zuwanderer

»Jetzt ist alles gut geworden«

von Annette Kanis

Sie ist 14. Verloren steht sie neben dem Käfig mit ihrem Wellensittich. Unzählige Koffer und vollgestopfte Taschen stapeln sich um sie. Marina Stern ist erschöpft, 52 Stunden Busfahrt liegen hinter ihr. Sie hat Sehnsucht nach ihren Freundinnen und wenig Lust auf ein fremdes Land. »Wie soll das weitergehen? Wieso sind wir hier?« Erste Minuten eines Neubeginns in Deutschland – an einem kalten Februartag 1998.
Wenn man Marina Stern heute erlebt, sind die trüben Gedanken von damals, die Verunsicherung und der Trennungsschmerz bloße Erinnerung. Auch die 30- bis 40seitigen Briefe, die sie ihrer Schulfreundin Anna schrieb, sind ganz weit weg. Heute kann sie lächeln über ihre schriftlichen Ergüsse voller Sehnsucht nach dem alten Leben und voller Trotz gegenüber dem neuen. Die junge Frau sitzt auf der Couch in ihrem kleinen Reich, erzählt, gestikuliert. Im dritten Stock des Reihenhauses ihrer Eltern hat sie sich eine gemütliche kleine Wohnung eingerichtet. Fotos mit Freundinnen und Freunden zieren die Wand hinter ihr. Hier eine Umarmung, dort ein gemeinsames Lachen – Bilder von Freundschaften, die in den vergangenen Jahren in der neuen Heimat entstanden sind. Die 23jährige wirkt offen und herzlich, es scheint ihr leicht zu fallen, Kontakte zu knüpfen.
Dies war nicht immer so. Damals, 1998, als sie nur drei Tage nach der Ankunft in Deutschland schon zur Schule gehen mußte, verstand Marina niemanden, und die anderen verstanden sie nicht. »Das war für mich das größte Problem, weil ich generell gerne rede und mich gerne mit neuen Leuten unterhalte.« Zunächst besuchte Marina einen speziellen Förderkurs, um Deutsch zu lernen. Nur für Mathematik, Englisch und Sport kam sie in eine normale Schulklasse.
»Ich habe mir damals gesagt, ich suche mir keine russischen Freunde, bevor ich nicht Deutsch kann«, sagt die junge Frau und streicht eine Strähne ihres langen dunklen Haares zurück. Deutsche Grammatikregeln beherrsche sie bis heute nicht gut, gesteht sie, doch sprechen und verstehen habe sie perfekt gelernt. Ihr schneller, fehlerfreier Sprachduktus zeugt davon. Nur das rollende »r« verweist auf die russische Muttersprache. Zunächst habe sie zwar versucht, sich den Akzent abzugewöhnen, sagt sie und lacht, aber das Vorhaben sei aussichtslos gewesen. »Jetzt finde ich es sogar gut, daß ich den Akzent noch habe. Ich mag es, daß man erkennen kann, daß ich nicht von hier bin.«
Marina Stern stammt aus Donezk, einer Millionenstadt im Osten der Ukraine. 1993 war die Familie bereits in Bayern zu Besuch gewesen, weil der Vater – er ist Programmierer von Beruf – auch für deutsche Firmen arbeitete und öfter in Deutschland war. »Irgendwann haben sich meine Eltern dann entschieden, daß wir ganz hierhin ziehen sollten.« Eine Entscheidung, mit der sich die Tochter etliche Monate auseinandersetzen konnte. Doch als der Entschluß nach knapp einem Jahr umgesetzt wurde, merkte Marina, daß sie sich mit der bevorstehenden Auswanderung nicht anfreunden konnte. Der Abschied fiel ihr unendlich schwer. »Ich wollte nicht weg. Es war eine Tragödie für mich, wahrscheinlich wie für jedes Mädchen in dem Alter.« Freunde, Schule, die vertraute Umgebung – all dies habe sie hinter sich lassen müssen, sagt sie nachdenklich, und damit einen Teil ihrer Kindheit. Die Eltern wollten für ihre beiden Töchter eine sicherere Zukunft. Und die sahen sie nicht in der Ukraine. Ob Ausbildung, Berufswahl, Kriminalität und Korruption – die Zukunft konnte in Deutschland nur besser werden.
