ein Volk und seine Mythen

Jüdisch? Gibt’s nicht!

von Ingo Way

Shlomo Sand ist Geschichtsdozent an der Universität Tel Aviv und gilt unter den postzionistischen Historikern Israels als neuer Star. Sein Buch Matai ve’ech humtza ha’am hayehudi? („Wann und wie wurde das Jüdische Volk erfunden?“) hielt sich wochenlang auf den israelischen Bestsellerlisten, und eine englische Ausgabe ist geplant. Sand behauptet, dass es ein jüdisches Volk gar nicht gibt. Es sei erst Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die übrigen europäischen Nationalbewegungen von deutsch‐jüdischen Gelehrten erfunden worden. Die heute lebenden Juden seien keine Nachfahren der Israeliten aus der Zeit des ersten und zweiten Tempels, sondern stammten von Konvertiten ab.
Sand, 1946 in einem österreichischen DP‐Lager als Sohn polnischer Schoa‐Überlebender geboren, argumentiert so: Die Römer verfügten gar nicht über die entsprechende Logistik – er nennt „Güterzüge und Lastwagen“ –, um größere Menschenmassen deportieren zu können. Die meisten Juden seien in Palästina geblieben und später zum Islam konvertiert. Die heutigen Palästinenser seien somit die eigentlichen Nachfahren der Israeliten.
Die Juden in der Diaspora seien hingegen keine „ethnischen“ Israeliten. Das osteuropäische Judentum beispielsweise habe keine ethnischen Wurzeln, die nach Palästina zurückreichen, sondern habe aus den Abkömmlingen des kaukasischen Reitervolks der Chasaren bestanden, das im 8. Jahrhundert u. Z. zum Judentum übergetreten war. Damit greift Sand die Grundidee von Arthur Koestlers Der dreizehnte Stamm (1976) auf, die inzwischen jedoch als widerlegt gilt: Eine genetische Verwandtschaft zu den Juden Osteuropas besteht nicht.
Während Sands Kollege Tom Segev das Buch positiv rezensiert, überwiegt bei den meisten Fachleuten die Kritik. Israel Bartal von der Hebräischen Universität Jerusalem rechnet in der Haaretz ausführlich mit Sand ab: Er baue mehrere Pappkameraden auf. So sei die Chasaren‐These weder neu noch verschwiegen worden, sondern schlicht eine widerlegte Hypothese. Auch habe niemand je behauptet, das jüdische Volk sei stets ethnisch „rein“ geblieben.
Der propalästinensische Friedensaktivist Ami Isseroff wirft Sand vor, er argumentiere rassistisch, indem er ausgerechnet den dunkelhäutigen Juden (Sefarden, Jemeniten, Äthiopiern) abspreche, „richtige“ Juden zu sein. Weil er seinen Fokus auf die jiddische Kultur Osteuropas richte, spreche er aus der Perspektive einer weißen, aschkenasischen Élite. Außerdem hätten genetische Studien eine Verwandtschaft sämtlicher Juden weltweit offen‐ bart. Und zum Argument der fehlenden römischen Lastwagen bemüht er den Historiker Flavius Josephus: Der spricht von 97.000 Gefangenen nach der Einnahme Jerusalems. Warum sollten die nicht auf Sklavenmärkten in alle Welt verkauft worden sein, so wie die Römer es mit anderen besiegten Völkern auch machten?
Es scheint, dass sich Shlomo Sand einreiht in die seit den 70er‐Jahren verbreitete akademische Mode, Diskurse zu dekonstruieren und für sicher Gehaltenes als Konstruktion zu enttarnen. In Israel ist es besonders die Schule der postzionistischen Historiker wie Benny Morris, Tom Segev oder Ilan Pappe, die mit diesem Entlarvungsgestus reüssierte und mit der sich Sand verbunden fühlt. Dort ist nicht immer klar zu erkennen, was Ergebnis redlicher Forschung ist und was einem vorab gefassten ideologischen Urteil entspringt.
Die politische Schlussfolgerung aus seinen Thesen spricht Sand jedenfalls offen aus: Seine Erkenntnisse „unterminieren den historischen (jüdischen) Anspruch auf das Land (der Bibel)“. Das sei aber gar nicht schlimm, denn Israel solle ein „Staat aller seiner Bürger“ werden, aber in seiner jetzigen Verfassung basiere der Staat Israel auf einem „essenzialistischen, ethnozentrischen und biologistischen Dirkurs“. Daher ist für Sand auch klar: „Wäre ich Palästinenser, würde ich gegen diesen Staat rebellieren.“

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