Rykestraße

Jüdische Basilika

von Ulf Meyer

„Ein Saal für tausend Männer, tausend Frauen und tausend Lichter“ wurde die Synagoge in Berlin‐Prenzlauer Berg genannt, als sie im September 1904 eingeweiht wurde. Das Gotteshaus ist ein verstecktes Juwel: Von der Rykestraße aus nur zu erahnen, ist die Synagoge im Hinterhof nun aufwändig mit Lottomitteln renoviert worden: Am 31. August wird sie zum Auftakt der 21. Jüdischen Kulturtage wiedereröffnet. Berlin be‐
kommt damit endlich seine einzige Synagoge im Ostteil der Stadt zurück, die die Pogromnacht, den Zweiten Weltkrieg, Holocaust und jahrzehntelange sozialistische Mangelwirtschaft und Verwahrlosung überstanden hat. Die Beter müssen nicht mehr wie in den vergangenen zwei Jahren in die Synagoge Oranienburger Straße ausweichen, sondern können wieder in ihr Gotteshaus zurück.
Die Aufgabe der beiden Berliner Architekten Ruth Golan und Kay Zareh, die mit der Renovierung der größten Synagoge in Deutschland betraut waren, glich einer Detektivarbeit: Eine Einweihungsschrift aus dem Entstehungsjahr 1904 war das einzige Puzzleteil, das Auskunft über die originale Gestaltung der Synagoge gab. Das Gotteshaus ist zwar ein wertvoller Kulturschatz in Berlin, dennoch haben die beiden Architekten diesen in seiner Mystik in Berlin einmaligen Sakralraum modern interpretiert und ergänzt. Architektonisch ist die Synagoge interessant, weil ihr Bau‐
meister Johann Hoeniger sie einst in einem Stilgemisch entwarf, das Golan und Zareh bei der Renovierung im Zuge ihrer „kritischen Rekonstruktion“ herausarbeiten wollten: In ihrer neo‐romanischen Form ist die Synagoge Ausdruck des Zeitgeists um die Jahrhundertwende und basiert auf der Grundform einer Basilika. Die Trennung der Estrade vom Gebetssaal durch einen großen Triumphbogen nimmt zugleich Bezug auf andere Berliner Synagogen und protestantische Kirchen der Zeit.
Für die Innenraumgestaltung nutzte Hoeniger – wegen des jüdischen Verzichts auf bildnerische Darstellung – florale Elemente zur Ausschmückung. In enger Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt haben Golan und Zareh die Dekors vorsichtig wieder hergestellt. Die beteiligten Handwerksfirmen, wie zum Beispiel die Gusseisen‐Werkstatt von Viktor Kuhn, hatten beim Bau der Synagoge vor gut hundert Jahren große Freiheit, den Sakralraum zu gestalten.
Die Architekten haben bei der Renovierung dort gesichert und treu restauriert, wo es möglich war – und selbstbewusst interpretiert, wo es nötig war. Verlorene Bauteile wurden durch neue ersetzt oder behutsam ergänzt. „Wo wir etwas ergänzen mussten, sollte niemand durch ‚Stilechtheit‘ getäuscht werden. Die Illusion des Alten soll nicht da, wo das Alte nicht mehr zu haben ist, erweckt werden.“ Vor hundert Jahren war die architektonische Auffassung nicht anders: Die Beleuchtung der liberalen Synagoge mit „1.000 elektrischen Flammen“ war damals ebenso modern wie die Orgel der Firma Sauer. Die restaurierten Kronleuchter machen nun „die Pracht, die durch die Beleuchtung bei Kunstlicht entfaltet wird, wieder erlebbar“, betont Golan.
Besucher schreiten heute wie damals durch die Vorhalle zum Vestibül und durch drei breite Türen in die Synagoge: Über das hohe Mittelschiff gelangt Tageslicht in den Saal. Wände und Decken ruhen auf kräftigen Sandsteinpfeilern, die durch Rundbögen verbunden sind. Die kassettierten Holzbalkendecken wurden liebevoll wieder mit Temperafarben bemalt, Treppen und Böden aus Marmor mit Mosaik‐Ornamenten repariert und die Synagoge innen in hellem Sandsteinton ausgemalt.
„Wie eine Zwiebel“ haben die Architekten nach eigener Aussage die Wände „geschält“, um die richtigen Farbschichten für den Toraschrein oder die Rabbinerempore zu entdecken. Sie mussten die ehemalige Frauenempore ebenso wiederherstellen wie die Bestuhlung im ursprünglich nur für Männer vorgesehenen Hauptgeschoss.
Die Räume hinter Altar, Chor und Bima, das Rabbinerzimmer und der Kantorenraum wurden ebenfalls einfühlsam saniert. Der Kidduschraum bekam eine neue Küche. Für die Benutzung des Großen Gebetsraumes bei Hohen Feiertagen, Bar‐ und Batmizwas oder Hochzeiten wird der Kidduschraum erweitert. Für Rollstuhlfahrer wurde ein Aufzug eingebaut.
Die farblich sanfte räumliche Stimmung der Synagoge wäre nichts ohne ihre ornamentierten Bleifenster. Die ehemals von der Glaswerkstatt Schmidt hergestellten mundgeblasenen Gläser haben eine zweiseitige farbige Bemalung bekommen. Ruth Golan hat für ihre moderne Fenstergestaltung teils neue Bilder geschaffen, indem sie den Brief von Bar Kochba, der in den Höhlen von Qumran gefunden wurde, aufdrucken ließ. Bei einigen Fenstern wurde das historische Foto 400‐fach vergrößert und als Netz auf Glas eingebracht. Die abstrakte Malerei der Fenster thematisiert den Übergang vom Himmel zur Erde und gibt die Entstehungsgeschichte in Schrift und Bild wieder. Schrift in hebräischer und deutscher Sprache taucht auf allen Fenstern des Erdgeschosses auf. Die mit dem ersten Kapitel aus Bereschit (1. Buch Moses) bedruckten Fenster sind aus einer handgeschriebenen Bibel übernommen. Die Farben werden durchsichtig wie hauchdünner Stoff, der sich langsam hebt und zum Aron Hakodesch hin verdichtet.

Feierliche Eröffnung der Synagoge Rykestraße, Freitag, 31. August, 11 Uhr, im Rahmen der 21. Jüdischen Kulturtage

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019