Chemnitz

Licht aus, Spot an

von Uwe Rechtenbach

Der Himmel über dem jüdischen Gemeindezentrum von Chemnitz hüllt sich langsam in Dunkelheit. Noch ein paar Augenblicke liegt der Saal im Schein des Abendlichts, das durch die breite Fensterfront fällt. Dann ist es soweit: der Saal erstrahlt im Licht der ausladenden Deckenleuchter, der Schabbat ist vorbei. In den Gesichtern der 40 Jugendlichen, die mitunter seit Freitag auf dem ersten »DeLeChe‐Schabbaton« im Gemeindezentrum sind, zeigt sich eine Mischung aus Freude und Wehmut. Denn einerseits kann jetzt ihre Samstagabend‐Party mit Tanz und Theater beginnen, andererseits wirken die Eindrücke des Schabbats nach. Was für viele religiös aufgewachsene Juden von Kindesbeinen an zur Lebenspraxis zählt, gehört für die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Chemnitz noch zu einer Art Neuland, das sie erst betraten, als sie aus den verschiedenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. »Für viele war es in ihrer einstigen Heimat nicht ohne größere Probleme möglich, ein Leben als religiöse Juden zu führen. Und so sind die meisten kaum noch mit den Zeremonien und Abläufen vertraut, die beispielsweise für den Schabbat unverzichtbar sind«, sagt Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Das bestätigt auch Elena Chernyak. Die 18‐jährige Abiturientin aus Leipzig war Gast der Schabbat‐Feierlichkeiten in Chemnitz. »Unseren Eltern ist früher viel von dem vorenthalten worden, was eine religiös lebende jüdische Familie über Glauben und Traditionen gelehrt bekommen sollte. Und so bin ich also ganz froh darüber, wenn ich wie hier Gelegenheit habe, meinen Glauben zu praktizieren und das Wissen darüber vertiefen zu können.« Zudem sind solche Tage auch eine Möglichkeit, jüdischen Jugendlichen aus anderen Gemeinden zu begegnen. Und das ist wiederum nicht ganz unwichtig, wenn sich neben den Angelegenheiten des Glaubens vielleicht auch ein wenig in denen des Herzens bewegen soll. »Für mich steht eigentlich fest, dass mein Freund oder späterer Mann nur einer mit jüdischem Glauben sein kann. Und der lässt sich wahrscheinlich eher bei solchen Veranstaltungen treffen, als in irgendeiner Disko«, ist sich Elena sicher.
Der Wunsch vieler jüdischer Jugendlicher nach einem religiös orientiertem Leben hat auch Einfluss auf die Entwicklung in den jüdischen Gemeinden. »Die Chemnitzer Gemeinde hat sich bisher traditionell als eher liberal verstanden. Aber mit dem Zuwachs aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist ein Wandel eingetreten. Denn viele der neuen Mitglieder wünschen sich eine stärker orthodox orientierte Gemeinde«, sagt Röcher. Den Willen von jüdischen Jugendlichen aus der Ex‐Sowjetunion, sich der eigenen Herkunft bewusst zu werden und die Religion als festen Bestandteil des Lebens zu verstehen, hat auch Zeevi Shlezinger gespürt. Der 24‐jährige Israeli ist für ein Jahr nach Deutschland gekommen, um die Jugendarbeit von ostdeutschen jüdischen Gemeinden zu unterstützen und reiste deshalb viel in Sachsen herum. Selbst in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen, kann er viel zur Vermittlung jüdisch‐religiöser Lebenspraxis beitragen und bei der Aneignung der hebräischen Sprache behilflich sein. »Die Jugendlichen, die ich hier kennengelernt habe, sind wirklich sehr an religiöser Lebensführung interessiert und wollen viel über Traditionen, Sprache und Glauben des Judentums erfahren«, sagte Shlezinger, der demnächst nach Israel zurückkehren wird und deshalb auch am Samstagabend eine Art Abschiedsparty feierte.
Und damit sich der Gedanke, eine große jüdische Familie zu sein, auch unter den Jugendlichen verbreitet, ist Ruth Röcher daran gelegen, stets einen Austausch zwischen den Gemeinden zu organisieren, der wie in diesem Falle in der gemeinsamen Feier des Schabbats von Kindern und Jugendlichen aus Gemeinden wie Leipzig, Dresden und Chemnitz besteht.

Grossbritannien

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