Limmud

Lernen und lieben

von Michael J. Jordan

Inna Lapidus und Boris Kinber gehören zum festen Bestandteil des baltischen Judentums. Sie sind ein leuchtendes Beispiel nicht nur für den Neuanfang jüdischen Lebens in Litauen, Lettland und Estland, sondern auch für die Bemühungen, die kleinen Gemeinschaften in den drei baltischen Staaten zu einen.
Es war vor zwei Jahren, als Lapidus, die aus Tallinn stammt, an ihrem ersten Limmud in Litauen teilnahm, um sich in alles Jüdische zu versenken und mit anderen Juden zusammen zu sein. Ein Freund stellte sie dann dem 35‐jährigen Boris Kinber aus der lettischen Hauptstadt Riga vor. So entspann sich eine Limmud‐Liebesgeschichte über die Entfernung hinweg, während Kinber und Lapidus, die damals an der Sorbonne Französisch studierte, sich einmal im Monat in Paris, Tallinn oder Riga trafen. An ihrer Hochzeit im Oktober nahmen Gäste aus dem ganzen Baltikum und anderswoher teil. „Wenn man in seiner Umgebung keinen Partner findet, macht man sich eben auf die Suche“, sagt Lapidus, die die jüdische Oberschule in Tallinn absolviert hat.
Anfang Februar besuchten die Neuvermählten die vierte jährlich stattfindende litauische Limmud‐Konferenz, begleitet von Lapidus’ Eltern Natalja und Ilja, die sich mit anderen estnischen Juden in drei Doppeldeckerbussen auf die zehnstündige Reise in die litauische Hauptstadt gemacht hatten. „Ich lebe in einer kleinen Gemeinde, in der es nicht viele Menschen gibt, von denen man etwas lernen kann. Außerdem haben wir wenig Freizeit“, sagt die 57‐jährige Natalja, die als Pathologin arbeitet. „Limmud bietet so viele Möglichkeiten.“
Der Bund von Inna Lapidus und Boris könnte zum Symbol für das Wesen von Limmud werden: Raum zu schaffen für jüdisches Lernen und Begegnung. Limmud ist der neueste Vorstoß, der dem Ziel dient, ein zusammenhängendes jüdisches Baltikum zu schaffen. Die Unternehmungen reichen von Ferienlagern für Kinder über Wochenendtreffen für Teenager und junge Leute, bis zu Limmud, das von der sogenannten fehlenden Generation – Menschen, die in der kommunistischen Epoche aufwuchsen – und jungen Familien dominiert wird. Doch die vielen Angebote von Limmud allein können nicht erklären, warum sich so viele Angehörige der baltischen jüdischen Gemeinschaft, die auf nicht mehr als 25.000 Menschen geschätzt wird, in diesem Viersterneresort in der waldreichen, schneebedeckten Umgebung Wilnas einfanden. Mehr als 1.000 einheimische Juden kamen.
Der Andrang war so groß, dass die Gäste auf drei Hotels aufgeteilt werden mussten. Ein Bus‐Shuttle wurde eingerichtet. Zum Abendessen füllten sie den angrenzenden Ballsaal fast zur Gänze. „Im Verhältnis gesehen, ist das die größte Veranstaltung in der ganzen jüdischen Welt“, sagt Andres Spokoiny, der für die Region zuständige Vertreter des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC). „Es zeigt, wie groß das Verlangen nach einer Neuanbindung an das Judentum ist und dass diese Wiederanbindung in einer offenen, pluralistischen Umgebung geschieht. Und wenn sie sich in dem erwähnten Ballsaal umschauen und 1.000 Menschen sehen, haben Besucher das Gefühl, sich an der Geschichte zu rächen“, meint Spokoiny.
In jüngster Zeit wurden Limmud‐Konferenzen in der Türkei, in Australien, Deutschland, den Niederlanden und in New York organisiert. Nach Wilna kamen Menschen aus Bulgarien, Weißrussland und Argentinien, um zu erkunden, ob die Limmud‐Formel auch in ihren Ländern anwendbar ist.
