Chocolatiers haben Hochkonjunktur

Lust auf Süßes

von Gil Yaron

Das Leben in Tel Aviv ist bitter, oder ge‐
nauer gesagt, zartbitter, denn neuerdings überschwemmt eine braune Welle das Land. Schokolade in jeder nur denkbaren Form ist in aller Munde. Süßmäulern fällt es heutzutage schwer, die wichtigste Verkehrsader Tel Avivs zügig zu durchschreiten: Nicht weniger als acht Chocolatiers locken auf den knapp 2.400 Metern der Ibn‐Gvirol‐Straße ihre Kundschaft mit sündhaft teuren Pralinen, ganz abgesehen von zahllosen Kaffeehäusern und Bäckereien, die das Angebot mit Schokoladentafeln, kunstvoll dekorierten Kuchen und knusprigen Keksen ergänzen. Doch nicht nur Essen sollen die Israelis ihre Schokolade: Längst bieten Luxushotels Massagen in Schokosauce und Peeling mit Kaffeebohnen an, in Seminaren lernt man, den braunen Rohstoff kunstvoll zu gestalten. Schokolade ist eine magische Formel, um willigen Israelis Geld aus der Tasche oder Kalorien auf die Hüften zu zaubern.
Israels Trend zum „Theobroma“, wie Europäer den „Göttertrank“ der Azteken anfangs nannten, bleibt nicht auf Tel Aviv beschränkt: Selbst geschichtsträchtige Symbole, wie in den ersten Kuhstall des alten Kibbuz Deganiah Beit am See Genezareth, hat sich inzwischen anstelle egalitärer Milchkühe eine elitäre Pralinenfabrik eingenistet.
Von Eilat am Roten Meer bis zum „Schokoladenhaus“ an der Grenze zum Li‐
banon geben sich die Israelis ungehemmt einem andauernden Zuckerrausch hin, denn sie haben Aufholbedarf. Israelis verbrauchen mit 3,5 Kilogramm Schokolade im Jahr nur rund 40 Prozent dessen, was die Deutschen konsumieren, oder ein Drittel der Weltspitzenverbrauchs der Schweizer oder Österreicher, die sich das Leben jedes Jahr mit stolzen 10 Kilogramm Schokolade versüßen. Doch in Israel ist die Tendenz deutlich steigend: „Unsere Einnahmen im Schokoladenmetier steigen jähr‐
lich um mehr als 10 Prozent“, freut sich Ayelet Goldberg, Sprecherin des größten Milchkonzerns Strauss. Lang wurde der Markt vom legendären „Hashahar Haole“, einem sozialistischen Einheitsprodukt, do‐
miniert. Der undefinierbare Schokoladenaufstrich für hartgesottene Süßmäuler wurde im Winter knochenhart und zersetzte sich in der Sommerhitze in seine Be‐
standteile.
Zum süßen Sündenpfuhl wurde Israel erst durch einen ungewöhnlichen Kakaopropheten: „Ich wollte nur den einfachs‐ten Kurs des Arbeitsamts belegen, um in Ruhe an ei‐
nem Ro‐
man zu ar‐
beiten“, sagt Oded Brenner, Israels unangefochtener Schokoguru. Aus dem Kurs wurde eine Leidenschaft. Der erste Chocolatier Israels ließ sich an den besten Adressen Europas ausbilden: Vom Konditor Fritz Mayer im österreichischen Landeck ging er zum Zuckerbäcker Georg Maushagen nach Düsseldorf und zu Fouchon nach Paris. Als Brenner nach mehreren Jahren heimkehrte, trat seine Kakaohauskette „Max Brenner“ einen Siegeszug an, der inzwischen von New York bis nach Singapur reicht: „Schokolade ist mehr als nur Nachtisch: Sie erweckt in Menschen Assoziationen an die Kindheit, Romantik, Sex. All dem will ich in meinem Spezialrestaurant Ausdruck verleihen“, so Brenner, der seinen Roman noch immer nicht geschrieben hat. Wer nach langem Warten in der Schlange eine der sechs Zweigstellen in Israel betritt, muss auf seinem Weg zum Tisch an großen Bottichen vorbeinavigieren, in denen die das braune Gold umgerührt wird und die betörenden Schokoladenduft ausströmen.
In Brenners Kielwasser halten nun in‐
ternationale und israelische Chocolatiers im Heiligen Land Einzug und suchen einander in Originalität und Preisen zu übertreffen. Auf der Ibn‐Gvirol‐Straße blättert man einen Euro pro Praline hin, die wahlweise mit Chili, Rosenwasser, Salz oder arabischer Petersilie gewürzt sein kann. Kaffeehäuser servieren heißen Schokoladenkuchen als Standardnachtisch, der von entnervend schlanken Kellnerinnen auf großen Tellern mit Vanilleeis serviert wird, auf denen der cremig‐samtige Teig vor sich hindampft.
Bei all dem Überfluss grenzt es an ein Wunder, dass noch jemand unbeherrschbare Nostalgie für den „Haschahar Haole“ zu empfinden scheint. Doch der vielleicht größte Mundraub der Geschichte lieferte kürzlich in Haifa den Beweis für die Exis‐tenz des Nostalgikers: Unbekannte stahlen aus dem Werk fünf Lastwagenladungen mit 100 Tonnen des klebrigen Auf‐
strichs. Die Polizei fahndet noch nach den Tätern. Die dürften in wenigen Monaten an ihren Bäuchen erkennbar sein.

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