Wasser

Lebensspender

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Wasser ist in der rabbinischen Metaphorik ein Synonym für die Tora. Zum Beispiel der Brunnen, an dem sich Jakow und Rachel begegnen: Die Rabbinen deuteten ihn als einen Ort, an dem die Tora zur Wirkung kam. Ebenso symbolisiert das Untertauchen in einer Mikwe ein Eintauchen in den Ursprung, in die Quelle und damit in die Lehre. Der Prophet Jeremia ging sogar so weit zu sagen, Gott selbst sei die »Mikwe Jisrael«, ein Tauchbad zur spirituellen Reinigung der Israeliten.
Wasser ist Leben. Wenn die Parascha Chukkat beschreibt, wie Mosche auf den Felsen einschlägt, damit Wasser daraus hervorspränge, sehen wir das Szenario der Wüste, in der die Menschen zu verdursten drohten. Aber ging es allein um Trinkwasser? In der Abfolge der drei nur auf den ersten Blick voneinander unabhängig erscheinenden Themen der Parascha Chukkat erschließt sich das Motiv des Wassers auch in seiner anderen Bedeutung: Wasser als Synonym für die Tora. Die Metapher verknüpft die drei Abschnitte zu einer verblüffend komplexen Aussage über die Wirkkraft der Tora.
Der erste Abschnitt (Kapitel 19) enthält die Vorschriften zur Roten Kuh: einem besonderen Opfer, das Menschen, die mit Toten in Berührung gekommen waren, rituell reinigen sollte. Die Asche der Roten Kuh war für das »Reinigungswasser« (meij nidda) bestimmt. Es entsühnte den Betroffenen von der spirituellen Sphäre des Todes und erlaubte ihm, das Heiligtum des Ewigen wieder zu betreten.
Der zweite Abschnitt (Kapitel 20) berichtet von Mirjams Tod. Sogleich gab es kein Wasser. Mirjam verkörperte den mythischen »Brunnen«, der die Israeliten in der Wüste begleitete. Mit dem plötzlichen Versiegen dieser Wasserquelle entstanden gleich mehrere Dilemmas. Abgesehen vom unmittelbaren Durst der Menschen, mussten alle, die mit Mirjams Leichnam in Berührung kamen, sich dem Ritual der Roten Kuh unterziehen. Doch es gab kein Wasser. Das von Gott verlangte Sühneritual ließ sich nicht ausführen. Wer sich nicht reinigte, durfte nun auch nicht mehr das Heiligtum des Ewigen betreten. Schlimmer noch: Wenn mit dem Tod Mirjams das Wasser versiegte, also ein Ort des Lebens, an dem die Tora zur Wirkung kam, versiegte damit nicht auch die Tora selbst? Einen Moment lang geriet Mosche in Panik. Voller Gewalt schlug er auf einen Felsen ein.
Das aus dem Felsen hervorspringende Wasser nennt die Tora »Haderwasser« (meij meriwa). Begreift man auch dieses Wasser als Sinnbild für die Tora, dann steht es für eine Tora, deren Anhänger in Zeiten der Krise weniger auf Gott als lebensspendenden Ursprung vertrauen als auf eine mythische Persönlichkeit wie Mirjam, an deren Leben und Sterben sie das Vorhandensein von Wasser knüpfen. Eine solche, immer noch im Mythos wurzelnde Vorstellung muss Gott erzürnen. Das mit Gewalt hervorgebrachte Wasser, eine – wenn man bei der Metaphorik bleibt – »erzwungene« Tora, kann jedoch nicht zum Ziel führen. Mosche soll das Land sehen, aber nicht betreten.
Zwar löschte das »Haderwasser« den unmittelbaren Durst von Mensch und Vieh. In den darauffolgenden Abschnitten (Kapitel 20 und 21) ging es vorerst jedoch nicht mehr weiter. Der König von Edom blockierte den Durchzug der Israeliten durch sein Land. Man war gezwungen, Umwege zu wählen. Kriegerische Auseinandersetzungen, Schlangen, Aharons Tod, Ungeduld und Streit, Überdruss des Mannas und immer wieder Wassermangel beschreiben eine paralysierte Situation. Die Beziehung zwischen den Israeliten und Gott erscheint seit der Geschichte mit dem Haderwasser gestört. Der Weg durch die Wüste kommt dem Ziel nicht näher.
Doch irgendwann in diesem ganzen Nichtweiterkommen bekennt plötzlich das Volk gegenüber Mosche: »Wir haben gesündigt, da wir gegen den Ewigen und dich solche Reden geführt haben.« Und genauso plötzlich löst sich an der Grenze zu Moaw die Paralyse. Plötzlich fließt wieder Wasser, fließen die Bäche des Arnon und führen zum »Brunnen«.
»Von dort nach Be’er, das ist der Brunnen, den der Ewige Mosche ankündigte: Versammle das Volk, ich will ihnen Wasser geben.« Das Volk singt ein Lied: »Steig auf, o Brunnen! Singet ihm zu!« (4. Buch Moses 21,16-17). Auf einmal gelingt der Durchbruch. Der Krieg gegen die Emoriter geht zugunsten der Israeliten aus. Der Weg ist frei bis an die Steppen von Moaw.
Im Sinnbild des Wassers als Synonym für die Tora vermitteln die verschiedenen Themen der Parascha Chukkat eine komplexe Aussage über die Wirkkraft der Tora. Das in den Bestimmungen zur Roten Kuh genannte Wasser reinigt den Menschen spirituell von der Sphäre des Todes und eröffnet ihm den Weg ins Heiligtum des Ewigen. Das aus dem Felsen herausgeschlagene Wasser steht hingegen im Zeichen des Haders und behindert diesen Weg.
Tora, richtig angewandt, läutert den Menschen in seiner Beziehung zu Gott. Tora, falsch angewandt, blockiert diese Beziehung und damit den Menschen selbst. Eine mit Gewalt erzeugte und durchgesetzte Tora kann nicht zum Ziel führen. Die Blockaden – durchaus auch die eigenen, inneren Blockaden – sind das beste Indiz dafür, dass die Tora gerade falsch angewandt wird. Eine solche komplexe Einstellung zur Tora – vor allem durch die Metapher des Wassers – beschreibt eine Tora im Fluss, dessen Strom unterbrochen wird, wenn mythisch-monolithische Auffassungen von der Tora in Gewaltakte münden. Die Tora begreift sich hier nicht nur als geoffenbarter Text oder als mündliche Auslegung der Rabbinen, sondern in der Unmittelbarkeit, in der Menschen ihre Beziehung mit Gott erleben.

Die Autorin ist Rabbinerin der Gemeinde Beit Ha’Chidush in Amsterdam und des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main.

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