Chemnitz

Letzter Liebesdienst

von Tobias Kühn

Tote waschen? Daran hätte Ina Loutchanskaia früher nie gedacht. »Ich bin Ärztin. Ich will mit Lebenden zu tun haben.« Doch als sie vor acht Jahren von Tscheljabinsk, einer Millionenstadt hinter dem Ural, nach Deutschland kam, endete ihre Karriere als Kardiologin. Heute ist sie 70. Vor zwei Jahren gründete sie zusammen mit der Religionslehrerin Ruth Röcher den Chemnitzer Krankenbesuchsverein Bikkur Cholim. Die Arbeit mit den Alten und Kranken hat ihr Leben verändert. So stark, daß sie die Tahara lernen möchte, die rituelle Totenwäsche. Und weil man die nicht allein durchführt, suchte Ina Loutchanskaia Gleichgesinnte, um eine Chewra Kadischa zu gründen, eine Beerdigungsbruderschaft. An diesem Freitag steht sie im Foyer des Chemnitzer Klinikums. Im Untergeschoß werden sie eines Tages die Toten waschen.
Der lange Kellergang ist spärlich beleuchtet, Rohre ziehen sich an der Decke entlang, es riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch. Zwanzig Männer und Frauen folgen einem Mann in rosa Hose, Kasack und weißen Schlappen: Jörg-Olaf Ha- beck, dem Chefpathologen des Krankenhauses. Er blickt ernst, redet kaum. Viel spricht ein anderer: Rabbiner Marcel Ebel aus Zürich. Der scheint sich auszukennen, obwohl er noch nie hier war. »So sieht es in jedem Spital auf der ganzen Welt aus«, sagt er. Er muß es wissen, er gilt als Autorität auf dem Gebiet der jüdischen Ethik; wie nur wenige kennt er sich aus mit Sterben, Tod und Begräbnis. Ina Loutchanskaia und Ruth Röcher haben ihn eingeladen. Er soll ihnen erklären, worauf es an- kommt bei der Totenwäsche.
»Die Tahara ist die höchste Stufe von Menschenliebe«, sagt der Rabbiner. »Denn derjenige, an dem wir diese wichtige Mizwa tun, wird uns keinen Lohn dafür geben.« Die Teilnehmer nicken. Daß die Tahara nicht bezahlt wird, ist allen klar. Doch manche überlegen noch, ob sie schon mit dem Tod umgehen können.
Bei der Tahara geht es nicht um Reinheit im Sinne von Sauberkeit, sondern um Spirituelles. Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, erklärt der Rabbiner, sei er frei von Sünden, vollkommen rein, das heißt, er ist nur von Leben umgeben. Der tote Körper hingegen ist unrein. Indem man den Toten wäscht, bringt man ihn wieder zurück in den Zustand der Reinheit. Die Seele verläßt den Körper, um zu Gott zurückzukehren. »Damit sie sich vor dem Ewigen nicht schämen muß, wird der Tote gewaschen«, sagt der Rabbiner.
Am Ende des dunklen Gangs betreten die Männer und Frauen einen fensterlosen Raum. Graue Kacheln am Boden und an den Wänden, hochgefliest bis zur Decke. Zwölf graue Türen, eine neben der anderen, schwere Hebel halten sie verschlossen. Massiv wie sie sind, könnten sie Tresore schützen , doch hinter ihnen befinden sich Kühlzellen. Vier Namensschilder hängen an jeder Tür. Der Chefarzt öffnet eine. Die Besucher halten die Luft an. Zum Vorschein kommen vier Edelstahlbahren, leer, eine über der anderen. Die Kühlschränke halten den Verwesungsprozeß auf, erklärt Ebel.
»Hier in einer dieser Kühlzellen werden Sie dann den Toten finden, den Sie waschen werden«, erklärt der Rabbiner. »Aber passen Sie gut auf, daß Sie den richtigen aus dem Kühlschrank nehmen.« Niemand lacht. Chefarzt Habeck erklärt, daß jeder Verstorbene in der Kühlzelle einen Fußzettel mit Namen, Vornamen und Geburtsdatum trage. »Das ist Vorschrift in Deutschland. Bitte kontrollieren Sie diese Angaben. Sie müssen mit dem Totenschein übereinstimmen.« Die Seminarteilnehmer notieren sich, was Rabbiner und Chefarzt sagen. Fragen haben sie vorerst keine. Die Männer und Frauen gehen den langen dunklen Gang zurück. Sie sprechen nur leise miteinander. Geschirrgeklapper durchbricht die Stille. Eine Tür steht offen – die Teeküche. Eine Krankenschwester trocknet Tassen ab. Für sie ist der Umgang mit dem Tod Alltag.
Die Gruppe tritt in den Sektionsraum. Milchglasfenster tauchen ihn in sanftes Tageslicht. Es riecht nach Formalin. Solange es auf dem Friedhof der Gemeinde noch nicht möglich ist, Tote zu waschen, stellt Chefarzt Habeck der Gemeinde seinen Arbeitstisch zur Verfügung, auf dem er sonst Leichen obduziert.
Einige der Besucher werden blaß. Ina Loutchanskaias Wangen bleiben rot. Die Ärztin ist nicht das erste Mal in einem Sektionsraum. »Mit dem Hubwagen fahren Sie ihren Toten hierher«, sagt der Rabbiner. »Und hier«, er zeigt auf den kompakten Edelstahltisch mit Löchern, durch die Wasser und Blut abfließen können, »hier wird der Tote entkleidet und gewaschen«.
»Zu zweit übergießen Sie nun den Toten mit Wasserschöpfern«, erklärt Ebel weiter. Einmal vom Kopf bis zur Mitte des Körpers, dann von der Mitte bis zu den Füßen. Ein Teilnehmer bedeckt den Mund, damit kein Wasser hineindringen kann. »Das höchste Gebot bei dieser Arbeit ist Kawot haMet, die Ehre des Toten«, betont der Rabbiner. Wie die Waschung genau abläuft, erfahren die Teilnehmer später im Gemeindehaus. Sie üben es – an einer Schaufensterpuppe.
Es gebe Momente, wo einem das Herz fast breche, weiß der Rabbiner. Doch ein wichtiges Gebot sei: »Was wir sehen, sehen wir, aber wir reden nicht darüber.« Vor einer Tahara spricht man ein Gebet. »Wir bitten darum, daß diese Tat uns hoch angerechnet werden möge. Und nicht nur wir selbst, sondern unsere ganze Familie soll glücklich sein bis ins hohe Alter.« Ina Loutchanskaia lächelt. Und wenn es eine schöne Tahara war, sagt der Rabbiner, dann trinkt man nachher einen Schnaps. »Wir haben den Tod gesehen – wir wünschen uns das Leben. Le Chajim!«

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