Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein: „Der israelische Geheimdienst erschwert die Zusammenarbeit mit den Jordaniern erheblich“, klagt Schaschar. Seinem jordanischen Kollegen al Horani haben die bürokratischen Hürden inzwischen jeden Israelaufenthalt vergällt. Doch al Horani ist nicht der einzige, dessen Besuch verhindert wird, selbst hochrangige jordanische Regierungsbeamte erhalten nur nach großem Aufwand das Visum für Israel. Der Gegenbesuch jordanischer Schulkinder könnte, anstatt in israelischen Gewässern stattzufinden, wegen der bürokratischen Probleme ganz ins Wasser fallen. Bis Re‐daktionsschluss ging diesbezüglich keine Reaktion des Geheimdienstes ein.
Schaschar begnügt sich aber nicht mit der Aussicht, den Frieden und den Golf von Akaba zu retten. Die Umweltministerin der Seychellen hat bereits bei Schaschar vorbeigeschaut. Sollte der Meerespegel wegen des Klimawandels steigen, könnten künstliche Riffe ihre Inselgruppe vor Überschwemmungen schützen. Doch sie könnten den Seychellen auch noch anders nützen: „Hotels könnten sie vor dem Strand aufstellen, um Touristen anzuziehen, damit würden die natürlichen Riffe geschützt“, hofft der Meeresbiologe.
Ein weiterer globaler Aspekt kommt hinzu: „Korallenriffe binden genauso große Mengen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO2) wie tropische Urwälder“, sagt Schaschar. So gefährdet ihr Absterben das Weltklima gleich doppelt: Es fallen nicht nur Kapazitäten weg, das schädliche CO2 aus der Luft zu entfernen. Je höher der CO2‐Gehalt in der Luft wird, desto säurehaltiger wird das Meerwasser. „Tote Riffe könnten sich dann buchstäblich in CO2 auflösen, ihr Kalk ist nur eine andere Form des Treibhausgases“, warnt Schaschar. Seine künstlichen Riffe könnten, weltweit angewandt, in Zukunft einen erheblich Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dann, meint der ehemalige Marineoffizier, hätte sich der Einsatz gelohnt.

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