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Trudi-Birger-Zahnklinik

Lächeln statt Lücken

von Sabine Brandes

Ungläubig starrt Mosche in den Spiegel. Ganz pink sind seine Zähne oder besser gesagt das, was davon übrig ist. »Das zeigt dir, wo böse Bakterien sitzen. Du musst gut putzen, damit die Farbe weggeht«, sagt eine freundliche Frau im bunten Kittel und stupst ihn aufmunternd an. Doch der Siebenjährige weiß gar nicht, wie. Eine ei-
gene Zahnbürste hat er nie besessen. Bis heute. Hier, in der Trudi-Birger-Zahnklinik in Jerusalem, werden Kinder aus sozial schwachen Familien kostenlos behandelt. Ob jüdisch, arabisch, religiös oder säkular – wer woher kommt, interessiert nicht.
Der äthiopische Junge gibt sich alle Mü-
he mit der kleinen Bürste in der Hand. Erst die obere Reihe, dann die untere. Schneidezähne hat er keine mehr, nur noch braune Stumpen ragen aus seinem Zahnfleisch. Doch auch Mosche wird eines Tages wieder gern lachen. Dafür sorgen die Zahnärzte, die als Freiwillige in der Klinik arbeiten. Ein paar Räume weiter sitzen sie und bohren, füllen, schleifen. Vier Mediziner gleichzeitig in einem großen Zimmer, jeder Be-
handlungsstuhl ist belegt, Hochbetrieb ist die Norm.
Einer von ihnen scherzt gern mit den kleinen Patienten. »Weil es mein Urlaub ist«, erklärt Zahnarzt Erik Lindland aus Norwegen, »und das ist schön«. Aber er arbeitet in den Ferien? »Nein«, erwidert er prompt, »das ist keine Arbeit, ich darf Kindern beim Gesundwerden und Lachen zu-
sehen«. Der Doktor ist bereits zum zweiten Mal für zwei Wochen als Freiwilliger der Dental Volunteers for Israel (DVI) tätig.
Neben den heimischen Zahnärzten, die hier ihre Spezialisierung in Kinderzahnmedizin vertiefen, kommen die Volontäre aus den USA, Australien, Neuseeland, Südamerika und auch aus Deutschland. Die Freiwilligen opfern ihren Urlaub, bezahlen den Flug und verdienen dabei keinen einzigen Schekel. Vor einiger Zeit war auch die Kölnerin An-
drea Tarau dabei. Sie ist begeistert: »Es war eine ganz besondere Erfahrung, die glückli-
chen Kinder zu se-
hen und die Kollegialität der Menschen von überallher zu erleben.« Auch die Qualität habe sie überrascht. Es sei nicht wie »Zähne ziehen in der Dritten Welt«, sondern erstklassige Medizin.
Klinikleiter Moti Moskovitz bestätigt das. »Bei uns wird Zahnmedizin auf höchstem Niveau praktiziert. Ob Reinigung, Krone oder komplizierte Wurzelbehandlung – was unsere kleinen Patienten benötigen, das bekommen sie. Egal, was es kostet.« 3.325 Kinder wurden im vergangenen Jahr behandelt.
Moskovitz ist seit 1997 dabei und gleichzeitig Lehrbeauftragter für Kinderzahnheilkunde am Hadassah-Krankenhaus. Etwas, das ihm besonders am Herzen liegt, ist die Vorbeugung. Die Kinder über Mundhygiene und Ernährung aufzuklären, könne für sie selbst und die kommenden Generationen viel verändern, ist er überzeugt. »Wir glauben daran, hier Leben zu verändern.« Außerdem, betont er, sei die Klinik an der Mekkor-Chaim-Straße eine Insel der Verständigung. Palästinensische, strengreligiöse, nichtgläubige Mädchen und Jungen sitzen friedlich nebeneinander, schauen sich im Fernsehen den Hasen an, der das Zähneputzen erklärt.
Obwohl sie für die Behandlung nichts bezahlen müssen, gibt es auch hier nichts umsonst. Die Mädchen und Jungs im Alter zwischen fünf und 18 Jahren müssen neben der Be-
handlung einen Hygiene- und Ernährungskurs besuchen und regelmäßige Zahnreinigungen über sich ergehen lassen. Zusätzlich zu der Pflege zu Hause, versteht sich. Für die meisten, die zu den Ärmsten der Armen gehören, ist all das neu. Doch Murren oder Klagen hört man nicht. Durchweg sind sie begeistert über die Fürsorge, die sie in diesen Räumen zu spüren bekommen.
Die Wände sind knallgelb gestrichen, kleine Männchen sollen die Angst nehmen. Doch auch der lustige Anstrich kann nicht verbergen, dass der Putz von den Wänden blättert, die Leitungen morsch sind und das Mobiliar seine eigentliche Le-
bensdauer schon längst hinter sich hat. Das Projekt wird ausschließlich von Spendern finanziert, staatliche Hilfe gibt es keine, wie Sprecherin Michelle Levine betont. Und Spenden kommen seit der Finanzkrise aus dem größten Geberland, den USA, zusehends weniger. Immer mehr Unterstützung komme hingegen aus Deutschland, was die Organisatoren der Klinik, die vor 30 Jahren von der Holocaust-Überlebenden Trudi Birger ins Leben gerufen wurde, besonders freut. Um zusätzlich über die Arbeit zu informieren, ist die DVI (www.dental-dvi.org.il) zum ersten Mal auf der Internationalen Dental-Schau in Köln (24. bis 28. März) vertreten.
Ein strahlendes Lächeln ist eine kostspielige Angelegenheit. Die allgemeine Krankenversicherung umfasst nicht einmal Vorsorgeuntersuchungen. Für eine Füllung muss man mindestens 300 Schekel (etwa 60 Euro) bezahlen, um einen unliebsamen Zahn zu entfernen, müssen nicht selten 200 Euro hingeblättert werden. Da schmerzt der Blick ins Portemonnaie mehr als der Eingriff des Doktors. Gleichzeitig jedoch ist Israels Gesellschaft geprägt von äußeren Werten. Wer nicht gut aussieht, hat’s im Leben nicht leicht. Die kleinen Jerusalemer Patienten wissen mittlerweile ganz genau: Statt Lücken ein strahlendes Lächeln zu zeigen, steht jedem gut zu Gesicht.

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