Norman Finkelstein

Krieg der Professoren

Der Politikwissenschaftler Norman Finkelstein erhält keinen Lehrstuhl an der renommierten katholischen DePaul University in Chicago, wo er seit sechs Jahren Dozent war. Als offizielle Begründung erklärte die Universitätsleitung, Finkelsteins Unterrichtsstil sei „zu aggressiv“ gewesen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Finkelsteins akademische Karriere einen Knick erleidet. 2001 wurde er an der City University in New York entlassen, nachdem sein kontroverses Buch Die Holocaust Industrie erschienen war. Dort beschuldigte der Politikwissenschaftler jüdische Organisatio‐
nen, allen voran den World Jewish Congress und die Claims Conference, die Erinnerung an die Schoa systematisch für eigene materielle und ideologische Zwecke zu missbrauchen. Israel warf er vor, den Holocaust zu instrumentalisieren, um die Besetzung der Palästinensergebiete zu rechtfertigen. Der prononcierte und gerne auch polemische Kritiker Israels und des jüdischen Diaspora‐Establishments gilt seinen Gegnern spätestens seither als „selbsthassender Jude“ und angeblicher Förderer des Antisemitismus.
Zu den geschworenen Feinden Finkelsteins gehört Alan Dershowitz, prominenter Strafverteidiger und Juraprofessor in Harvard, der in seinem Buch The Case for Israel die Sicherheitspolitik des jüdischen Staats vehement verteidigt hat. In einer Replik, Beyond Chutzpah, bezeichnete Finkelstein das Buch als „Ansammlung von Fälschungen, Plagiaten und Unsinn“. Dershowitz habe bei anderen Autoren dreist abgeschrieben. Finkelstein verglich Dershowitz zudem mit Stalin‐Apologeten. Der Attackierte drohte daraufhin mit einer Verleumdungsklage und versuchte, über Kontakte zum kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger zu verhindern, dass Beyond Chuzpah bei der University of California Press erschien. Damit hatte Dershowitz zwar keinen Erfolg. Allerdings musste der Verlag den expliziten Vorwurf des Plagiats streichen.
Dershowitz hatte sich auch darüber empört, dass Finkelstein während des Libanonkriegs vergangenes Jjahr auf seiner Website einen Zeichner gepostet hatte, der an dem Holocaust‐Karikaturenwettbewerb des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad teilgenommen hatte. Der Cartoon zeigt Dershowitz, der beim Anblick von libanesischen Kinderleichen masturbiert.
Dershowitz reagierte: Als die Entscheidung anstand, ob Finkelstein an der DePaul University eine feste lebenslange Professorenstelle erhalten solle, schickte der Harvardprofessor Dossiers an Lehrkörper und Verwaltung der Hochschule, in denen er seinem Gegner die fachliche und ethische Qualifikation für das Amt absprach. Die geisteswissenschaftliche Fakultät von DePaul protestierte zwar gegen Dershowitz’ Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Letztendlich aber hatte der Jurist Erfolg: Mit vier zu drei Stimmen lehnte der Berufungsausschuss Anfang Juni Finkelstein ab. Dershowitz’ Intervention habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, beeilte man sich zu versichern. Auch Dershowitz selbst erklärte, er habe nichts damit zu tun. Finkelstein sei einfach als Wissenschaftler nicht gut genug.
Gegen Finkelsteins Nichtberufung gab es Proteste von DePaul‐Studenten sowie von profilierten Wissenschaftlern wie Noam Chomsky und Raul Hilberg. Finkelstein selbst gibt sich gelassen. Selbstmitleid verspüre er nicht, erklärte er: „Meine Eltern haben immerhin das Warschauer Ghetto und die Vernichtungslager überlebt.“ Eva Schweitzer/ Michael Wuliger

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