Pava Raibstein

»Kinder sollen wieder träumen«

Frau Raibstein, Recha Freier hat vor 75 Jahren die Kinder- und Jugendaliyah gegründet, um Kinder vor dem Nazi-Regime zu retten. Nach der Schoa wollte man den Waisen, die ihre Eltern verloren hatten, in Palästina ein neues Zuhause bieten. Welche Aufgabe hat sie heute?
raibstein: Viele der Kinder, die wir heute betreuen, leben bereits seit Jahren in Israel, sind hier geboren und kommen aus schwierigen Verhältnissen. Für die Kinder, die neu nach Israel einwandern, ist die Situation heute nicht mehr so bedrohlich, so elternlos und so hoffnungslos, wie sie damals war. Und doch gibt es immer wieder kritische Situationen, in denen Kinder aufgenommen werden müssen, schauen wir uns nur den arabischen Antisemitismus in Frankreich an. Unsere Aufgaben sind heute viel vielschichtiger und müssen individueller auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse der Kinder abgestimmt werden.

Ist Antisemitismus oder Jugendgewalt in Deutschland ein Grund, warum Eltern ihre Kinder nach Israel schicken?
raibstein: Antisemitismus und Gewalt sind auch Gründe. Dennoch haben wir in Deutschland eine gewisse Luxussituation. Wir leben hier auch als Juden sehr entspannt. Trotz wirtschaftlichem Druck und Arbeitslosigkeit geht es uns insgesamt in Deutschland ganz gut. Und trotzdem gibt es Gründe für jüdische Kinder zu sagen, ich möchte hier weg, ich möchte eine Alternative für mich finden. Sei es nun, dass sie aus einer Kleinstadt kommen, wo es kein jüdisches Leben gibt, wo sie in der Schule und in der Oberstufe merken: »Ich bin etwas anderes und ich möchte nicht immer etwas anderes sein. Ich möchte mal sein wie alle anderen.«
Was bietet Israel?
raibstein: Wir haben durch die russische Zuwanderung sehr viele Sozialhilfe-empfänger. Wir haben auch Familien, die ursprünglich aus Israel stammen, die sich langfristig erhofft haben, in Deutschland einfacher eine Existenz aufzubauen und dann doch nicht so Fuß gefasst haben, wie sie sich das erhofften. Sie sind dankbar, wenn sie auf diese Art und Weise ihre Kinder wieder in Israel integrieren können. Auch Kinder aus Mischehen haben hier ihre Chance, ihre Identität zu finden.

Kann man Tendenzen ablesen, aus welchen Familien Kinder nach Israel gehen?
raibstein: Größtenteils kommen sie schon aus Familien mit einem gewissen sozialen Konfliktpotenzial. Sei es, dass ein Elternteil verstorben ist, dass es ihnen wirtschaftlich nicht gut geht und sie sich erhoffen, eine bessere Betreuung und eine bessere schulische Förderung für ihre Kinder in Israel zu bekommen. Oder es sind Kinder, die im deutschen Schulsystem scheitern und für die das flexiblere israelische System bessere Möglichkeiten bietet. Ich stelle mal die Behauptung auf: Dort, wo das Elternhaus perfekt ist, der Schüler 1 a durch die Schule kommt und er kein Problem mit seiner jüdischen Identität in Deutschland hat, wird er nicht weggehen. Er wird auch in kein anderes Internat gehen, außer, um seine Fremdsprachenkenntnisse aufzubessern. Es ist die Chance für Kinder, die eine Bereicherung brauchen, bei denen irgendeine Lücke gefüllt werden muss.

Welche Alternative stellen die Kinderdörfer dar?
raibstein: Für die Kinder aus instabilen und sozial schwachen Familien ist eine Erziehung in Israel ein Chance, Ruhe in ihr Leben zu bekommen. Anstatt dass sein Kind hier in ein Internat oder gar in ein Heim geht, ist es besser, es in einem Jugenddorf unterzubringen. Dies wäre die jüdische Alternative. Und wir haben zunehmend Kinder in den alteingesessenen Familien mit solchen Problemen. Wir Juden sind ein Spiegel der Gesellschaft. Auch wenn es unter Juden noch eine geringere Scheidungsquote gibt, die Ehen vielleicht noch ein bisschen besser halten, kommt es trotzdem vermehrt vor, dass unsere Kinder nicht mehr so perfekt betreut werden.

Wer zahlt den Aufenthalt in Israel?
raibstein: Die Jewish Agency und das israelische Erziehungsministerium. Möglicherweise zahlen die Eltern je nach Einkommen etwas hinzu. Aber wenn sie kein Geld haben, dann zahlen sie auch nichts. Dieses Programm beinhaltet auch einen Flug nach Hause pro Jahr und Taschengeld.

Die Kinder- und Jugendaliyah ist selbst auch auf Spenden angewiesen. Wie machen Sie auf Ihre Arbeit aufmerksam?
raibstein: Wir verschicken Mails an Spender und Mitglieder in den Gemeinden, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Aber auch die Konzertreisen der Kinder aus Israel, die hier zeigen können, was sie in den Jugenddörfern gelernt haben, sind gute Werbung für uns. Damit können wir potenzielle Spender darauf aufmerksam machen, was aus den Kindern werden kann, welche Chancen sie in den Jugenddörfern bekommen. Hinzu kommen Vorträge und Kontakte zu Einrichtungen.

Was wünschen Sie sich für die Kinder- und Jugendaliyah für die Zukunft?
Den Kindern ist das Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit und Werten verloren gegangen. Bislang war der Grundgedanke, wir müssen den Kindern eine Zukunft geben, und wir müssen für sie ein Netzwerk aufbauen, in dem sie Geborgenheit finden. Heute haben die Kinder viele Wunden. Wir müssen sie so stabilisieren, dass sie wieder träumen. Ein Kind, das einen Traum hat, hat auch Kraft, ihn zu verwirklichen. Nur ein Kind, das in sich heil wird, hat wieder Vertrauen. Das zu erreichen, ist unsere heutige Aufgabe.

Mit der Leiterin der Kinder- und Jugendaliyah in Deutschland sprach Heide Sobotka.

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