Hannes Püschel

Königs Wusterhausen: Familiendrama mit Antisemitismus

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Hannes Püschel

Königs Wusterhausen: Familiendrama mit Antisemitismus

Judenhass dient heute wieder vielen als Erklärungsmuster für Krisensituationen

von Hannes Püschel  24.02.2022 06:16 Uhr

Am 4. Dezember erschoss in Senzig, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen, ein Mann seine Frau und die drei Töchter, nachdem die von ihm veranlasste Fälschung des Impfpasses der Frau aufgeflogen war. Anschließend tötete er sich selbst. Zwei Monate später wurde durch eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Petra Pau (Linke) eher zufällig bekannt, dass die Polizei die Tat als antisemitisch motiviert ansieht, weil der Täter laut Bundesinnenministerium glaubte, »dass der Staat mit der Impfkampagne einen bösen Plan verfolge und die Weltbevölkerung um die Hälfte reduzieren und eine neue Weltordnung unter jüdischer Führung gründen« wolle.

Die Morde von Senzig zeigen, wie die Bewegung der Corona-Leugner in der aktuellen gesellschaftlichen Krise zur Reaktivierung und Verbreitung antisemitischer Vorstellungen beiträgt und auf dieser Basis zu einer Radikalisierung führt, die in tödlicher Gewalt gipfeln kann.

Die Tat von Senzig ist kein tragischer Einzelfall, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems.

Dass der Täter psychische Probleme hatte, sich in seinem Abschiedsbrief auch rassistisch äußerte und in den Morden an Ehefrau und Töchtern zuvorderst eine hochproblematische Form von Männlichkeit zum Ausdruck kommt, stellt die Bewertung der Tat als antisemitisches Verbrechen nicht infrage.

MOTIVBÜNDEL Im Gegenteil: Antisemitismus dient heute wieder vielen als Erklärungsmuster für Krisensituationen, die die psychische Konstitution der Individuen wie auch hergebrachte gesellschaftliche Machtverhältnisse erschüttern. Als solches dürfte er die verschiedenen Elemente des Motivbündels des Täters zusammengehalten haben.

Die Tat von Senzig ist damit kein tragischer Einzelfall, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems. Dass sich in Brandenburg weder Ermittlungsbehörden noch Landesregierung öffentlich zu der Tat – dem politischen Tötungsdelikt mit der höchsten Opferzahl seit Gründung des Bundeslandes – verhalten haben, ist ein Armutszeugnis. Es widerspricht den feierlichen Reden über die Notwendigkeit des Kampfes gegen Antisemitismus, die auch in Brandenburg sonst so oft zu vernehmen sind.

Der Autor ist Jurist und Kriminologe und arbeitet bei der Opferperspektive e.V. in Brandenburg.

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