Zunächst kam die siebenköpfige Familie – die Großeltern waren ebenfalls mitgereist – in ein Wohnheim nach Boppard, einer Kleinstadt am Rhein nahe Koblenz. Nach zwei Monaten zogen sie nach Neuwied in eine eigene Wohnung, im Jahr darauf dann nach Bochum, wo der Vater in seinem Beruf als Programmierer Arbeit gefunden hatte.
Für Marina war die erste Zeit in Deutschland geprägt von Verlustgefühlen und der diffusen Sehnsucht nach Rückkehr. »Doch nach zwei Jahren hatte ich mich eingelebt.« Auf dem Gymnasium fühlte sie sich wohler als an der Hauptschule, und ihr Freundeskreis wuchs. Erst als sie etliche deutsche Freunde gefunden hatte, habe sie gezielt auch Kontakt zu russischen Jugendlichen gesucht. Vor vier Jahren fand sie Anschluß im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde Bochum. Die ist für sie ein »Ort des sozialen Austauschs«. Als religiös bezeichnet sich Marina Stern nicht.
Ihr Bekanntenkreis ist noch größer geworden, seitdem sie bei Makkabi Düsseldorf Volleyball spielt. Zweimal in der Woche fährt sie zum Training.
Doch auch wenn Marina Stern längst in Deutschland angekommen ist, fliegt sie jedes Jahr gemeinsam mit ihrer Mutter in die alte Heimat. Dort besucht sie ihre beste Freundin Anna und alte Bekannte, und sie sieht das Haus wieder, in dem sie früher wohnten. Unzählige Erinnerungen kommen auf, wenn Marina Wege geht, die sie früher mit Schulfreundinnen gegangen ist, oder ehemaligen Kindergärtnerinnen begegnet. »Da gelangt man für einige Zeit wie in die Kindheit zurück.«
In Deutschland kommt Marina ihrem Traumberuf Kinderärztin Stück für Stück näher. Seit drei Jahren studiert sie Medizin. Auch Marinas Mutter ist Kinderärztin. »Schon als ich klein war, stand mein Berufswunsch fest.« Die Studentin verbringt viel Zeit an ihrem Schreibtisch unter der Dachschräge. Medizinische Lehrbücher stapeln sich neben dem Computer. Der Blick durch das Fenster fällt auf Baumkronen. Im Regal ganz oben sitzt ein Kuscheltier, das die lange Busfahrt von Donezk nach Deutschland miterlebt hat.
Für die nahe Zukunft steht für Marina das Studium und ihre berufliche Entwicklung im Vordergrund. »Eine kleine Karriere möchte ich machen am Krankenhaus«, sagt sie, »ich möchte schon etwas erreichen.« Irgendwann wolle sie eine eigene Familie, Kinder, aber das liege in fernerer Zukunft.
Von dem Trennungsschmerz des Anfangs und dem Gefühlswirrwar des Neubeginns ist nichts geblieben. »Ich fahre zwar gerne in die alte Heimat. Dort sind die Erinnerungen, die Kindheit. Dort kenne ich alles bis auf den Stein genau, jede Ritze in der Wand der alten Wohnung.« Aber wieder dort leben wolle sie nicht. »Wenn ich hier auf die Straße trete, muß ich nicht darüber nachdenken, daß mir etwas passieren könnte, daß ich verschleppt werde und nicht mehr aufzufinden bin.« Hinsichtlich der Alltagskriminalität sind die beiden Partnerstädte Bochum und Donezk meilenweit voneinander entfernt.
»Jetzt ist alles gut geworden«, sagt Marina Stern, und man nimmt es ihr ab, daß sie zufrieden ist mit ihrem Leben und voller Tatendrang für die Zukunft. »Ich fühle mich mittlerweile total wohl hier. Heute will ich nirgendwo anders leben als hier.«

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026