Sommerjobs

Kinder, an die Arbeit!

von Wladimir Struminski

Aus dem kleinen Haus in der Rakefet‐
Straße in Mevasseret Zion dringen Kin‐
derstimmen. In dem Vorort von Jerusalem findet eines der vielen Tagesprogramme für den Nachwuchs statt, wie sie während der großen Ferien von Anfang Juli bis Anfang September gang und gäbe sind. Auf dem Matratzenboden hat sich eine Gruppe von Grundschülern niedergelassen. Die Kleinen lernen ein Gedicht: Die Erzieherin sagt jede Zeile separat auf, und die Kinder skandieren sie nach. Ihre Ge‐
sichter glühen vor Anstrengung und Freude, und auch die Betreuerin, Rotem Rachamim, hat Spaß. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass die 18‐Jährige selbst Kindergedichte gelernt hat. Heute gehört sie zu der großen Schar von israelischen Schülern, die sich in den Sommerferien ein Zubrot verdienen.
Einer Schätzung zufolge werden in diesem Jahr 170.000 Acht‐ bis Zwölftklässler im Laufe der Ferien einen Job annehmen. Das wäre immerhin jeder dritte Mittelstufen‐ und Gymnasialschüler im Lande. Die einen arbeiten, um sich Kleidung oder den Urlaub in der Türkei zu finanzieren, die anderen sorgen vor. „Ich gehe dieses Jahr zur Armee“, sagt Rotem. „Da möchte ich etwas Geld in der Tasche haben. Mit dem Sold kommt man nicht weit.“
Viele der jungen Verdiener sind in der Kinderbetreuung tätig, vom Babysitten bis hin zu Gruppenleitern in Sommerlagern. Efi Kedmi ist Assistent beim Ferienpro‐
gramm des Israel‐Museums in Jerusalem. Am Ende des ersten Tages sind Efis Finger bunt gefärbt. Der Elftklässler hat seinen Schützlingen den richtigen Umgang mit Wachsmalstiften beigebracht.
Auch im Gaststättengewerbe und im Einzelhandel kommen viele Aushilfskräfte unter. Während die „großen“ Mitarbeiter in Urlaub fahren, kellnern und verkaufen die „Kleinen“ an ihrer Stelle. Im Modehaus Castro in Jerusalems größtem Einkaufszentrum, Malcha, verdient Orian Levy ihr Geld, bevor es im September in die elfte Klasse geht. „Ich jobbe in den Sommerfe‐
rien seit der neunten Klasse“, sagt die Teenagerin. Früher hat Orian in Festsälen als Kellnerin gearbeitet. „Manchmal traten bei den Hochzeiten gute Sänger auf“, lacht sie. Allerdings ist ihr die Arbeit als Mode‐
verkäuferin doch lieber. Ein Stockwerk hö‐
her, in der Spielhalle „Joystick“ kleben kleine und große Kunden an Bedienknöpfen und Bildschirmen. Auch hier sind jugendliche Zeitkräfte willkommen. In diesem Sommer sind drei der 15 Beschäftigten Schüler. Sie weisen Kunden in den Spiel‐
verlauf ein und können die Geräte bei Be‐
darf auch schon mal reparieren. Es gibt auch Exotischeres. So etwa sucht Avichai, ein 16‐jähriger Foto‐Fan aus Kiriat Malachi, im Internet Ferienarbeit als Berufsfotograf. Eine erst 14‐jährige Mascha wiederum kann, so ihre Annonce, bei Kindergeburtstagen auftreten und Zöpfe flechten.
Wochen, wenn nicht Monate vor Fe‐
rienbeginn geht die Suche nach guten Beschäftigungsmöglichkeiten los, werden familiäre Bande genutzt, der Onkel im Baumaterialiengeschäft und die Tante, die den Blumenladen führt, um einen Arbeitsplatz für den Sommer gebeten. Wer nichts Attraktiveres findet, geht putzen.
Allerdings sind nicht alle Arbeitgeber von den jungen Aushilfen begeistert. Vie‐
len ist der Umgang mit unerfahrenen Sommerkräften zu kompliziert. Andere betrachten ihn als Risiko für die Repu‐
tation. „Schüler? Beschäftigen wir nicht“, heißt es immer wieder. Oft auch werden den Halbwüchsigen nur simple Aufgaben übertragen. So dürfen die Ferienjobber im Bekleidungsgeschäft Crazy Line im Tel Aviver Dizengoff‐Center die guten Stücke zwar falten, nicht aber verkaufen. In anderen Fällen scheitert die Beschäftigung am Berufsrisiko. „Ich nehme schon mal Schü‐
ler zur Aushilfe“, berichtet der Jerusalemer Installateur Dudu Cohen, „allerdings nur für sichere Tätigkeiten. Beispielsweise kann mir ein 16‐Jähriger beim Graben helfen, wenn ein Rohrbruch abzudichten ist. Wenn aber etwas auf dem Dach repariert werden muss, kommt er natürlich nicht mit rauf.“
Cohen handelt im Einklang mit dem Gesetz. Dieses untersagt nicht nur gefährliche Arbeiten und übermäßiges Lastenschleppen, sondern auch Überstunden und Nachtschichten. So ist für 14‐ und 15‐Jährige spätestens um 20 Uhr, für 16‐ bis 18‐Jährige um 22 Uhr Schluss. Das verhindert den Arbeitseinsatz in Kneipen, in de‐
nen die eigentliche Arbeit erst spät am Abend beginnt.
Auch für einen Mindestlohn hat der Gesetzgeber gesorgt. Jugendliche bis zum vollendeten 16. Lebensjahr dürfen in diesem Sommer nicht weniger als 15,52 Schekel verdienen – umgerechnet 2,90 Euro. Der Einstiegssatz für 16‐Jährige liegt bei 16,63 Schekel, während 17‐Jährige auf mindestens 18,40 Schekel kommen müssen. Die meisten Arbeitgeber gehen über die vorgeschriebenen Mindestsätze nicht hinaus. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn für Erwachsene beträgt 20,62 Schekel.
Jugendlichen, die sich übervorteilt fühlen, steht eine Hotline des Ministeriums für Industrie, Handel und Arbeit zur Verfü‐
gung. Doch das hilft nicht immer. Schwarze Schafe unter den Arbeitgebern nutzen den Beschäftigungswunsch aus. Dennoch: Ferienjobs bleiben Teil des israelischen Lebensstils und für viele junge Saisonarbeiter der einzige Weg zu trendiger Markenbekleidung, dem eigenen Führerschein oder dem ersten selbst bezahlten Urlaub.

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