tsahal

Kriegerdenkmal

Wieso haben die Israelis bloß ein so übertriebenes Sicherheitsbedürfnis?«, fragte kürzlich ein Zuhörer Avi Primor, als der ehemalige Berliner Botschafter Israels einen Vortrag in einer kleinen deutschen Universitätsstadt hielt. Die Entrüstung, die in der Frage zum Ausdruck kam, war typisch. Sie zeugte von jenem Unverständnis, das weltweit immer noch darüber herrscht, dass sich die überlebenden Juden nach der Schoa entschieden, fortan Versuche, sie zu töten, nicht mehr hinzunehmen. Auch Claude Lanzmanns Film Tsahal von 1994 ist eine Antwort auf diese Frage. Tsahal – die Abkürzung für »Tsava Haganah LeIsrael« (Armee zur Verteidigung Israels) – stehe zu seiner wichtigsten Produktion, Shoah von 1985, in Beziehung wie das »Echo zum Schall«, sagte der Regisseur damals in einem Interview mit Josef Joffe. Jetzt liegt der fast fünfstündige Film auf DVD vor, samt einem zusätzlichen Gespräch mit Verteidigungsminister Ehud Barak, geführt kurz vor der jüngsten Gasa‐Offensive Israels.

kein heldenepos Wie Lanzmanns andere Dokumentarfilme besteht Tsahal aus geschickt geschnittenen Interviews, Alltagsbildern und Landschaftsaufnahmen – ganz ohne Musik oder Off‐Kommentare. Immer wieder sieht man quietschende und ächzende Panzer, die wie Dinosaurier aus Stahl durch die sonnendurchflutete Wüste fahren. Doch dies ist kein Helden‐epos, kein militärischer Propagandafilm. Israel wird vorgestellt als ein ganz besonderer Staat, der sich aus einer Situation permanenter und akuter Bedrohung heraus verteidigen muss, um zu überleben.
Wer weiß zum Beispiel, dass jahrzehntelang kein Land der Welt Israel moderne Panzer verkaufen wollte? Während Großbritannien und die Sowjetunion die arabischen Nachbarn und Feinde stets mit den allerneuesten Modellen ausstattete, muss‐te der jüdische Staat anfangs längst verschrottete Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg aufkaufen und wieder flottmachen. Das führte schließlich dazu, dass die is‐
raelische Armee notgedrungen begann, ein eigenes Panzermodell zu entwickeln, den Merkava. Diese Geschichte erzählt Tsahal in allen Einzelheiten.
»Die Nationen sind heute schnell bei der Hand, Israel zu verurteilen, und vergessen dabei das Überlebensproblem, das sich diesem Land unentwegt stellt. Sie nehmen die militärische Macht Israels als gegeben hin und sind nicht einmal erstaunt darüber«, schrieb Lanzmann 1994, als Tsahal herauskam. »Dieses mangelnde Erstaunen halte ich für eine große Gefahr. Mein Film soll dieses Erstaunen wieder wecken und die Realität in einem neuen Blickwinkel darstellen. Seit den Massendeportationen der Warschauer Juden nach Treblinka 1942 und der Eroberung der Golanhöhen im Sechstagekrieg waren kaum 24 Jahre vergangen, und nur 29 Jahre liegen zwischen der Vergasung von 400.000 Juden in Auschwitz 1944 und den blutigen Schlachten des Oktoberkriegs. Welche außerordentliche Leistung stellt der Aufbau dieser Armee, dieser Militärmaschine dar! Wie war das möglich und wo liegen die Wurzeln?«

barak und sharon Verblüffend an Lanzmanns Film ist, wie freimütig hochrangige Militärs, darunter der damalige Generalstabschef Ehud Barak oder der seinerzeitige Generalmajor Ariel Sharon, über ihre Einsätze und Erfahrungen plaudern. Nicht nur sie, alle Befragten im Film, seien es junge Panzerfahrer wie Ilan Leibovitch oder der ehemalige Elitesoldat einer Spezialeinheit, Moshe »Muki« Betser, geben unbekümmert Auskunft über ihre teils bestürzenden Erlebnisse. Dazu gehören unter anderem beklemmende Nahtoderfahrungen nach Verwundungen: Wie gefährlich und verlustreich etwa der Jom‐Kippur‐Krieg von 1973 war, bei dem Ägypten seinen Nachbarstaat Israel aus heiterem Himmel am Suezkanal angriff, wurde noch nie so eindrucksvoll beschrieben wie in diesem Film. Hier sprechen keine triumphierenden Militaristen, sondern Menschen, die nach wie vor in Angst leben und sich nach Frieden sehnen. Fast alle der befragten Militärs im Film stammen von Schoaüberlebenden ab. Etwa der Generalmajor Yanush Ben‐Gal, der seine Eltern in der Schoa verlor. Er erzählt mit sanftem Lächeln von seiner furchtbaren Kindheit und beschreibt dann das Desaster seiner Panzereinheit im Jom‐Kippur‐Krieg, die während des ägyptischen Überraschungsangriffs binnen weniger Tage vernichtet wurde.

aktuell Über allem steht ein Motto, das im Vorspann des Films zu lesen ist. »Ohne die Tsahal hätte sich die Frage nach dem Frieden zwischen Israel und seinen ehemaligen Feinden niemals gestellt: Israel würde nicht mehr existieren.« Auch angesichts der Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad ist dieser 15 Jahre alte Film immer noch hoch aktuell.

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