Ronald S. Lauder

„Kritik muss möglich sein“

Vergangene Woche besuchte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald S. Lauder, die Schweiz. Er hielt dort eine Festrede auf der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und traf auch mit der Regierung in Bern zusammen. Durch den Gas‐Deal der Schweiz mit dem Iran (vgl. Jüdische Allgemeine vom 3. April) erhielt der Besuch große Beachtung. Peter Bollag hat vor dem Treffen mit der Schweizer Regierung mit dem WJC‐Präsidenten gesprochen.

Herr Lauder, das Image Ihrer Institution ist in der Schweiz nicht das beste. Sie wollen es verbessern. Aber gehen Sie mit Ihrer Kritik am iranischen Gas‐Deal nicht gerade wieder auf Konfrontation mit der Regierung in Bern?
lauder: Das sehe ich nicht so. Unsere Kritik an diesem Vertrag, die ja auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihren Gesprächen mit der Schweizer Regierung teilweise äußerte, wird unsere guten Beziehungen zur Schweiz nicht zerstören. Aber eine gewisse Kritik in dieser Sache, auch weil sie unserer Meinung nach die nachhaltige Neutralität der Schweiz in Verruf bringt, muss möglich sein.

Wie will der WJC sich im aktuellen Nahostkonflikt einbringen?
lauder: Wir sehen uns nicht als direkten Player, bieten unsere guten Dienste aber dort an, wo wir helfen können. Wir sind auch im Gespräch mit verschiedenen Regierungen. Persönlich glaube ich, dass es zwei starke Staaten, also Israel und Palästina, nebeneinander braucht, als Basis für eine umfangreiche Nahost‐Lösung. Eine Lösung mit der Hamas, die ja vom Iran alimentiert und deren Aktivisten auch von Teheran trainiert werden, wird aber schwierig zu erreichen sein, da bin ich sehr skeptisch. Hingegen halten wir Präsident Machmud Abbas als gewählten Repräsentanten weiterhin für einen geeigneten Vertragspartner. Im Übrigen versuchen wir auch, das jüdisch‐muslimische Gespräch jenseits des Nahostkonflikts in Gang zu bringen beziehungsweise zu halten. So haben wir kürzlich in New York zwölf Rabbiner mit zwölf Imamen zusammengebracht, um diesen wichtigen Dialog zu fördern.

Wie beurteilen Sie den Vermittlungsversuch des ehemaligen US‐Präsidenten Jimmy Carter?
lauder: Ich stehe diesem sehr kritisch gegenüber, denn wie gesagt, ich halte die Hamas nicht für einen geeigneten Verhandlungspartner. Dennoch möchte ich noch mit Carter sprechen, denn vielleicht ergeben sich im persönlichen Gespräch noch andere Aspekte.

In Ungarn macht ein wiederaufflammender Antisemitismus Schlagzeilen. Für wie groß halten Sie diese Gefahr von rechts?
lauder: Für mich, der sich mit der Situation in Ungarn ausführlich befasst – ich tat es auch schon zu meiner Zeit als US‐Botschafter in Wien – ist das kein neuer Antisemitismus; er äußert sich nur wieder lauter und aggressiver als früher. Ich wäre sicher dafür, diese rechtsextremen Garden, die vor allem in Budapest paradieren, zu verbieten, aber anscheinend ist das rechtlich gar nicht so einfach. Ich habe allerdings großes Vertrauen in die gegenwärtige ungarische Regierung, die die Situation sehr genau beobachtet.

Stichwort China: Die Führung in Peking und ihre Tibet‐Politik sind im Moment ein großes Thema. Was ist die Haltung des World Jewish Congress in dieser Frage? Sollten die Olympischen Spiele boykottiert werden?
lauder: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe mich hier nicht als Partei, denn die jüdische Gemeinschaft in China ist ja nicht sehr groß. Ich habe Verständnis für beide Seiten, also für die bedauernswerten Tibeter, aber auch für China, welches die Olympischen Spiele mit großem Aufwand vorbereitet und sich nicht um die Früchte dieser Arbeit gebracht sehen möchte.

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