Für die Juden in Wilna hat die aggressive antireligiöse, assimilatorische sowjetische Politik in den fünf Jahrzehnten nach dem Holocaust dazu geführt, dass sie sich noch weiter von ihren Wurzeln entfernt haben. Doch aufgrund der Symbolik und des Potenzials der Stadt hat sich die jüdische Gemeinde von Los Angeles bereit erklärt, das Limmud in Wilna gemeinsam mit dem JDC zu fördern. „Uns schien es einfach sinnvoll, eine Partnerschaft mit einer Gemeinde einzugehen, die einmal ein Zentrum des Lernens war und es wieder werden könnte“, sagt Diane Fiedotin, Vertreterin der Vereinigung von Los Angeles. „Die Gemeinde hier ist lebendig, kein Relikt, wo nur darauf gewartet wird, dass der letzte Jude stirbt.“
Tatsächlich schien das Wochenende das gesellschaftliche Ereignis der Saison zu sein. Es lagen Welten zwischen dem Bild von den Ex‐Sowjetbürgern, die von der Diaspora abhängig waren und den selbstbewussten, wohlhabenden Mitgliedern einer wachsenden Mittelschicht, die dieser Limmud anlockte – Menschen, die pro Familienmitglied 70 Dollar oder mehr für ein Zimmer im Nobelhotelzimmer auszugeben bereit waren. Die Kombination von Dutzenden Vorträgen – deren Themen von jüdischer Geschichte, Kultur und jüdischen Traditionen bis hin zu Humor, Ethik und Sex reichen, Unterhaltungsprogramm am Abend mit Liedern und Tänzen und eine russische Komödiantin – lässt viele bereits Monate im Voraus das Limmud‐Wochenende im Kalender anstreichen, berichteten Teilnehmer.
„Es ist ein Familienseminar, und wir versuchen, alles gemeinsam als Familie zu tun“, sagt der 25‐jährige Daniel Tsomik aus dem litauischen Kaunas, der zusammen mit seiner Frau Margarita, seinen Eltern, seiner Schwester und deren Freund anwesend war. Margarita ergänzt: „Im Alltag leben wir unter Litauern, daher ist es gut, dass wir Gelegenheit haben, uns daran zu erinnern, dass wir jüdisch sind und am jüdischen Geist teilhaben.“
Für andere war es weniger eine Erinnerung als ein Augenöffner. Für den 15‐jährigen Daniel Ciser war es das erste Limmud, an dem er gemeinsam mit seinem Onkel David, der in Riga einen Laden hat, teilnahm. Die Cisers besuchten Vorträge über den Holocaust und die Geschichte des jüdischen Unternehmertums – Letzteres ist ein Thema, das Daniel ganz besonders anspricht. Er plant, in das Familiengeschäft einzusteigen. „Ich interessiere mich für jüdische Themen“, sagt Daniel, „will aber auch mit anderen Juden zusammen‐ treffen, Freundschaften schließen und in Erfahrung bringen, wie sie im Baltikum leben.“
Als im Verlauf des Wochenendes die Gesichter vertrauter wurden, erwärmte sich das Klima spürbar, was den Anspruch eines Familienereignisses glaubwürdig erscheinen ließ. Tatsächlich gab es mindest‐ ens eine Familie, die nach langer Trennung wieder zueinandergefunden hat.Yair Kamaisky, Dozent für jüdisches kulturelles Leben aus Israel, wurde in Lettland geboren und wanderte 1971 im Alter von elf Jahren nach Israel aus. Nach einem seiner Vorträge sprach ihn eine Frau mittleren Alters an. „Wissen Sie, dass wir Verwandte sind?“, fragte sie Kamaisky. Es stellte sich heraus, dass sie mit einem entfernten Verwandten verheiratet war. Kamaisky: „Es war richtig nett. Wenn und falls ich wiederkomme, werden wir uns bestimmt treffen. Eine Menge Menschen hier kennen sich seit Jahren. Es herrscht ein echtes Gemeinschaftsgefühl“, sagt er.

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