Gad Granach

Lili unterm Sternenhimmel

von Gad Granach

Kurz vor dessen Tod habe ich meinen Freund Ossi aus Hamburg gefragt: „Wo war unsere schönste Zeit?“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Am Toten Meer!“ Und das stimmt.
Ich habe mich schon 1940 in meinem Kibbuz zur Außenarbeit bei der „Palestine Potash Company“ am Toten Meer gemeldet. Im Sommer war die Hitze unerträglich, die erste Klimaanlage haben wir uns selbst gebaut. Das waren Kästen mit einem Ventilator drin; dann wurde gekühltes Wasser mit Schläuchen durch die Zimmer geleitet. Manche haben sich Pfahlbauten zusammengezimmert. Und in den Bergen gab es Höhlen, da herrschten im Sommer wie im Winter 27 Grad. Einige haben dann ihre Betten in die Höhlen geschleppt.
Ich fand alles schön. Vor allem das Essen. Wir vom Kibbuz waren verfressen, bei uns gab es doch nicht viel. Wir hatten zwar eine Hühnerfarm, aber ein Ei gab es nur einmal in der Woche, und dann wurde es wie mit dem Rasiermesser in zwei Hälften geschnitten und aufgeteilt. Aber die Potash Company war eine britische Firma, und die waren überzeugt, dass das Klima und die harte Arbeit da unten eine gute Ernährung erforderten. Wir haben zwei Mal am Tag Fleisch gegessen. An nichts gewöhnt man sich schneller als an Luxus. Wir waren in kürzester Zeit so verwöhnt, dass wir die Spiegeleier zurückgehen ließen, wenn das Eigelb ein wenig ausgelaufen war.
Nach unserer Schicht haben wir mit den Mädchen geflirtet, die in der Wäscherei und im Speisesaal arbeiteten. Da kamen vielleicht drei bis vier Jungs auf eine Dame. Die Konkurrenz war demenstprechend groß. Alle vier Wochen wurden wir in den Urlaub geschickt. Wenn wir zurückkehrten, ging das Mächen dann schon mit einem anderen. Kino oder ähnliches gab es nicht. Aber Radio. Eines Abends im Jahr 1942 um 22 Uhr 20 hörte ich den deutschen Soldatensender. „Wir beenden unser Programm mit Lili Marleen.“ Ich habe nicht gewusst, wer das ist. Aber dann spitzte ich die Ohren, und der Text ging mir unter die Haut. Lale Andersen mit ihrer tiefen Stimme: „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne, und steht sie noch davor.“
Am nächsten Tag um die gleiche Zeit saß ich mit Ossi vor dem Radio, in der Woche darauf haben schon alle zugehört. Ich habe den Text sogar ins Hebräische übersetzt. Das muss man sich vorstellen.
Das Tote Meer ist eine Welt für sich, 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Wenn der Wüstenwind aus dem Osten kommt, den unsere arabischen Arbeiter „Scharkiye“ nannten, dann kann man kilometerweit in die Berge schauen. Alles wirkt, als wäre es nicht ganz wahr. Nirgendwo habe ich einen schöneren Stern‐ nenhimmel gesehen. Und wir sitzen da und hören „Lilli Marleen“. Die Landschaft am Toten Meer ist etwas ganz Besonderes. Es gab ja damals noch keine Straße; wir sind mit dem Lastwagen von Jerusalem runter zum Meer gefahren und dann mit dem Schiff bis zur Potash Company. Das hat acht Stunden gedauert. Alles ist dort still, aber die Stimmen tragen weit; die Geräusche aus der Fabrik hörten wir schon, lange bevor wir ankamen. 1948 war es mit einem Schlag zu Ende. Wir sind weggelaufen, denn die arabische Legion hatte ja den Norden des Toten Meeres schon erobert.
Bei der Potash Company habe ich die Schmalspurbahn gefahren. Nach dem Krieg bin ich Werktraktorist geworden. Und wo hat man mich eingesetzt? In Beer Sheva. Von dort habe ich dann die Straße nach Sdom gebaut. Also war ich wieder am Toten Meer – und glücklich darüber. Die Straße gibt es übrigens heute noch.
Nach dem Sechstagekrieg, als man von Jerusalem wieder leichter ans Tote Meer fahren konnte, bin ich fast jedes Wochenende dort gewesen. Die Luft ist stark bromhaltig, das beruhigt. Nirgendwo konnte ich besser schlafen als dort unten. Am liebsten war ich in Ein Gedi; dort lag ich in den Pools mit dem warmen schwefelhaltigen Wasser und konnte schön die Mineralien spüren, die aus dem Toten Meer und dem Pool herausströmten. Und dann habe ich beobachtet. Die kurdischen Frauen waren fabelhaft. Die sind mit allen Kleidern ins Meer, dort saßen sie wie aufgeblähte Ballons. Dann haben sie die Kleider trocknen lassen, die wurden vom vielen Salz stocksteif. Naja, soll ja gesund sein. Für mein Asthma jedenfalls ist das Klima da unten die reine Kur.
Und heute: Machen sie alles kaputt. Der Wasserspiegel geht zurück, wie aus dem Nichts tauchen Löcher auf, in denen ganze Autos verschwinden. Ich frage mich wirklich: Braucht noch jemand Kali? Warum machen sie die Fabriken, die dort noch fördern, nicht einfach zu? Denn so etwas Ein‐ maliges wie das Tote Meer, das gibt es nirgendwo.

Aufgezeichnet von Sylke Tempel

Lesetipp: Gad Granach und Hilde Recher: Heimat los! Aus den Aufzeichnungen eines jüdischen Emigranten. btb Taschenbuch Verlag, 183 S., 8 Euro.

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