Lauder

Jung und cool

von Liva Haensel

Dieses Weiße Haus steht nicht in Washington. Es ist auch nicht prunkvoll und pompös, sondern eher unauffällig und schlicht. In seinem Inneren berät kein Präsident mit seinen Ministern über die Weltlage und schwierige Finanzkrisen. Im Weißen Haus an der Kastanienallee 69, wo die Mädchen‐ und Jungenzimmer in poppigem Lila und Rot gehalten sind, wird ge‐
lacht und gelernt. Judentum für Jugendliche lautet die Devise in dem fünfstöckigen Gebäude von Am Echad (hebr.: ein Volk). Die Jugendbewegung von Lauder‐Yeshu‐
run eröffnete vergangenen Sonntag ihr neues Zentrum in Berlin Prenzlauer Berg. „Wir sind jung und cool und gerade deshalb ist auch unser neues Zuhause in Berlins angesagtem Stadtteil so“, macht die 18‐jährige Sharon Chernyak in ihrer An‐sprache an die Besucher deutlich.
Während die Leipziger Abiturientin dies sagt und unten an der Kastanienallee unzählige Trams Richtung Mitte und Pankow vorbeirauschen, hört vor allem einer interessiert zu: Ronald Lauder, Unternehmer und Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Er ist eigens zur Eröffnung des Am‐Echad‐Zentrum nach Berlin angereist. Der 64‐jährige Amerikaner, Gründer der Ronald S. Lauder Foundation, hat mit seiner Stiftung für das Weiße Haus, wie es die Jugendlichen nennen, den Grundstein gelegt. Lauder fördert jüdische Bildungseinrichtungen in Zentral‐ und Osteuropa. Das Gebäude für dieses Projekt haben zwei Berliner Gemeindemitglieder, Ariel Schiff und Samuel Czarny, zur Verfügung gestellt. Am Echad, das sich an 14‐ bis 25‐Jährige richtet, die mehr über ihre jüdischen Wurzeln und Traditionen erfahren wollen, ist bereits das 60. Projekt der Lauder Foundation. Seine Kosten belaufen sich auf „über eine halbe Million Euro«, sagt Joshua Spinner, der Vizepräsident der Stiftung. Eine konkretere Zahl möchte er nicht nennen.
„Es ist wichtig, dass man als Jude nicht alleine dasteht. Jüdische Jugendliche sollen andere junge Juden kennenlernen“, sagt Lauder, der von 1986 bis 1988 in Wien US‐Botschafter war. Diese Zeit habe ihn sehr geprägt, verrät er. Bei der Eröffnung eines jüdischen Kindergartens in Wien habe er damals einen Traum gehabt: Jüdisches junges Leben in Europa wieder aufzubauen und zu beleben. Dies sei be‐
sonders wichtig, weil Juden in Europa stets in der Minderheit seien und einander dadurch nur schwer in Kontakt kämen, sagt er. Seine Stiftung bringt daher junge Menschen zusammen.
Bei Am Echad in Berlin lernen die Ju‐
gendlichen gemeinsam mit Rabbinern in Seminarräumen mit zitronengelben Stühlen und schokobraunem Linoleumboden, was der Siddur bedeutet oder warum eine jüdische Frau am Schabbat die Kerzen entzündet. Sie haben eine koschere Küche, einfache Schlafräume und einen Multifunktionsraum für Lieder‐ und Spiele‐abende sowie eine integrierte Synagoge. Jedes zweite Wochenende treten rund 40 junge Menschen aus Deutschland durch die Eingangstür der Nummer 69 zum ge‐
meinsamen Shabbaton. „Wir begleiten je‐
de Gruppe, halten den Kontakt in die einzelnen Gemeinden und gucken, welche Wünsche die Jugendlichen haben“, sagt Am‐Echad‐Leiterin Dana Bairamov.
Die Früchte der Lauder‐Stiftung geben dem Gründer recht. Rund 2.000 Jugendliche kommen seit einem Jahr nach Berlin. Ein Gebäude für die Treffen sei also dringend notwendig gewesen, freut sich Leiterin Baimarov. Und Lauder, der erst vor ein paar Stunden aus New York angereist ist, wird nicht müde, Hände zu schütteln und Danksagungen anzuhören.
Olga Afamasev, Direktorin der Midrasha an der Rykestraße, kennt Lauder seit sechs Jahren. Die Juristin, verantwortlich für das Mädchen‐Seminar, strahlt den großen Herrn im eleganten Anzug an und berichtet von ihren „jüdischen Anfängen“. Die 26‐Jährige wuchs in Kiew auf und hatte lange Zeit keinen Draht zum Judentum. Das änderte sich, als sie auf Am Echad, die es deutschlandweit seit 1998 gibt, stieß. Heute lebt sie ihre jüdische Religion bewusst, sagt sie zufrieden. Und Lauder nickt dazu.
Auch andere Am‐Echad‐Teilnehmer
wussten lange Zeit nicht viel mit ihrem Judentum anzufangen. „Ich wusste, ich bin es. Aber eine echte Identität habe ich nicht gefühlt“, sagt Leonid R. (16) aus Bo‐
chum. Erst durch das gemeinsame Schabbatfeiern mit Am Echad und den Kontakt mit anderen Jugendlichen sei er sich seines Judentums bewusster geworden. Jetzt könne er sich ein Leben ohne Religion gar nicht mehr vorstellen, bekennt er während des Rundgangs durch das Haus.
Am Echad bietet den Jugendlichen zudem in den Sommer‐ und Winterferien Reisen nach Israel sowie in Ferienlager in Europa an. Dass dann nicht immer nur gelernt wird, sondern vielleicht auch einmal geflirtet und später sogar geheiratet, sei dabei nicht ausgeschlossen, sagt Sharon Chernyak lachend. „Natürlich ist es einfacher, hier bei Am Echad einen jüdischen Mann kennenzulernen als anderswo“, sagt sie ehrlich. Leonid R. drückt es in seiner Weise etwas anders aus. Als er in den vierten Stock mit den Mädchenzimmern kommt, meint er: „Hier kommt der interessanteste Teil des Weißen Hauses, in den wir Jungen eigentlich nicht hineindürfen.“ Und uneigentlich? „Naja“, sagt Leonid. Und lacht dann etwas verlegen. Doch Angst haben vor der Antwort muss er ohnehin nicht. Lauder würde sie gar nicht hören. Er ist schon weitergefahren, zum nächsten Termin. Und er hätte wahrscheinlich sowieso nichts dagegen.

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