Widerspruch

Kabale und Hiebe

von Eva C. Schweitzer

Selten hat ein Buch, das eher dröge daherkommt, solch einen Aufruhr verursacht. The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy der Politologen John Mearsheimer und Stephen Walt ist gerade zeitgleich in den USA und in Deutschland (Die Israel‐Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird, Campus Verlag, 24,95 Euro) er‐ schienen. Prompt veröffentlichte Abraham Foxman, der Vorsitzende der Anti‐Defamation‐League, ein Gegenbuch: The Deadliest Lies. The Israel Lobby and the Myth of Jewish Control. Seitdem wird heiß debattiert und heftig gestritten. Das geht so weit, dass Walt und Mearsheimer von mehreren Veranstaltungen wieder ausgeladen wurden, sogar von ihrer eigenen Alma Mater, der University of Chicago. Dennoch schaffte es ihr umstrittenes Buch rasch auf einen der vorderen Plätze der Amazon‐Bestsellerliste.
Die Autoren stellen zwei Behauptungen auf: Es gebe eine mächtige Israel‐Lobby in den USA, die sich nicht nur in bekannten Organisationen wie AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) oder JINSA (Jewish Institute for National Security Affairs) manifestiere, sondern die auch Verbindungen in Universitäten und zu Think Tanks wie dem »American Enterprise Institute« oder dem »Saban Center for Middle East Policy« habe. Sie schüchtere Medien von der New York Times über CNN bis zum Weekly Standard ein oder kontrolliere sie gar, und ihr langer Arm reiche bis ins Pentagon, zumindest, als dort noch Donald Rumsfelds Stellvertreter Paul Wolfowitz und Douglas Feith arbeiteten. Mit Drohungen und Geld kontrolliere die Lobby auch den US‐Kongress. Diese Lobby, so die Politologen weiter, bringe Amerika dazu, Israel mit erheblichen Mitteln zu unterstützen (sie sprechen von insgesamt 154 Milliarden Dollar) und sich bei Abstimmungen in den UN grundsätzlich auf die Seite Israels zu stellen. Das aber sei gegen die Interessen der USA, die sie dahingehend zusammenfassen: billiges Öl. Mehr noch: Die Unterstützung Israels provoziere erst den Terrorismus, unter dem Amerika leide. Israel sei keine Hilfe, sondern ein Klotz am Bein. Und – das erregt die Gemüter am meisten – die Lobby stecke hinter dem Krieg gegen den Irak. Die Autoren betonen zwar das Existenzrecht Israels, es solle aber wie ein »normales Land« behandelt werden, das nur Geld bekomme, wenn es pariere.
Die amerikanischen Zeitungen haben das Buch ungnädig besprochen. Der jüdische Forward, sonst eher kritisch gegenüber der Lobby, warf den Autoren vor, sie stilisierten sich zu Märtyrern, um das Buch zu verkaufen, obwohl sie einen 700.000-Dollar-Vorschuss bekommen hätten. Die New York Times nannte das Buch »kalt«. Der feindselige Ton gegen Israel gehe einem auf die Nerven. Zudem sei Israel für die USA kein normales Land und werde es nie sein. Ähnlich äußerte sich die Washington Post: Das Buch sei trocken, kalt und zeige kein Gramm Sympathie für Israel, meinte Kolumnist Richard Cohen. David Remnick räumte im New Yorker ein, dass die Autoren mit ihrer Kritik an Israels Palästinapolitik und dem Irakkrieg recht hätten. Aber sie unterschlügen den palästinensischen Terrorismus und beschuldigten einseitig Israel. Zbigniew Brzezinski, der Berater von Ex‐Präsident Jimmy Carter, wies darauf hin, dass es viele ethnische Lobbys in den USA gebe. Die kubanische und die armenische Lobby seien ebenso stark wie die israelische. Und Franklin D. Roosevelt habe sich schon im Zweiten Weltkrieg bei Stalin über die polnische Lobby beschwert.
