Kantor oder Besnainou

Kopf an Kopf

von Detlef David Kauschke

Vor zwei Wochen hat Moshe Vyacheslav Kantor in New York Ronald S. Lauder die Hand schütteln können. Kantor gratulierte dem neuen Chef des Jüdischen Weltkongresses (WJC) zu dessen Wahl. Er nennt Lauder „my great friend“. Und er sei wirklich sehr froh, dass dieser in das hohe Amt gewählt worden sei, erklärte er später. Denn Lauder sei eine sehr zielstrebige Führungspersönlichkeit, „die Lehren der Vergangenheit nicht vergisst und zugleich mit Zuversicht in die Zukunft sieht“.
Lauder kommt Anfang nächster Woche nach Brüssel. Am Dienstag werden sich beide vermutlich wieder treffen. Aber diesmal, so hofft Kantor, wird er es sein, der die Glückwünsche entgegennehmen kann. Denn er will Präsident des Euro‐
päisch Jüdischen Kongresses (EJC), werden. Alle zwei Jahre wird die Spitze des EJC neu gewählt. Kantors Gegenkandidat ist der bisherige Amtsinhaber Pierre Besnainou. Auch andere Führungspositionen werden neu besetzt. Im Amt bleiben werden nach Auskunft des Pariser EJC‐Büros die jeweiligen Vizepräsidenten. Eine von ihnen ist die deutsche Zentralratspräsi‐
dentin Charlotte Knobloch. Sie will für eine weitere Legislaturperiode diese Position bekleiden.
Besnainou und Kantor hingegen wollen ganz an die Spitze: Besnainou ist Franzose, Kantor Russe. Beide sind erfolgreiche Geschäftsleute, die sich schon seit Jahren international für die jüdische Sache engagieren. Kantor ist Präsident des Russisch Jüdischen Kongresses (RJC) und Chef des EJC‐Direktoriums, des Board of Govenors. Besnainou, Jahrgang 1955, in Tunesien geboren, hat sein Geld unter anderem mit einer börsennotierten Internetfirma ge‐
macht. Kantor, Jahrgang 1953, ist in Mos‐
kau geboren. Der Chef eines agrochemischen Unternehmens lebt in der russischen Hauptstadt, ist aber, wie er sagt, auch in Genf und Herzlija zu Hause.
Kantor lud vor wenigen Tagen Vertreter verschiedener jüdisch‐europäischer Zeitungen zu einer Telefonkonferenz ein, um über Programm und Perspektiven Auskunft zu geben. Besnainou versandte anschließend auf Anfrage seine Stellungnahme per Mail.
Im Gespräch mit den Journalisten gab sich Kantor zuversichtlich und selbstbewusst. Er erfahre große Unterstützung aus allen Teilen Europas. Auf die Frage der Jüdischen Allgemeinen, ob es auch symbolische Bedeutung habe, wenn der EJC zu‐
künftig von einem russischsprachigen Ju‐
den geführt werden würde, antwortete Kantor: „Für uns sind alle Juden gleich. Wir werden Europa vereinen.“ Für diese Aufgabe, ergänzte Kantor, sei er der geeignete Mann. Er lebe schließlich in Ost‐ und Westeuropa. Und er kenne keinen, „der mehr Erfahrung damit hat, Menschen zusammenzubringen.“ Er wolle das übrigens im Team erreichen. Es sei ihm besonders wichtig, die „One‐Man‐Show“ an der Spitze dieser jüdischen Organisation zu beenden.
Pierre Besnainou glaubt, dass mit der bevorstehenden Wahl auch über zwei verschiedene Wege der Führung des EJP und der wichtigen Lobbyarbeit für Israel entschieden wird. Es könnte für einen aus Russland stammenden EJC‐Präsidenten schwierig sein, europäische Spitzenpolitiker zum Beispiel von Sanktionen gegen die Hamas und die Hisbollah zu überzeugen, wenn Wladimir Putin deren Führer in Moskau empfange, gibt Besnainou zu be‐
denken. „Würde Moshe Kantor die Rechtfertigung haben, von der EU mehr als vom Kreml zu fordern?“ Es wäre „außerordentlich bedauerlich“, wenn der Dialog zwischen der EU und dem EJC vom Verhältnis zu Russland abhänge.
Auch in anderen Fragen – wie zum Beispiel der Bedeutung des jüdisch‐muslimischen Dialogs – scheinen beide weit voneinander entfernt. „Ich habe eine absolut andere Einschätzung der Realität. Und ich habe ein gänzlich anderes Modell von Politik“, grenzt sich Moshe Kantor von Pierre Besnainou ab. Zwei Kandidaten, zwei Meinungen. Wer von ihnen wird in den kommenden zwei Jahren den Europäisch Jüdischen Kongress führen? Am kommen‐ den Dienstag werden die 89 Delegierten aus 40 Ländern bei der EJC‐Tagung darüber entscheiden. Der neue WJC‐Präsident Ronald S. Lauder wird als Gast in Brüssel mit dabei sein.

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