Belgien

Konfliktimport

von Tobias Müller

Herrisch fuchtelt der Soldat in israelischer Uniform mit seinem Gewehr herum und bellt Befehle. Verängstigte Frauen mit Kopftüchern ducken sich unter den angedeuteten Schlägen weiterer Militärs. Ein Vater versucht, mit seinem Kleinkind zu entkommen, doch drei Uniformierte greifen ihn und stoßen ihn brutal auf die Ladefläche des Armeejeeps mit dem israelischen Hoheitszeichen auf den Türen. Dort warten bereits andere »Araber« auf ihren Abtransport in ein Flüchtlingslager. Wenig später treiben Soldaten verschleierte Frauen und Männer in Palästinenserschals mit erhobenen Händen unter Androhung von Gewalt vor sich her – mitten durch die belebte Fußgängerzone der Kleinstadt Nivelles unweit von Brüssel. Mit diesen Darstellungen gedachte die »Gruppe für einen gerechten Frieden im Nahen Osten« (PJPO) aus der belgischen Provinz Wallonisch-Brabant am vorletzten Wochenende öffentlich der Staatsgründung Israels – allerdings aus palästinensischer Perspektive. In Flugblättern erinnerten die selbsternannten Friedensaktivisten damit an die Nakba (»Katastrophe«) genannten »Vertreibungen der Palästinenser von 1948«.
In jüdischen Kreisen Belgiens löste die Darstellung Empörung aus. Die israelische Botschaft warf den Veranstaltern vor, die Öffentlichkeit zu manipulieren, indem sie die Situation im Mittleren Osten vereinfachten und ein falsches Bild von Israel präsentierten. Damit beteiligten sie sich aktiv daran, einen regionalen Konflikt nach Belgien zu importieren und Antisemitismus zu verbreiten. Julien Klener, Vorsitzender des »Consistoire Central Israelite de Belgique« (CCIJB), sprach von einer »schmerzhaften Maskerade« auf unterstem Niveau, die zum wiederholten Mal einen jahrzehntelangen Konflikt reduziere. Auch das Antwerpener »Forum Jüdischer Organisationen« (FJO) verurteilte die Aufführung und nannte die Aktivisten »Moralritter, die mit ausgestreckten Fingerchen auf den aufgebauschten israelisch-arabischen Konflikt verweisen«, während sich zugleich auf anderen Kontinenten die wirklichen humanitären Katastrophen abspielten. Für die – kommentierte – Verbreitung der Bilder aus Nivelles sorgte vor allem das »Zentralkomitee Jüdischer Organisationen in Belgien« (CCOJB), das Videos der nachgestellten Deportationen im Internet veröffentlichte.
Weitere Proteste löste bei der anschließenden Kundgebung auf dem Marktplatz von Nivelles der frühere belgische Verteidigungsminister André Flahaut aus. Unter einer palästinensischen und einer »PACE«- Flagge setzte der Abgeordnete der »Parti Socialiste« die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs in Zusammenhang zu »denen, die heute leiden« und verließ damit auch den offiziellen Rahmen des Ge-
denkens an die Ereignisse von 1948. Der CCOJB warf ihm den Vergleich Israels mit dem Nazistaat vor. Die »Union Deportierter Juden in Belgien – Töchter und Söhne der Deportation« forderte Flahaut auf, seine Äußerungen zurückzunehmen. Dieser be-
streitet jedoch, antiisraelische Kommentare gemacht zu haben. Die Organisatoren der Kundgebung setzten sich Flahaut zu-
folge für einen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein. Später erklärte er, seine Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden.
Die Aktion von Nivelles war nicht die erste ihrer Art. Seit Monaten sorgt in Belgien das Kulturprojekt »Masarat Palestine« für Aufregung, das über das ganze Jahr in Brüssel und einigen wallonischen Städten stattfindet. Unter finanzieller Beteiligung der wallonischen Regierung treten dabei auch Künstler auf, die wegen ihres antiisraelischen Standpunkts bis hin zu Gewaltaufrufen einschlägig bekannt sind oder auf Postern zum Boykott israelischer Produkte aufrufen. Ebenso wie in Paris, wo Masarat vorher gastierte, kam es in letzter Zeit zu zahlreichen Protesten aus der jüdischen Gemeinschaft.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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