Barmizwa

Kick-off beim Beten

von Beni Frenkel

David ist ein Berliner Junge. Er ist zwölf und geht in die sechste Klasse. Seine Hobbys? Fußball, Computer und Münzensammeln. Klar, er ist jüdisch und ein bisschen stolz darauf. In der Schule haben sie ihn deswegen bis jetzt noch nie gehänselt, das liegt vielleicht auch daran, dass er der Stärkste in der Klasse ist.
Bald ist David Barmizwa. Der alte Herr Goldenberg sagt ihm immer: „Dann bist du ein Erwachsener und für deine Taten selber verantwortlich!“ Herr Goldenberg ist Davids jüdischer Privatlehrer. Er kommt jeden Dienstag für eine Stunde Religion zu ihm nach Hause. Zum Glück hört der Unterricht kurz vor den „Simpsons“ auf.
Genau genommen ist David zwölf Jahre, neun Monate und zwölf Tage alt. Warum wir das so genau aufschreiben? David hat nämlich Angst vor seiner Barmizwa. Bis dahin sind es noch genau zwei Monate und 19 Tage. Dann muss David in die Synagoge gehen und den Segensspruch vor der Tora aufsagen. David hat Schiss davor. Großvater, die Eltern, der blöde Bruder, die dumme Schwester, drei Onkel, vier Tanten und sieben Cousins werden in die Synagoge kommen und jedes seiner Worte mitverfolgen.
Der Vater hat Davids Nervenflattern längst bemerkt. Eines Abends sagt er zu ihm: „David, komm’ nächste Woche in die Synagoge! Dann ist Rosch Haschana, da kannst du dich schon mal dran gewöhnen.“ „Aber da haben wir doch ein wichtiges Fußballspiel“, schreit David, „und ich bin gerade der beste Stürmer. Wenn ich nicht dabei bin, überholt mich vielleicht Markus!“
Doch wenn seinem Vater etwas wirklich ernst ist, dann helfen keine Argumente. Und so sitzt David ein paar Tage später in der Synagoge. Der Machsor liegt wie Blei auf seinen Knien. Lustlos hat er ein bisschen darin rumgeblättert. „Noch 176 Seiten, dann können wir nach Hause gehen“, denkt er und schaut auf die Uhr. „Die anderen fangen jetzt gerade mit dem Aufwärmen an, hoffentlich gelingt Markus kein Tor!“
David ist mit den Gedanken weit, weit weg. Sein Vater sitzt zwischen ihm und dem blöden Bruder. Was beide nicht mögen: Vater blättert ihnen immer die richtige Seite auf und fordert sie zum Mitbeten auf. Aber David kann ja nur stockend lesen!
So vergehen die Sekunden, die Minuten, und nach einer Ewigkeit bewegt sich auch der Stundenzeiger ein bisschen vorwärts. „In zehn Minuten ist das Fußballspiel vorbei“, denkt David verzweifelt. „Wenn nur Markus kein Tor geschossen hat und mich vom Thron runterstößt!“
„Dein Thron ist auf Gnade gegründet“, singt derweil der Kantor auf Hebräisch. Die Gemeinde ist gerade beim Gebet „Unetane Tokef“ angelangt. Die Leute stehen auf und beten lauter als normal. David liest die deutsche Übersetzung: „An Rosch Haschana wird man eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt: ‚Wie viele sterben, und wie viele geboren werden …‘“ David denkt an seine Großmutter Minka. Sie ist vor zwei Monaten gestorben. Sie starb ganz plötzlich, schien es ihm. Eine Woche vor ihrem Tod hat sie David noch beim Fußballspielen zugeguckt. Er hat sehr geweint, als sie nicht mehr da war. Und noch immer denkt er kurz vor dem Einschlafen an sie.
„… wer reich sein wird und wer arm …“, hört David den Kantor singen. Da fallen ihm die Eltern von Lars ein. Sie mussten umziehen, weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, jetzt wohnen sie irgendwo draußen, wo es billiger ist. Der Vater hat es am Mittagstisch erzählt. David darf es aber niemandem weitersagen. Es war das erste Mal, dass er hautnah miterlebte, wie Menschen plötzlich arm wurden. Ihm passiert das hoffentlich nicht, denn er will mal Fußballprofi werden. Aber wer weiß?
Hat sich David vorhin zu Tode gelangweilt, liest er nun interessiert die Übersetzung. „… wer durch Hunger, wer durch Seuche stirbt …“ – „Und das wird an diesem einen Tag von Gott bestimmt?“, fragt sich David. „Krass!“
„… wer Rast findet und wer Zerrissenheit“. Was „Rast“ ist, weiß David nicht, aber er kennt „Zerrissenheit“. Jedes Mal, wenn er die schwarzhaarige Sarah sieht, zerreißt es ihm das Herz. Sie hat ihn schon mal lange angeguckt, aber er – Blödmann!– wusste nicht, was er sagen sollte.
„Doch Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit wenden das böse Verhängnis ab!“ Plötzlich ist David ganz bei der Sache. Er war eigentlich nie unreligiös. Doch als Zwölfjähriger ist man so beschäftigt mit Schule, Sport und Mädchen! Jetzt fasst er sich ein Herz und betet mit. Vor allem wegen seiner Großmutter. Die hat ihm immer gesagt: „Ein ehrlicher Jude musst du werden, David!“
Und so betet er ganz ehrlich: „Lieber Gott, schreib’ mich bitte ins gute Buch ein! Ich verspreche dir auch, dass ich den alten Goldenberg nicht mehr so doll ärgern werde und dass ich meine Eltern ehre. Sei du mir bitte auch lieb! Hilf mir wegen Fußball und Sarah, du weißt schon …“
Der Gottesdienst ist zu Ende, die Leute strömen aus der Synagoge. David ist nicht superreligiös geworden in diesen paar Stunden, aber er hat die Angst vor der Synagoge verloren – und vielleicht auch die vor seiner Barmizwa.

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