Hamburg

Kuchen, Kreplach, Kultur

von Dagmar Gehm

Ihre Stimme klingt heiser: „Ich habe mich wohl ein bisschen übernommen“, sagt Sonia Simmenauer. „Wir sind einfach überrannt worden. Mit einem solchen Ansturm haben wir nicht gerechnet.“ Weder zur Eröffnung am 15. Januar, als sich halb Hamburg in geordnete Schlangen reihte, noch in den folgenden Tagen.
Man war gespannt zu sehen, was aus der ehemaligen Druckerei Fläschner geworden ist, und war beeindruckt. Die Zurückgenommenheit der Einrichtung und typisch hanseatisches Understatement stellen den Gast in den Vordergrund, die warmen Töne der Möbel lassen ihn mögliche Hemmschwellen schnell überwinden. Nahtlos verzahnen Innen und Außen – große Fenster und lichtdurchflutete Erker schaffen offene Ein‐ und Ausblicke. Zwei große Drucke von Originalnotenblättern des Komponisten György Ligeti bauen die Brücke zum eigentlichen Beruf von Sonia Simmenauer, einer erfolgreichen Konzertagentin.
Das jüdische Café Leonar liegt im kulturellen und jüdischen Herzen von Hamburg. Es ist eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus, französischem Literatursalon und Berliner Café der 20er‐Jahre. Mit einem „Denkhaus“ für Veranstaltungen, Konzerten, Filmen und Workshops. Mit viel Esprit und ohne Berührungsängste.
In unangestrengter Atmosphäre mischten sich am Eröffnungsabend interessierte Hamburger mit illustren Gästen wie dem Liedermacher Wolf Biermann, dem Bürgerschaftspräsidenten Berndt Röder, einem leutseligen Landesrabbiner Dov‐Levy Barsilay und der Kultursenatorin Karin von Welck, die in ihrer Rede sagte: „Im Hinblick auf unsere Geschichte betrachte ich die Eröffnung mit großer Freude als ein Zeichen der Versöhnung.“
„Erstaunlich, wie viele Menschen mit jüdischem Hintergrund seitdem zu uns kommen und sich als solche outen“, sagt Sonia Simmenauer. Inzwischen ist auch Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Leonar gewesen und hat sich über ein Stück Normalität mitten in diesem so geschichtsträchtigen und geschichtenreichen Grindelviertel gefreut. Auch Ruben Herzberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Ham‐ burg, schaut öfter auf einen Sprung herein. Er bestellt Würstchen – koscher. „Die importieren wir aus Straßburg“, erklärt Sonia Simmenauer. „Nicht nur, weil sie koscher sind, sondern auch weil sie besonders gut schmecken.“ Obwohl das Leonar keine streng koschere Küche habe, achte sie darauf, zum Beispiel keine Sahne in Suppen mit Fleisch zu verarbeiten. Darüber hinaus bereichern jüdische Spezialitäten wie Mazze die Speisekarte, Borschtsch und Goldene Joich mit Kreplach oder Kneidlach, frische Bagels, Mohnkuchen und Guglhupf und neben etlichen Kaffeesorten auch frische Minze im Glas.
Schon morgens zum Frühstück ist das Leonar gut besetzt, und der Zustrom hält bis tief in die Nacht an. Viele Gäste kommen nach der Vorstellung in den benachbarten Hamburger Kammerspielen auf ein letztes Glas Wein vorbei. Zeitungsverlage haben Abos gestiftet, sodass eine Auswahl an internationalen Zeitungen und Zeitschriften das Flair eines klassischen Kaffeehauses aufkommen lässt.
Ohnehin ist Lesestoff in Hülle und Fülle vorhanden, da die Buchhandlung Samtleben und Guggenheim ein ausgewähltes Sortiment von rund tausend Titeln im Café anbietet. „Obwohl unser Schwerpunkt deutlich auf jüdischer Literatur liegt, haben wir bewusst Bücher über den Holocaust vermieden“, sagt Buchhändlerin Barbara Guggenheim. Sie wolle vor allem zukunftsweisende Literatur anbieten sowie Bücher für Kinder, die ohnehin durch Veranstaltungen der Kinder‐Uni stark im Leonar vertreten sind.
Das Café wirkt auf jüdische wie nichtjüdische Gäste gleichermaßen und generationsübergreifend. Obwohl das Leonar so gar nichts mit der kühlen Kargheit eines Szenecafés zu tun hat, ist es bereits zum erklärten Treff für Schüler und Studenten nahe gelegener Schulen und der Uni geworden. „Nachmittags okkupieren sie einen Tisch am Fenster. Bis zum Abend wird er dann immer untereinander weitergereicht“, erzählt Sonia Simmenauer von ihren Stammgästen. Offenbar wirkt die Freude über das neue Forum kommunikationsfördernd. Fast jeder, der hier hereinkommt, grüßt, auch wenn er niemanden kennt. Mühelos entstehen Gespräche. Die Schnittstelle zwischen altlastenreichem Gestern und unbelastetem Morgen auf kleinstem Raum funktioniert. Irgendwie fühlt sich jeder Gast auch als Teil einer Geschichte.
So hat es sich Sonia Simmenauer gewünscht. Gehofft hatte die Impresarin auf weniger, als sie das Projekt in Angriff nahm, den „Verein Jüdischer Salon am Grindel“ gründete. Die zehn Gründungsmitglieder kommen aus allen Berufssparten: Musik, Literatur, Psychoanalyse. Gewünscht hatte sich Simmenauer, dass ihr Café und das angrenzende „Denkhaus“ zu einem Ort der unvoreingenommenen Begegnungen werden würde. Dass das Interesse für jüdisches Leben durch Veranstaltungen wie „Judentum und Musik“ oder den Workshop „Was ist yiddische Musik?“ oder ein Seminar über Judentum und Psychoanalyse wiedererweckt würde. Oder dass die Fotoausstellung „Shattered Dreams“ von Judah Passow die Augen für das Judentum von heute öffnen würde.
Noch gibt es viel zu tun. Der kleine Ruhegarten soll für den Sommer gerichtet werden. Auch in die beliebte „Fressmeile“ am Grindelhof will sich das Leonar mit Stühlen und Tischen einreihen, die beim ersten warmen Sonnenstrahl auf die Terrasse gestellt werden.
Wenn Sonia Simmenauer ihre Anspannung für einen Moment vergisst, werden die Wände im Café Leonar weit und atmen die Sinnlichkeit des Südens. Wenn sie lacht, versprüht sie Charme. Französischen Charme. Denn Madame Simmenauer stammt ursprünglich aus Paris. Seit 25 Jahren lebt sie nun in Hamburg. Ihr erster Mann, den sie in Amerika kennengelernt hatte, kam aus Hamburg, ebenso ihr Vater, ein Arzt, der bis 1938 die Talmud‐Tora‐Schule schräg gegenüber besuchte.
Simmenauers Wurzeln spiegeln sich auch im Namen des Cafés wider. Leonard hieß die Papierfabrik, die ihr Großvater in Hamburg‐Wandsbek betrieb. Seitdem hat ihre Familie viel erleiden müssen. „Aber meine Mutter, die damals über meinen Umzug nach Deutschland nicht erfreut war, wäre heute sicher sehr glücklich zu sehen, wie glücklich wiederum mein Vater über mich und mein Projekt ist.“ So glücklich, dass er sogar zur Eröffnung gekommen ist. Für Sonia Simmenauer haben sich mit dem Leonar gleich mehrere Kreise geschlossen. Der ihrer Kreativität, der eines wichtigen Teils aus der Hamburger Vergangenheit und der Kreis ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte ohnehin.

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