Synagogen

Kino statt Tora

von Carsten Dippel

Manchmal ist es ein unscheinbares Haus am Wegesrand, zuweilen auch ein imposanter Bau in der Ortsmitte. Putz blättert ab, der Verfall ist zum Greifen. Doch nicht überall. Hier und da kündet frisch renoviert die Leuchtreklame vom Traum eines kleinen Handwerksbetriebs. Ehemalige Synagogen im heutigen Polen.
Von den Tausenden Gebetshäusern in den Städten und Dörfern sind nach der weitgehenden Vernichtung des polnischen Judentums nur wenige Gebäude erhalten geblieben. Im ganzen Land gibt es noch etwa 350 Synagogenbauten. Der Fotograf Wojciech Wilczyk hat sie aufgespürt und ihr gegenwärtiges Dasein mit seiner Kamera festgehalten. Entstanden ist ein Fotokunstprojekt, das nun im Berliner Centrum Judaicum zu sehen ist.
Bei seinen Fahrten quer durchs Land stieß Wilczyk immer wieder auf eher befremdlich wirkende und meist verwahrloste Bauten, die nur mit gutem Gespür noch als ehemalige Synagogen zu erkennen sind. Wenige werden heute noch religiös genutzt. Größtenteils gehören sie den Kommunen oder sind in Privatbesitz. Oft hatten die Nazis die Inneneinrichtungen zerschlagen, aus dem Gebetsraum einen Pferdestall oder eine Lagerhalle gemacht. Nach dem Krieg wurden sie so weitergenutzt, später für neue Zwecke umgebaut. So wurde aus einer Jeschiwa in Laszczow das Kino „Strumyk“. In Przemysl beherbergt die ehedem ehrwürdige Scheinbach‐Synagoge seit 1978 die Stadtbibliothek. Die Jüdische Gemeinde hatte vergebens die Rückgabe gefordert.
Wilczyks Bilder zeigen auch den ungenierten Umgang mit den Gotteshäusern seit der Wende 1990. Die Behörden veräußern die Gebäude gern an private Unternehmer. In Krosniewice etwa erwarb im Jahr 2004 ein Bestattungsunternehmer die 1841 erbaute Synagoge. Oder der „McKenzee Saloon“, ein Restaurant im Westernlook in einer alten Chelmer Synagoge, die von außen noch gut als solche zu erkennen ist.
Wenigstens werden auf diese Weise die Gebäude vor dem Verfall bewahrt und müssen sich nicht das Schicksal mit den vielen leerstehenden Synagogen teilen, die baufällig ihrem Ende entgegenblicken.
„Hier soll eine Synagoge gewesen sein?“, so der Titel der Ausstellung. Eine Frage, die sich Wilczyk oft selbst stellte, die aber auch von vielen Anwohnern kam. Die Bildersammlung gleicht einem Atlas verdrängter Erinnerungen. Die Fotos sind weder reizvoll inszeniert, noch tauchen sie die ehemaligen Synagogen in die Farbenpracht der Nostalgie oder drängen mit ästhetischem Pathos ins Bewusstsein. Vielmehr richtet er mit geradezu dokumentarischer Nüchternheit den Blick auf die steinernen Zeugen einer Vergangenheit, die Polen so stark geprägt haben.

Die Ausstellung ist vom 14. November 2008 bis 15. Januar 2009 im Berliner Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28/30 zu sehen. Geöffnet Sonntag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr.

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