Führungsmannschaft

„Keine One-Woman-Show“

von Christine Schmitt und Detlef David Kauschke

Als das Ergebnis verkündet wird, sitzt Lala Süsskind gelassen auf ihrem Platz. Die et‐
wa 300 Zuschauer klatschen Beifall. Dann steht sie auf und kann sich vor Gratulanten kaum retten. Kameraleute, Fotografen, Journalisten, Freunde und Gemeindemitglieder drängen zu ihr. Ihr Mann, Artur Süsskind, bleibt im Podium und tippt rasch eine SMS, während sich die neue Gemeindechefin einen Weg zu ihm bahnt, um ihn zu umarmen. Und auch der neugewählte Vorsitzende der Repräsentantenversammlung (RV), Michael Joachim, hat ein Einsehen und unterbricht für einige Minuten die Sitzung.
Lala Süsskind ist die erste Frau an der Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – und es herrscht Aufbruchstimmung. Eine der ersten Neuerungen: Sie hat zwei Vizechefs, Benno Bleiberg und Jochen Palenker. Damit macht die 61‐Jährige ihre Ankündigung wahr, die Teamarbeit in der Gemeindeführung zu stärken. Es werde „keine One‐Woman‐Show“ geben, hatte sie noch vor ihrer Wahl gesagt. Neben Süsskind (Öffentlichkeitsarbeit, Soziales und Integration), Bleiberg (Kultus) und Palenker (Finanzen und Steuern) gehören Mirjam Marcus (Schule, Jugend und Erziehung), Mark Jaffé (Personal und Verwaltung) dem Vorstand an. Ilan Ben‐Schalom (Sicherheit), Grigorij Kristal (Bauwesen) und Aharon Risto Tähtinen (Kultur) wurden in den er‐
weiterten Vorstand gewählt.
Alterspräsident Alexander Brenner hatte die konstituierende Sitzung der neuen RV am vergangenen Mittwoch eröffnet. Er fühlte sich, wie er sagte, ein wenig an die Wahl der Gemeindeführung vor vier Jahren erinnert, als die Gruppe Kadima mit Albert Meyer und Arkadi Schneiderman die absolute Mehrheit errungen hatte. „Die Euphorie war groß, die Enttäuschung um so größer.“ Auch Artur Süsskind gibt sich angesichts des Amtsübernahme seiner Frau nachdenklich: „Ich finde es sehr mu‐
tig, was sie macht. Und ich glaube, sie hat zumindest eine gewisse Chance, Probleme in dieser Konstellation auch zu lösen. Bisher gab es die Gruppe Atid, die ein Ziel hatte: zu gewinnen. Jetzt müssen sie auch die Einheit wahren, wenn es um Problemlösungen geht und dass sie nicht auseinanderfallen wie frühere Gruppen.“
Monika Diepgen, Berlins ehemalige First Lady, hört das nicht. Sie drückt und küsst Lala Süsskind heftig und findet es „richtig toll“, dass ihre Freundin heute das Amt übernimmt. „Sie ist ein Mensch mit Durchsetzungsvermögen, sie ist eine liebevolle Freundin, und sie ist bodenständig. Ich hoffe, dass sie es schafft, die Gemeinde wieder zusammenzuschmieden.“
Nachdem der Trubel nach der offiziellen Verkündung langsam abklingt, geht es gleich wieder zur Tagesordnung: Gremien und Ausschüsse müssen besetzt werden. Etliche Kandidaten werden unisono mit 20 Stimmen gewählt – die 21. fehlt, da der frühere Gemeindechef Gideon Joffe nicht zur ersten konstituierenden Sitzung gekommen ist. „Da zeigt sich, dass er ein schlechter Verlierer ist“, kommentiert Alexander Brenner. Von der alten Gemeindeführung ist bis auf Peter Sauerbaum, ehemaliger Dezernent für Bildung Wissenschaft und Kultur, niemand erschienen.
Bis um 21 Uhr wird gearbeitet, aber zu diesem Zeitpunkt sind kaum noch Zuschauer im Großen Saal des Gemeindehauses an der Fasanenstraße. Die noch ausstehenden Tagesordnungspunkte werden auf die nächste Sitzung verschoben.
Lala Süsskind hält sich nicht mehr länger auf, sie nimmt ihre Blumensträuße und eilt zu ihrem Auto. Das hatte sie sich gewünscht, dass sie an diesem Tag noch einmal mit ihrem eigenen Wagen nach Hause fahren darf. Die Sicherheit bleibt ihr aber auf den Fersen und hat schon angekündigt, dass es ab dem nächsten Morgen nur noch mit Chauffeur und Personenschutz weitergeht.
Zum Antrittsbesuch bei Polizeipräsident Dieter Glietsch am nächsten Tag lässt sie sich fahren. Später gibt sie zwei Interviews und ist abends beim KKL‐Benefizkonzert in Potsdam. „Ein schöner Tag“, sagt sie danach. Und dass sie und die Atid‐Mitglieder eine gute Arbeit abliefern werden – da ist sie sich ziemlich sicher. Die Messlatte liege ja nicht hoch. „Schlechter als unsere Vorgänger können wir nicht werden.“
Nur vier Tage nach der Wahl muss Lala Süsskind einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Ihre Mutter, Ida Rubin, verstirbt und wird an diesem Mittwoch auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt. Trotz tiefer Trauer nimmt sie – wenn auch mit Einschränkungen – die wichtigsten Termine ihres neuen Amtes wahr, wie am Diens‐
tag die Tora‐Feier in der Jüdischen Oberschule.

