Yosef „Tommy“ Lapid

„Jude, durch und durch“

von Sabine Brandes

Eines war er nie: gleichgültig. Viel wurde über ihn geschrieben, noch mehr gesagt. Doch Yosef, besser bekannt als Tommy Lapid ließ sich nicht vom Weg abbringen. Mit Herz, Seele und einer scharfen Zunge verfolgte er sein Ziel. Am 1. Juni erlag der ehemalige Justizminister, Vizepremierminister und Vollblutjournalist mit 77 Jahren einem Krebsleiden in Tel Aviv.
Tommy Lapid hinterlässt seine Ehefrau, die Buchautorin Schulamit Lapid, Tochter Meirav, Sohn Yair, ein bekannter und beliebter Fernsehmoderator, sowie zahllose Freunde und Bewunderer, die um ihn trauern. Seine älteste Tochter Michal starb 1984 bei einem Autounfall.
Premierminister Ehud Olmert war einer seiner engsten Weggefährten. Er ehrte ihn während eines Kabinetttreffens: „Wir haben einen lieben Mann verloren, einen lieben Juden, einen unersetzbaren Freund. Tommy war ein Holocaust‐Überlebender, der das jüdische Schicksal, die Geschichte und jüdische Zukunft geatmet wie gelebt hat. Er war ein Jude, durch und durch.“ Journalist Amnon Dankner, ein weiterer enger Freund, beschreibt ihn als „immer loyal seiner Familie und den Menschen gegenüber, die er liebte“. Sein Mund und sein Herz seien ein und dasselbe gewesen, so Dankner weiter. „Er hatte einen riesigen Appetit auf das Leben, war ein gebildeter Mann mit einem großen Verständnis, der sich jeden Tag selbst erneuerte.“
Tommy Lapid war vor allem für eins bekannt: seinen ungeheuren Mut, stets das zu sagen, was er dachte, in unabhängiger, freier und selbstbewusster Manier. Seine gleichzeitige Liebe für die Mitmenschen aber versöhnte so manches Herz, das er in seiner politischen Unkorrektheit verletzt haben mochte. Er konnte extrem sein, wild und ungeduldig, doch ebenso sanft und liebevoll. Der unwiderstehliche ungarische Charme machte aus manchem Feind wieder einen Freund. Freundschaft war nicht bloß ein Wort, sondern Verbindung für das Leben. Diejenigen, die sie erleben durften, werden sie für immer vermissen. Die tiefe Liebe war es, die ihn zu dem machte, was Tommy Lapid war: nicht nur ein Jude – sondern auch durch und durch ein Mensch.
Dabei war sein Leben kein leichtes. Der Sohn ungarischer Eltern, geboren am
27. Dezember 1931 in Benowitz, Jugoslawien, als Tomislav Lampel, überstand den Holocaust. Das stattliche Anwesen, in dem er aufgewachsen war, wurde vor seinen Augen niedergebrannt, sein Vater nur zwei Wochen vor der Befreiung in einem Konzentrationslager von den Nazis getötet. Er überlebte lediglich, weil sich seine Mutter mit ihm in letzter Sekunde vor einem Erschießungskommando versteck‐te. 1948 immigrierten die beiden in den soeben gegründeten Staat Israel. Tommy war gerade 17 Jahre alt. „Hier“, so sagte er einmal in einem Interview, „bin ich zum Zionisten geworden. Weil ich verstanden habe, dass in der ganzen Welt nicht genug Platz für einen 13‐jährigen jüdischen Jungen ist. Also muss es einen einzigen Ort für uns geben. In Israel.“
Kaum angekommen, wurde er in die Armee eingezogen, wo er als Mechaniker diente. Später studierte Lapid an der Tel Aviver Universität Jura und begann zu schreiben, seine journalistische Karriere nahm ihren Lauf. Gemeinsam mit Ephraim Kishon verfasste er Artikel für die ungarische Zeitung Uj Kelet. Später arbeitete er für die Tageszeitung Maariv und war Mitglied des Fernsehprogramms
„Popolitika“. 1998 erhielt er den Sokolov‐ Preis, avancierte zu einem der Top‐Journalisten des Landes.
Auch auf politischer Ebene machte Tommy Lapid von sich Reden: Mit seiner strikt säkularen Partei Schinui (hebräisch: Veränderung) wurde er 1999 zum ersten Mal in die Knesset gewählt. Schinui sollte als Gegengewicht zum immer stärker werdenden politischen Einfluss der ultra‐orthodoxen Parteien dienen. Auf dem Höhepunkt 2003 erlangte Schinui 15 Mandate in der Knesset, Lapid wurde unter Ariel Sharon Justizminister und Vizepremier.
Immer wollte der kleine ungarische Junge ein richtiger Israeli sein. Tommy erfüllte sich diesen Wunsch auf jeder Ebene. Nicht nur, dass er Journalist wurde, er wurde einer der bekanntesten und besten des Landes. Nicht nur, dass er es zum An‐
walt brachte, er hatte das Amt des höchs‐ten Juristen inne, das des Justizministers. Und nicht nur, dass er eine Gemeinde anführte, Tommy Lapid stand als Vizepremierminister an der Spitze seines Landes. „Was muss es für ein Gefühl gewesen sein“, fragte Ehud Olmert bei der Beisetzung, „als du als Vertreter des souveränen Jüdischen Staates in einer Limousine durch die Straßen Budapests chauffiert wurdest, die Polizisten deinen Weg freimachten? Saß da nicht im Wagen auch der kleine hungrige Junge, der sich in den Kellern des Ghettos verstecken musste?“
„Tommusch, gute Nacht“, schloss Ol‐
mert seine bewegende Abschiedsrede am Grab des Tel Aviver Friedhofes, „wir werden weitergehen und dabei immer einen Teil deiner einzigartigen und besonderen Persönlichkeit mit uns tragen, die keinen Ersatz kennen wird.“

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