Berlin-Marathon

„Jeder Tag kann ein Sieg sein“

von Olaf Glöckner

Moshe Matalon war am Sonntag sichtlich aus dem Häuschen. Der kernige Chef der nationalen Vereinigung israelischer Kriegsversehrter (Zahal Disabled Veterans Organisation/ZDVO) erlebte, wie alle angereisten Hand‐Biker und Langläufer problemlos die Ziellinie des Berlin‐Marathons erreichten. Keiner hatte auf den strapaziösen 42,195 Kilometern das Handtuch geworfen. 17 Mal Sieg über sich selbst, Triumph über Kriegstrauma und körperliches Handicap.
„Erstmals nehmen wir mit so einer Gruppe am Berlin‐Marathon teil“, hatte Matalon einen Tag vor dem Start den Journalisten erklärt. „Jeder von uns bringt eine sehr eigene Geschichte mit, wie man nach Kriegsverwundung, Anschlägen oder Un‐
fall wieder Kontrolle über das eigene Le‐
ben gewinnt.“ Ex‐Generalstabschef Moshe Yaalon, der ebenfalls am Marathon teilnahm, hatte noch ergänzt: „Alle sind äu‐
ßerst motiviert, hier Flagge zu zeigen.“ Das taten die einstigen Fallschirmjäger, Panzerfahrer und Kampftaucher dann auch im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder passierte mit einer weithin sichtbaren blau‐weißen Fahne mit Magen David das Brandenburger Tor, durch welches kurz vor ihnen die äthiopische Ausnahmeerscheinung Haile Gebrselassie zu einem viel umjubelten neuen Weltrekord gejagt war. Die Euphorie der Berliner Zuschauer reichte gleichwohl auch für das Hauptfeld, in welchem sich die Israelis munter tummelten. Was machte es da schon, wenn sich Ejal Ben Zvi (42) und Michel Shufani (47) bei Kilometer 23 aus den Augen verloren, obwohl sie sich beim Start geschworen hatten, auch die Zielgerade gemeinsam zu passieren. „Wir hatten ja immer noch die Jazzmusiker an der Strecke und auch sonst eine überwältigende Atmosphäre,“ strahlte Ben Zvi.
Als unbestrittener Team‐Held erschien indes der 79‐jährige, humorvolle Josef Kalvo. In der Türkei geboren und aufgewachsen, war Kalvo mit der Jugendalijah nach Palästina gekommen und hatte 1948/49 als blutjunger Mann im Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Dort verlor er ein Bein und musste es durch eine Prothese ersetzen lassen. Ein halbes Jahrhundert hielt er sich durch Schwimmen fit, bis ihn vor drei Jahren ein Wettkampf der Hand‐Biker in Israel stark beeindruckte. „Da wusste ich, jetzt ist es Zeit für eine neue Sportart, und so bin ich in Berlin angekommen.“
Existentielle Notsituationen ähnlich Kalvo haben auch die anderen erlebt: Ejal Ben Zvi wurde in den ersten Tagen des Libanon‐Krieges 1982 durch feindliches Feuer so getroffen, dass er wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte. „Wenn du so etwas durchgemacht hast“, sagt der Veteran in nachdenklichem Ton, „verändert sich die Sicht der Dinge. Jeder neue Tag, den du erleben kannst, ist ein Gewinn, eine Herausforderung. Aber jeder Tag kann ein Sieg sein.“ Fallschirmjäger Michel Shufani traf das Schicksal im Südlibanon 1983, und der heute 30‐jährige Shani Shoham wurde erst vor sechs Jahren als Kampftaucher schwer verletzt. „Es sind sehr unterschiedliche Kriege und Umstände gewesen, in denen es unsere Männer erwischt hat,“ erklärt Moshe Yaalon. „Aber alle haben diesen unbändigen Willen, ihre Beeinträchtigungen bestmöglich zu überwinden. Der Berlin‐Marathon war für uns eine Art Meilenstein.“
Auch in der Jüdischen Gemeinde war man von den israelischen Marathonis beeindruckt. Bei einem Empfang in der Fasanenstraße ermutigte Gemeindevorsitzender Gideon Joffe die Veteranen ausdrücklich zu weiteren Hauptstadt‐Visiten. „Wir wissen zu schätzen, was ihr in eurem Leben für Israel getan habt“, sagte Joffe. „Aber es waren auch Einsätze für die gesamte jüdische Welt.“ Moshe Matalon hofft, daß sich die Kontakte zwischen der ZDVO und der Berliner Gemeinde intensivieren. Seine Vereinigung widmet sich nicht nur dem rehabilitativen Sport, sondern leistet in Israel auch eine beachtliche Integrationsarbeit im kulturellen, beruflichen und sozialen Bereich. Dass die ZDVO heute um die 50.000 Mitglieder zählt, offenbart natürlich auch die Tragik der Umstände: Kriege, Grenz‐Zwischenfälle, Anschläge erweitern ständig den Kreis der Betroffenen. „Unterstützung aus der Diaspora ist dringlicher denn je“, betonte Miki Pluznik von Keren Hayesod, der die Veteranen während ihrer Berlin‐Tage begleitete.
Neben dem sportlichen Programm und einem allgemeinen Hauptstadt‐Sightseeing begaben sich die Israelis am Montag auch auf dunkle historische Spuren. So besuchten sie die Gedenkstätte Wannsee‐Villa und legten Blumen am Deportationsgleis 17 am Bahnhof Grunewald nieder. „Nichts ist vergessen“, betonte Moshe Yaalon, „und umso wichtiger ist die Symbolik unseres Laufes mit den israelischen Fahnen.“
Stunden vor dem Abschied wurde dann mit Berliner Freunden noch Sukkot ge‐
feiert. Herzhafter Carmel‐Wein und jü‐
disch‐orientalische Kulinarien dürften den unvermeidlichen Marathon‐Muskelkater etwas gemildert haben, sodass letztendlich nur ein Manko zu beklagen blieb: der Mangel an mehr gemeinsamer Zeit.

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