Jerusalemtag

(K)ein Grund zum Feiern

von Daniela Breitbart

Efim Kerzhner ist stolz auf sein Engagement. „Wir feiern am 16. Mai einen Tag für Israel“, sagt der Kulturarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde Leipzig. Dafür hat er eigens eine Musikgruppe aus Hannover angeheuert. Auch Bad Nauheim feiert am 17. Mai einen Israel‐Tag – mit Gottesdienst, einem Basar mit israelischen Produkten und einer Synagogenführung. Eine bunte Mischung aus Jom Haazmaut, Jom Jerushalajim und I‐like‐Israel‐Aktion. „Wir haben einfach alles zusammengelegt“, sagt der Gemeindevorsitzende Monik Mlynarski. Auf diese Weise entgeht er geschickt den logistischen Schwierigkeiten, die die Häufung der Feier‐ und Gedenktage gerade den kleinen Gemeinden bereiten kann: Jom Haazmaut und Israel‐Tag auf der einen, Lag‐Baomer und Schawuot auf der anderen Seite. Da stoßen manche Gemeinden bereits an ihre Grenzen. Am 16. Mai jährt sich die Wiedervereinigung Jerusalems zum 40. Mal, doch nur in wenigen Städten wird der „Jom Jeruschalajim“ tatsächlich gefeiert.
„Jom Jeruschalajim? Wir haben gerade einen Israel‐Tag hinter uns“, sagt Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Hannover. Auch in Düsseldorf ist laut Gemeindedirektor Michael Szentei‐Heise „nichts geplant“. Die Bielefelder verzichten auf Feiern dieses Jahr ganz: „Wir müssen immer Räume anmieten, und das können wir uns nicht jedes Jahr leisten“, klagt Irith Michelsohn, Vorstandsmitglied der Jüdischen Kultusgemeinde. Auch in Fulda fehlt es an Geld und Personal: „Wir hatten zu Jom Haazmaut eine große Party und eine große Veranstaltung an Lag Baomer, so dass es schwer ist, auch noch den Jerusalemtag zu feiern“, bringt es der Gemeindevorsitzende Roman Melamed auf den Punkt. „Aber wir sprechen darüber und sagen spezielle Gebete.“ In Oldenburg gibt es ein Konzert mit israelischen Liedern, mehr sei nicht möglich, sagt Sara‐Ruth Schumann, die Vorsitzende der Gemeinde. „Wir hatten gerade eine Tora‐Einführung und ein Konzert zu Jom Haazmaut, außerdem laufen die Schawuot‐Vorbereitungen, und von den Anstrengungen müssen wir uns erstmal erholen.“ Tora‐Einführung und ein neuer Rabbiner – auch in Duisburg fällt deshalb der Jom Jeruschalajim dieses Jahr aus, wie Geschäftsführer Michael Rubinstein bedauernd feststellt: „Dafür haben wir keine Kapazitäten.“ In Braunschweig fehlt es ebenfalls an Helfern. „Einen Tag vorher veranstalten wir ein Konzert, so dass eine weitere Feier für unsere kleine Gemeinde nicht zu stemmen wäre“, sagt Gemeindevorsitzende Renate Wagner‐Redding. Zumal es eine „besonders große“ Feier zu Jom Haazmaut gegeben hat, die „Kraft kostete“. Nach den kräftezehrenden Aktivitäten kann auch Alexander Schraga, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Bochum‐Herne‐Hattingen, noch kaum durchatmen: „Wir haben den Israel‐Tag am 3. Mai groß gefeiert und ebenso Lag Baomer. Was wir am Jom Jeruschalajim machen, steht noch nicht fest. Einen Schwerpunkt können wir darauf allerdings nicht setzen, weil wir unterbesetzt sind.“
„Wahrscheinlich veranstaltet der Frauenclub ein Konzert oder eine Feier“, antwortet Max Solomonik, Vorstandsmitglied der Gemeinde Cottbus auf die Frage nach dem Jerusalemtag. „Uns sind die religiösen und die nichtreligiösen Feiertage gleich wichtig. Da wir nicht so viele Kapazitäten haben, können wir nur entweder feiern oder informieren.“ In Darmstadt fällt der Jerusalemtag einem WIZO‐Basar zum Opfer. „Wir haben aber gemeindeintern Jom Haazmaut gefeiert“, sagt der Vorsitzende Moritz Neumann fast entschuldigend. Eine Jom‐Haazmaut‐Party für Ju‐ gendliche gab es in Mainz, wo auch der Israel‐Tag am 3. Mai groß gefeiert wurde. „Für den Jerusalemtag ist leider nichts geplant“, sagt die Leiterin des Kulturreferats, Nina Shpolyanskaya. Die gleiche Antwort gibt Michael Grünberg, Vorsitzender der Gemeinde Osnabrück: keine Veranstaltung zum Jom Jeruschalajim, dafür Party zu Jom Haazmaut.
In Kassel gab es am 13. Mai ein Konzert mit jüdischen Liedern und zu Jom Haazmaut einen Film mit anschließender Feier. „Das war unser Schwerpunkt“, erklärt die Sozialarbeiterin der Gemeinde, Emilia Nachlis. Auch Mannheim hat sich mit Jom Haazmaut, Jom HaSchoa und einem Jerusalem‐Basar verausgabt. „Wir sind nur eine kleine Gemeinde und zudem der Stadt Mannheim verpflichtet, die anlässlich ihres 500. Geburtstages einen Tag der Religionen veranstaltet, an dem wir teilnehmen“, sagt Elisabeth Heinrich, Vorstands‐ mitglied der Gemeinde. Auch Steve Landau, Geschäftsführer der Gemeinde Wiesbaden, hat lokalpolitische Gründe, auf Feiern zu verzichten: „Im vergangenen Jahr haben wir von September bis Dezember quasi durchgefeiert, denn unsere Gemeinde wurde 60 und unser Zentrum 40 Jahre alt. Während dieser Zeit waren die Medien fokussiert auf uns – wir wollen die Welle der Sympathie nicht überstrapazieren.“
So sehr alle Gemeinden betonen, wie wichtig ihnen der Unabhängigkeitstag ist – über die Bedeutung von Jom Jeruschalajim sind sich die Verantwortlichen äußerst uneinig. Keinen Grund zum Feiern sieht Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen: „Wir wollen eine po‐ litische Angelegenheit nicht ins Religiöse überhöhen“, sagt sie. „Das war nie Tradition in der Gemeinde.“ Aachens Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer sieht dies ganz anders. „Die Solidarität mit Israel ist uns sehr wichtig, deshalb versuchen wir alles, was möglich ist. Wir wollen zeigen, dass wir Grund haben zu feiern.“ Auch Lea Floh, Vorstandsvorsitzende in Mönchengladbach, ist der Jerusalemtag besonders wichtig. „Wir haben ein Konzert mit einem Chor, der israelische Lieder singt, und außerdem tragen Gemeindemitglieder ihre eigenen Geschichten und Gedichte vor.“
Die politische Bedeutung des Jerusalemtages dürfte Nora Goldenbogen dazu bewogen haben, eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Ilan Mor, dem Gesandten des Staates Israel, zum Thema „Vision Israel“ zu organisieren. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden setzte damit bewusst einen Schwerpunkt, auf Kosten einer Veranstaltung zu Jom Haazmaut. „Wir müssen unsere Kräfte bündeln.“

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