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Prag: Soll deutsche Baufirma das jüdische Seniorenheim bauen?

von Kilian Kirchgessner

Eigentlich sollte es das Vorzeigeprojekt der Jüdischen Gemeinde in Prag werden, das Seniorenheim am Rande der tschechischen Hauptstadt. Jahrelang sammelten die Mitglieder Geld und Ideen für den Neubau, in dem einmal 60 Bewohner unterkommen sollen. Jetzt ist um das Sechs-Millionen-Euro-Projekt ein heftiger Streit entbrannt – gerade einmal zwei Monate, nachdem der Grundstein gelegt worden ist.
Im Kern geht es um die tschechische Tochtergesellschaft der Baufirma Hochtief, die bei der öffentlichen Ausschreibung den Zuschlag erhielt. Das deutsche Stammhaus des internationalen Konzerns hat in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt und zahlreiche Großaufträge von den Nationalsozialisten bekommen. Genau daran stört sich ein Teil der Prager Gemeinde und fordert einen anderen Umgang mit dem Unternehmen. »Die Zusammenarbeit ist inakzeptabel, allein schon wegen der Kriegs- Erlebnisse der künftigen Bewohner des Seniorenheims«, sagte Tomas Jelinek vor Journalisten. Er ist Wortführer der Protest-Gruppe, die beim Vorstand der Gemeinde allerdings kein Gehör findet. »Bei der Debatte handelt sich um eine zweckgebundene Manipulation«, sagte der Vorsitzende Frantisek Banyai der tschechischen Nachrichtenagentur CTK.
Tatsächlich ist die jüdische Gemeinschaft in Prag tief gespalten. Bei den Vorstandswahlen im vergangenen November standen sich zwei unversöhnliche Gruppen gegenüber, die unterschiedliche Vorstellungen über den künftigen Kurs der Gemeinde vertreten: Banyai steht an der Spitze der einen Gruppe, sein Gegenspieler ist gerade Tomas Jelinek, der auch an der aktuellen Diskussion beteiligt ist. Jelinek war bis vor zwei Jahren der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, als er mit einem Mißtrauensvotum abgesetzt wurde.
Die Gemeindeführung sieht den Streit um das Seniorenheim als Neuauflage des alten Konflikts, zumal die Protagonisten die gleichen sind. Die Baufirma Hochtief sei einzig und allein deshalb ausgewählt worden, weil sie das günstigste Angebot unterbreitet habe, heißt es aus dem Vorstand der Gemeinde. Inzwischen hat sich auch Hochtief geäußert: »Unsere Muttergesellschaft kennt ihre Vergangenheit und versucht nicht, irgendetwas davon zu vertuschen«, sagte eine Sprecherin zu den Zwangsarbeiter-Vorwürfen.
Der Gemeindevorsitzende Frantisek Banyai ist vor tschechischen Journalisten gemeinsam mit Vertretern der Baugesellschaft aufgetreten, um den Vorwürfen aus der Gemeinde entgegenzuwirken. Die öffentliche Debatte behagt ihm sichtlich nicht. Stattdessen versucht er, den Blick der tschechischen Öffentlichkeit wieder auf das Projekt selbst zu lenken. Immerhin geht es für die Gemeinde dabei um ein prestigeträchtiges Unterfangen. Das Baugrundstück wurde bereits 1909 von jüdischen Verbänden in Prag genutzt. Nach der Enteignung durch die Kommunisten bekam die Gemeinde das Areal erst vor wenigen Jahren wieder zurück. Seither plant sie das Seniorenzentrum. Ein bestehender Altbau soll dafür komplett saniert und um drei Gebäudeflügel ergänzt werden.

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