Zuwanderer

Leben am Roten Platz

von Marlies Bilz‐Leonhardt

Gehwege aus roten Pflastersteinen führen zu rot verklinkerten Mietshäusern. Rot geflieste Treppen, Balkone, Einbauküchen und Duschbäder. Die vorherrschende Farbe hat dem Wohnviertel an der Bosauer Straße in Lübeck ihren Spitznamen gegeben: »Der rote Platz«. Er steht zwar in keinem Adressbuch, die Anwohner aber lieben ihren »Roten Platz«, die meisten von ihnen sind russischsprachige jüdische Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von viel Grün umgeben gruppieren sich die roten Fassaden entlang der Straße und rund um einen Platz an ihrem Ende. »Wir konnten es kaum fassen, dass in unserem Viertel nicht nur die Häuser aus rotem Ziegelstein sind, sondern sogar die Treppen in den Häusern und die Fußwege. Welch ein Unterschied zu unserer alten Heimat, wo die Häuser grau waren und die Fußwege marode, in den Außenbezirken oft nicht befestigt, so dass sie sich bei Regen in Schlammwüsten verwandelten«, erzählt Elisaveta Panteleeva. Am meisten beeindrucken sie die rot gepflasterten Gehwege. Mit Klingelanlagen, Fahrstühlen, farbig gestrichenen Treppenfluren bietet das Viertel modernen Komfort. Eine schöne Wohnung haben die russischsprachigen Juden am Roten Platz gefunden. Doch fühlen sie sich in der neuen Heimat auch wohl?
Vor zehn Jahren kam Eduard Stelmach in die norddeutsche Hansestadt. Er ist ein gepflegter älterer Herr mit feingeschnittenen Gesichtszügen und wachen blaugrünen Augen. Seine 82 Jahre sieht ihm niemand an. Er ist in Kiew geboren und kam als junger Marinesoldat nach Tallinn, wo er seine Frau kennenlernte. Als Offizier der sowjetischen Marine lebte er mit ihr viele Jahre dort. In der estnischen Hauptstadt wurde auch seine Tochter geboren. Beruflich trat sie in die Fußstapfen ihrer Mutter Galina und wurde ebenfalls Funk‐ und Fernsehjournalistin. Sie lebt mit ihrer Tochter auch heute noch in Tallinn, be‐ sucht aber ihren verwitweten Vater so oft wie möglich.
Eduard Stelmach spricht besser Deutsch als viele seiner Landsleute. Die Sprache hat er schon in der Schule gelernt. Er vergaß sie nicht, denn als Ingenieur arbeitete er 1953 bis 1955 bei der Neptun‐Werft in Rostock, danach kehrte er nach Tallinn zurück und arbeitete dort als Ingenieur bei einer deutschen Firma in der Qualitätsssicherung. Deutsch gehört schon lange zu seinem Alltag.
Die Stelmachs kamen 1997 nach Deutschland. Doch Eduards Ehefrau verstarb wenige Monate nach ihrer Ausreise. Und so lebt er schon lange allein in seiner mit Andenken aus der Heimat und Fotos seiner Familie geschmückten Zweizimmerwohnung.
Mit seiner stets sorgfältig ausgewählten und gepflegten Kleidung und seiner be‐ dächtigen Art ist Eduard Stelmach in seiner Nachbarschaft hoch angesehen. Auch zu Hause trägt er, wenn Gäste kommen, ein korrekt gebügeltes graues Hemd, dazu eine Baumwollhose. Ein Paar rote offene Sandalen und Hosenträger sind die einzigen Hinweise, dass auch er es sich in seiner Wohnung bequem macht. Bei Tee und kalifornischen Rosinen, die er sehr liebt, erzählt Eduard von seiner Familie, vom Leben in Tallinn und in Lübeck.
»Es gibt überall gute und schlechte Menschen«, sagt Stelmach, gefragt, ob es nicht schwierig war, sich für ein Land zu entscheiden, das das Judentum vernichten wollte. »Nicht alle Deutschen waren Nazis«, sagt er dann einfach.
In Lübeck engagiert sich Eduard Stelmach seit Jahren intensiv für die jüdische Gemeinde. Er berät seine Landsleute bei sozialen Problemen, hilft ihnen bei der Wohnungssuche, begleitet sie zu Behörden und Ärzten. Die Gottesdienste in der Synagoge besucht er regelmäßig. Für ihn ist das Gotteshaus ein Ort religösen und gesellschaftlichen jüdischen Lebens. Israel bedeute ihm viel, sagt er, es sei für die Juden der Welt lebenswichtig, dass es diesen Staat gäbe, doch leben wolle er in Lübeck.
Ähnlich geht es auch Edouard und Elena Jankelevitch, einem Ehepaar beide um die 70. Sie kamen 1996 aus Brjansk nach Lübeck. Beide haben eine solide handwerkliche Ausbildung und arbeiteten als Mechaniker in einem großen Brjansker Betrieb. Ihre Tochter kam ebenfalls nach Deutschland und lebt mit Mann und Sohn nicht weit entfernt, in Hamburg. Der Sohn der Jankelevitchs blieb in Russland. Er arbeitet im Management einer amerikanischen Firma.
Auch ihre Zweizimmerwohnung liegt am »Roten Platz«. Sie ist gemütlich eingerichtet. Mit einem Raumteiler ist die Küchenzeile vom Wohnbereich abgetrennt. »Das hat Edouard selbst gebaut«, erklärt Elena und weist auf ein Regal. Darin stehen zahlreiche Ziergefäße aus Metall. »Indische Handarbeit«, wie Edouard stolz anmerkt. Elena sammelt Porzellanfiguren. Möglichst solche, die sich drehen lassen und dabei Musik spielen. An einem Regal baumelt eine Walpurgisnachthexe aus dem Harz. »Jetzt habe ich zwei Hexen im Haus«, sagt Edouard und sieht dabei liebevoll seine Frau an.
Die desaströse Zeit der Perestroika, als Gehälter nicht gezahlt wurden und die Läden leer waren, ließ ihren Entschluss reifen, nach Deutschland zu gehen. Sie haben es nicht bereut. Schnell fanden sie Anschluss an die jüdische Gemeinde. Edouard Jankelevitch liest regelmäßig in der Tora. Ein Buch, so sagt er, in dem die ganze Weisheit des menschlichen Lebens vereint sei. Deutsch haben die Eheleute in der Schule gelernt, gesprochen haben sie es in ihrer alten Heimat nicht. Jetzt lesen sie deutsche Zeitungen, schauen deutsches Fernsehen, haben deutsche Freunde. Im November waren die Jankelevitchs bei Verwandten in Israel. Dort leben möchten sie aber nicht. Das ganze Jahr Hitze, die karge Vegetation, das sei nichts für sie.
Erstaunt waren sie, als sie entdeckten, dass auf dem nahen Vorwerker Friedhof ein Ehrenmal zum Gedenken an die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs steht. Es ist allen Soldaten gewidmet, auch den russischen. »Daran sollte Russland sich ein Beispiel nehmen«, mahnt Edouard. Noch heute wird in Russland am 9. Mai mit großem Pomp der Sieg der Sow‐ jetunion im Zweiten Weltkrieg gefeiert. An dem Ehrenmal auf einem christlichen Friedhof in Lübeck gedenken seit zehn Jahren jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR dieses Tages. Jankelevitchs Vater war 1945 bis 1947 bei der Sowjetischen Kommandantur in Berlin zuständig für die Versorgung der Berliner Bevölkerung mit Lebensmitteln. »Einst half mein Vater den Deutschen«, sagt er, »jetzt helfen die Deutschen uns.«

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