literatur

Koscher mit Biss

Bis(s) zum Morgengrauen, Bis(s) zur Mittagsstunde, Bis(s) zum Abendrot, Bis(s) zum Ende der Nacht: Stephenie Meyers Vampirromane belegen seit Monaten die Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Früher, beim klassischen Vampir‐Roman, war der Clou, dass die Viecher quasi ihre Geschlechtswerkzeuge im Gesicht trugen. Okay, das ist vielleicht über Jahrhunderte hinweg wenig abendfüllend. Aber müssen es deshalb, wie bei der sittenstrengen Mormonin Meyer, deshalb gleich keusche Vampire mit Beißhemmung sein?
Glücklicherweise gibt es derlei Unfug nicht bei Charlie Huston und seiner Hauptfigur Joe Pitt. Da wird noch zugebissen, dass das Blut fröhlich spritzt. Pitt, der Vampir mit Disziplinproblemen, der hilflos verstrickt ist in die Kämpfe verschiedener Beißer‐Clans, die New York City unter sich aufgeteilt haben, wie weiland die »Fünf Familien« der Mafia, bekommt es in Hustons neuem Buch Das Blut von Brooklyn mit ein paar ganz hartgesottenen jiddischen Vampirkollegen aus Brooklyn zu tun. Brooklyn war ja nicht umsonst in den 30er‐Jahren Heimat und Amtssitz der Gangstertruppe Murder Incorporated – also von Jungs mit so schönen Namen wie Lepke Buchalter, Gurrah Shapiro, Bugsy Siegel, Abe Reles oder Bugsy Goldstein.
Wobei sich natürlich die Frage stellt: Wie sieht es eigentlich bei jüdischen Vampiren mit der Kaschrut aus? Müssen sie ihre spezifische Nahrung auch nach halachischen Regeln und Ritualen vor‐ und zubereiten? Allerdings sind bei Huston die Vampire, wie alle einschlägigen Typen, nicht einfach – metaphysisch gesehen –Blutsauger, sondern von einem »Vyrus« befallen, der eine bösartige Mutation normaler Viren ist. Sogar ein Gegenmittel möchten manche erfinden und für die Integration der Befallenen in die Gemeinschaft aller Menschen streiten.
Denn menschlich, sehr menschlich geht es schon zu in Vampirland NYC. Alles dreht sich um Macht, Einfluss und Ideologie. Aber glücklicherweise nicht um die Macht über die gesamte Menschheit, dazu ist Hustons Projekt zu intelligent. Eine solche Parabel wäre auch allzu universal, viel zu transzendent und viel zu nahe an den üblichen Religions‐ und Verschwörungs‐thrillern, die es ohne Apokalypse nicht tun. Die Pitt‐Romane sind sozusagen die robus‐ten Straßenköter des Genres. Es geht bodenständig um Ressourcen (Blut, klar …), aber auch um Lebensstile und -werte, um Meinungsführerschaft und Lokalpolitik: So gibt es Bikergangs, Althippies und ziemlich gemeine Esos und NewAgers, Lesbengruppen und den guten, alten dekadenten Beißer‐Adel, Gangsta und eben Juden. Die Verfremdung ins Vampyrische schafft quasi ein eindeutiges Themenfeld, das bewusst, gezielt und mit hohem Spaßfaktor die gesamte Bandbreite der populären Kultur abdeckt und deren manchmal seltsamen, aber treffenden Verhakungen mit den Realitäten gleich mit.
Huston persifliert fröhlich Vampirliteratur, New‐York‐Mythen, Grand Guignol, Privatdetektivroman, Mafiareißer und alles andere Genre‐ und Subgenretypische, was nicht niet‐ und nagelfest ist. Aber wunderlicherweise gehen seine Bücher in einer solch postmodernen Spielerei nicht auf, obwohl sie als solche schon sehr gelungen sind. Hin und wieder schafft er es, ein paar Momente voller dunkler Magie und verblüffender, intensiver Bilder und Passagen herbeizuzaubern, die das reine Amüsement ein wenig relativieren. Hier ein wirklich ekelhafter Freakshow‐Zirkus, der atmosphärisch ungemein dicht und intensiv geschildert ist und noch ein paar tragische Implikationen enthält, die erst später im Buch wichtig werden; und die Passagen, in denen Pitt das alte, aber grundsätzlich aktuelle Problem hat, wie er mit seiner todkranken Freundin umgehen soll: Sterben lassen, wie sie es vermutlich gerne hätte oder sie infizieren und damit ganz massiv in ihr Leben eingreifen …
Bis auf solche Momente, die zeigen, dass man durchaus zwischen Klamauk und etwas substanzielleren Passagen blitzschnell hin‐ und herswitchen kann, ohne etwas falsch zu machen, sind Hustons Bücher die reine Freude. Lakonisch sowieso. Und das ist die halbe Miete. Thomas Wörtche

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