woche der brüderlichkeit

Jetzt erst recht!

von Günther B. Ginzel

Es war einmal, da hat die Woche der Brüderlichkeit die Nation bewegt, hat der organisierte Dialog zwischen Christen und Juden viel erreicht, viel verändert. Es wird heute in den Kirchen über Juden anderes gepredigt und in den Schulen besser über Judentum informiert. Doch diese Aufbruchzeit liegt Jahrzehnte zurück.
Wo vermochte der Gasakrieg und die antiisraelische Stimmungsmache die jeweiligen „Träger des Dialogs“ zu aktuellen Veranstaltungen, öffentlichen Streitgesprächen zu animieren? Wo bitte war die christlich‐jüdische Zusammenarbeit in der Lage, spontan eine Veranstaltung über die Piusbruderschaft zu organisieren? Anscheinend ist bei den Machern das Feuer der Anfangsjahre erloschen, fehlt die Leidenschaft, sich spontan in Kontroversen einzumischen, öffentliche Debatten mitzubestimmen.
So gleicht die Woche der Brüderlichkeit, vor allem ihre zentrale Eröffnung, eher einer freundlichen Insiderveranstaltung, die niemanden aufregt. Die Einschaltquoten der Fernsehübertragung sind nach unten nicht mehr zu toppen!
Immerhin werden, wie in diesem Jahr, verdienstvolle Persönlichkeiten ausgezeichnet. Der Preisträger 2009, Erich Zenger, steht für ein lebenslanges katholisches Engagement. So bleibt sie uns erhalten, die Woche der Brüderlichkeit, eine Bühne für Politiker, für Honoratioren, Zeichen allgemeinen Verantwortungsbewusstseins der Geschichte gegenüber zu demonstrieren. Nichts, was eine Abschaffung zwingend macht. Nichts, was außerhalb des Kreises der Verantwortlichen für wirklich wichtig gehalten wird.
Das aber dürfte in diesem Jahr anders sein. Hamburg wird sicher eine der am besten besuchten Eröffnungsfeiern erleben, die Presse wird ausführlicher denn je berichten. Diese Aufmerksamkeit verdanken die Veranstalter nicht einem gewachsenen Interesse am Gespräch zwischen Juden und Nichtjuden, sondern dem Verhalten des Zentralrats der Juden in Deutschland. So mutiert die diesjährige Eröffnung zur Bühne des Protestes, ganz im Sinne des Erzbischofs von Hamburg, einem der schärfsten Vatikankritiker in Sachen des Holocaust‐Leugners Williamson. Sein Motto: Als Antwort auf die Boykottdrohung des Zentralrats: Jetzt erst recht! Und so sorgt der Unmut über das unverständliche Agieren der obersten Vertreter der Juden in Deutschland für eine unerwartete Belebung der Woche der Brüderlichkeit. Die anscheinend selten koordinierten, manchmal wohl auch wenig durchdachten, dafür aber nicht abreißenden medialen Auftritte des Zentralrats haben für viel Unmut gesorgt. Das provokative Fernbleiben am 27. Januar im Bundestag ist nicht vergessen, ebenso wenig die sich häufenden Aufrufe zum Boykott von Gesprächen, die dann freilich in Talkshows dennoch geführt werden. Trauriger Gipfel dieser seit Ende Januar zu durchleidenden Interviewflut ist der Aufruf, der Woche der Brüderlichkeit fernzubleiben.
Sicher, es hat ein Vorbild gegeben: 1985, die Woche der Brüderlichkeit eröffnet in Augsburg. Es war der Verfasser dieser Zeilen, der dazu aufgerufen hatte. Franz Josef Strauß, der bayerische Ministerpräsident, einer der Hauptredner, hatte damals versucht, eine geplante Erweiterung der Klagemöglichkeiten gegen die „Auschwitz‐Lüge“ zu verhindern. Zudem plädierte er für Rüstungslieferungen an Saudi‐Arabien. Damals folgten dem Boykottaufruf viele.
Das wird in diesem Jahr anders sein, weil niemand die Gründe für einen Boykott begreift. Denn was hat eine Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im hanseatisch‐protestantischen Norden mit vatikanischen Fehlentscheidungen zu tun? Wieso die Ablehnung einer Veranstaltung, über deren Sinn man streiten kann, die aber nicht in katholischer Verantwortung ausgetragen wird? Warum die Brüskierung gerade jener, die die Empörung über Rom teilen?
Doch die Erfahrung lehrt, dass noch Schrecklicheres passieren kann: Dem unsinnigen Boykottaufruf folgt die öffentlich zelebrierte Versöhnung: Bischof umarmt Rabbiner, Zentralrätler und Dialogisten reichen sich die Hände. Wie gut, dass es eine Woche der Brüderlichkeit gibt. Das Publikum wird ergriffen applaudieren – und nichts ist geklärt.

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