lala süsskind, gemeindevorsitzende, dezernentin für öffentlichkeitsarbeit, integration und soziales
61, Soziologin. Sie will dafür sorgen, dass die Gemeinde wieder positiv wahrgenommen wird. Sie will sich zukünftig wieder direkt an die Medien wenden und sich zu Wort melden, denn die Gemeinde sei auch so etwas wie ein politischer Verein, meint sie. Deshalb sei es auch notwendig, dass es zukünftig einen Antisemitismusbeauftragten gibt. Im Sozialbereich möchte Süsskind erst einmal sehen, wo die größten Nöte sind. Ein dringendes Problem sei die Frage der Rentenzahlungen an pensionierte Gemeindeangestellten. Süsskind ist da‐
von überzeugt, dass es mit dem Senat in Kürze ein Übereinkommen in dieser Frage geben kann. Im Ressort Integration möchte sie eine übergreifende Stelle für die vielen Clubs einrichten, sodass dort ein besseres Miteinander entsteht.

jochen palenker, finanzdezernent,
stv. gemeindevorsitzender
49, Arzt, Vermögensverwalter. Als neuer Finanzdezernent werde er sich unbeliebt machen, da ist er sich ganz sicher. Denn auf seiner Liste stehe: Sparen, sparen, sparen. Die finanzielle Lage sei ernst. Schließlich habe die Gemeinde in den vergangenen neun Jahren Haushaltsdefizite auf‐
gestellt. Insgesamt sei so eine Summe von 14,2 Millionen Euro zustandegekommen. Das Eigenkapital der Gemeinde sei erheblich geschrumpft. Es müsse genau überprüft werden, wo die Schwerpunkte der Gemeinde seien und was sie sich noch leis‐ten könne und was nicht. Was ist Pflicht, was ist Kür? Diese Frage müsse jetzt gestellt werden. Die Basis, die die Gemeinde zu Heinz Galinskis Zeiten hatte, gebe es nicht mehr. Palenter hofft, dass er im neuen Amt – wenn schon nicht geliebt – doch wenigstens geachtet werde.

benno bleiberg, kultusdezernent,
stv. gemeindevorsitzender
54, Rechtsanwalt und Notar. Er sitzt die zweite Legislaturperiode in der RV und ist Gründungsmitglied der Gruppe „Atid“. Seit mehr als 15 Jahren ist er Gabbai in der Synagoge Fraenkelufer, wo die Beter derzeit ohne einen Rabbiner auskommen müssen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sei es, nun einen fähigen Gemeinderabbiner zu finden, der auch das liberale Image vertrete. Vielleicht könnte der in Kooperation mit einer Berliner Universität gesucht und angestellt werden, meint Bleiberg. Auch die Synagoge Rykestraße soll für Beter wieder attraktiver werden. Zudem soll ein Jugendrabbiner engagiert werden. Auch will er sich dem Problem Mitgliederschwund widmen: Ausgetretene Mitglieder sollen angeschrieben werden, um sie vielleicht doch wieder für die Gemeinde gewinnen zu können.

mark jaffé, dezernent für personal
und verwaltung
38, Leitender Angestellter. Es müsse unbedingt das Vertrauen des Personals – im‐
merhin arbeiten 400 Menschen in der Jüdischen Gemeinde – wieder gewonnen werden. Die Angestellten sollen eine solide Arbeitsgrundlage bekommen. Die Geschäftsführung der Gemeinde soll sich zudem bemühen, wieder ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. In den vergangenen Jahren habe es keine Rechtsverbindlichkeit gegeben, und die daraus resul‐
tierende Unsicherheit möchte er bekämpfen. Seit seinem vierten Lebensjahr lebt Jaffé in Berlin und war damit von Kindesbeinen an fest in der Jüdischen Ge‐
meinde verwurzelt. Parallel zu seinem Studium, zunächst an der TU Berlin und später an der renommierten ETH Zürich, war Jaffé an beiden Orten in jüdischen Studentenorganisationen aktiv.

mirjam marcus, dezernentin für
schule, jugend und erziehung
55, Dozentin, Ihre Generation habe früher wenig Kenntnis des Judentums gehabt, deshalb findet die Mutter von drei erwachsenen Kindern eine Erziehung zu jüdischer Identität wichtig. Zu ihrem Ressort gehören die Jüdische Oberschule und die Heinz‐Galinski‐Schule, wo sie sich für ein klares jüdisches Profil einsetzen will. In ihre Zuständigkeit fällt auch der Gemeindekindergarten an der Delbrückstraße und das Jugendzentrum Olam an der Joachims‐taler Straße. Mirjam Marcus war unter anderem Mitbegründerin und Vorsitzende der ersten Elternvertretung der Kita der Gemeinde sowie der Elternbeiräte der Jüdischen Grundschule und der Oberschule. Ebenso war sie Mitgründerin des egalitären Minjans, aus dem sich die Betergemeinschaft der Synagoge Oranienburger Straße entwickelte.

michael joachim, rv‐vorsitzender
64, pensionierter Schuldirektor. Als Leiter einer Grundschule und als aktives Gewerkschaftsmitglied hat er viel Erfahrungen sammeln können, wie Konferenzen und Sitzungen erfolgreich geleitet werden. In der RV will Joachim zukünftig dafür sorgen, dass jeder der Diskussion folgen kann und es schneller zu Entscheidungen kommt. Unterstellungen und Beschimpfungen sollen in den Debatten keinen Platz mehr haben. Zudem soll der Ausschussarbeit wieder mehr Bedeutung beigemessen werden. Joachim habe bei Sichtung der Unterlagen festgestellt, dass viele Themen in der RV einfach nicht auf die Tagesordnung gekommen seien. Beispielsweise die Bildung einer Chewra Kadischa oder die Besetzung der Direktorenstelle an der Grundschule. Als Präsidiumsmitglied will er auch das Gemeindeblatt „jüdisches berlin“ wieder lesenswerter machen.

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