Die heftigste Gegenrede kommt von Abraham Foxman. Mearsheimer und Walt wiederholten Mythen, die Antisemiten seit Jahrhunderten verbreiteten und setzten Halbwahrheiten, Verdrehungen und Falschheiten in die Welt, schreibt er: »Schon ihr Artikel« (ein Beitrag in der London Review of Books, aus dem das Buch letztlich entstand) »hat viele Elemente, die wir von klassischen antijüdischen Verschwörungstheorien kennen«, so Foxman. »Auf jeder antisemitischen Website und in jedem Traktat, bei jedem Treffen einer Hassgruppe heißt es, dass die Juden zu viel Macht haben, dass sie nur gegenüber Israel loyal sind und dass sie politischen Einfluss nicht auf demokratischem Wege, sondern per Intrige ausüben. Walt und Mearsheimer klingen genauso. Zwar sind sie nicht so krude wie Neonazi‐Gruppen, etwa die National Alliance, sondern subtil und pseudowissenschaftlich, aber das macht ihr Gift noch gefährlicher.« Außerdem: Wer glaube, Kritik an Israel in den Medien oder Universitäten werde verhindert, mache sich lächerlich. »Es ist auf dem Campus normal, dass Zionismus auf eine Weise attackiert wird, die an Antisemitismus grenzt.« Foxman erinnert zudem daran, dass Isolationisten wie Charles Lindbergh noch 1941 den amerikanischen Juden vorgeworfen hatten, für einen unnützen Krieg zu agitieren. Und heute stünden wieder wichtige Entscheidun‐ gen an: Wie mit einem Iran umgehen, der Nuklearwaffen will? Wie Syrien behandeln, das die Region destabilisiere? Und was ist mit Saudi‐Arabien?
Foxman räumt allerdings ein, dass der Umgang Israels mit den Palästinensern »nicht untadelig« sei, aber niemand habe dafür eine Lösung. »Wenn man Land besetzen muss, das von armen Flüchtlingen bewohnt wird, von denen viele feindselig sind, ist das harsch und bitter«, schreibt er. Aber das sei eben das tragische Erbe des Krieges. Amerikaner, zu deren Geschichte Wounded Knee, My Lai und Abu Ghraib gehörten, könnten das verstehen. Was Foxman aber am meisten empört, ist, dass die Autoren einer »neokonservativen Kabale« von jüdischen Amerikanern und dem Likud die Schuld am Irakkrieg gebe, wo doch Israel eher den Iran als Feind gesehen habe.
Nun ist es schwer zu glauben, dass Öl beim Irakkrieg eine untergeordnete Rolle gespielt hat, wie Walt und Mearsheimer es behaupten, oder dass sich Rumsfeld oder Dick Cheney von einer Lobby bevormunden ließen. Aber der Hauptgrund für den Irakkrieg war wohl weder das Öl noch Israel. »Der wirkliche Grund«, schrieb der New‐York‐Times‐Kolumnist Thomas Friedman 2003, »war, dass wir nach 9–11 irgendwen in der arabisch‐muslimischen Welt schlagen wollten. Der einzige Weg, diese Terrorblase aufzustechen, war, klarzumachen, dass wir bereit sind, zu töten und zu sterben. Auch Saudi‐Arabien oder Syrien wären okay gewesen, aber wir haben Saddam getroffen, weil wir es konnten.« Mehr als zwei Drittel der Amerikaner waren damals für den Krieg. Aber seit der schief geht, sucht Amerika einen Sündenbock. Für Walt und Mearsheimer sind das die Juden und ihre Lobby.
Eines muss man den Autoren lassen: Ihre Forderung nach einer offenen Debatte kommt zur rechten Zeit. Denn es ist sehr fraglich, ob die Israel‐Lobby wirklich die amerikanischen Juden repräsentiert. Die sind in ihrer Mehrheit gegen den Irakkrieg, gegen die israelische Besatzung der Westbank – und gegen George W. Bush.

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