Hochzeit

Jede Menge Zukunft

von Sabine Kössling

Strahlender Sonnenschein, wenige Wolken am Himmel, milde 20 Grad: das perfekte Hochzeitswetter. Und auch der Termin stimmte: Am vergangenen Sonntag war Lag baOmer, im jüdischen Kalender ein Tag zum Heiraten. In der 50‐tägigen Periode zwischen Pessach und Schawuot sind fröhliche Feste verboten. Nur am 33. Tag, an Lag baOmer, darf gefeiert werden. Und so finden an diesem Tag traditionell viele Hochzeiten statt.
Besser hätten die Voraussetzungen für die Chuppa in der Yeshivas Beis Zion der Lauder‐Foundation in der Brunnenstraße in Berlin‐Mitte nicht sein können. Für die rund 200 Gäste gibt es noch einen weiteren Grund zum Feiern: Denn die Eheschließung von Marina Charnis und Zsolt Balla, einer ukrainischen Leipzigerin mit einem Budapester Jeschiwa‐Studenten, der in Berlin lernt, sei so etwas wie ein „Wunder“, sagt der Direktor der Yeschiwa, Rabbiner Josh Spinner: „Wir feiern hier das Wunder, das wieder viele junge, observante Juden in Mitteleuropa leben und lernen.“
Tatsächlich sind die meisten Gäste auffällig jung. Die überwiegend schwarz gekleideten Männer mit hohen Hüten und Frauen mit knielangen Röcken und be‐
deckten Armen sind Anfang oder Mitte 20, die zahlreichen Kinder im Kindergartenalter. „Das ist Zukunft“, bemerkt einer der Gäste.
Zukunft: Das trifft auch auf den Ort des Geschehens zu, denn der ist eigentlich noch eine Baustelle. Zugleich auch voller Geschichte: Gesetzestreue, osteuropäische Juden lernten und beteten hier schon einmal. Die kleine Synagoge im Hof der Brunnenstraße war das Herz der Gemeinde Beth Zion, eine Gründung polnischer Ju‐
den in Berlin. 1910 eingeweiht, wurden tägliche Gottesdienste abgehalten, es gab eine Synagoge und eine Mikwe.
An diese Tradition möchte die Yeshivas Beis Zion anknüpfen, dem Ort nach fast 70 Jahren wieder jüdisches Leben einhauchen. Die Synagoge war 1938 durch die Nazis geplündert worden, wurde dann als Lagerhaus genutzt und stand seit 1992 leer und verfiel. Nun finanziert der Berliner Unternehmer Roman Skoblo den Um‐
bau des Komplexes, genannt „Skoblo Synagoge und Bildungszentrum“. Es soll, wie es auf der Internetseite der Gemeinschaft heißt, ein „Zentrum für ursprüngliches, intensives jüdisches Lernen und Leben“ entstehen.
Seit August wird hier gelernt und gelebt, während der Umbau weitergeht. Es lernen hier bereits 30 junge Männer in der Jeschiwa. Zusätzlich bilden sich sechs Rabbiner im Kollel weiter. Täglich werden Gottesdienste abgehalten. Jeden Morgen gibt es schon zwei Minjanim, also Gebetsgruppen, zu unterschiedlichen Zeiten. Ein dritter Minjan soll morgens eventuell dazu kommen. Es sei schon jetzt „the busiest jewish place in town“, sagt der in den USA geborene und in Kanada aufgewachsene Rabbiner Spinner. Zum Zentrum gehört auch ein Kindergarten, in dem derzeit elf Kinder betreut werden, eine koschere Kü‐
che, Studienräume und Unterkünfte für 80 Studierende. Wenn das Ensemble aus Vorderhaus, Verbindungstrakt und Hof‐synagoge fertig ist, wird es auch eine Mikwe geben und – ganz modern – Computerräume und einen Fitnessraum.
Soweit ist es noch nicht und am Tag der Hochzeit ist vieles noch provisorisch. Es riecht nach Farbe, die Glühbirnen hängen nackt an der Decke. Der Sandboden des Hofs ist mit Platten bedeckt, ein Zelt aufgebaut. In der Mitte steht die Chuppa, der Hochzeitsbaldachin aus blauem Samt mit goldenen Troddeln. Rabbiner Spinner hat die Hochzeit mit vielen Helfern organisiert.
Und er ist offensichtlich ein guter Planer, denn er hat nicht nur die Festausstattung der Räume vorbereitet, sondern er hat das Brautpaar überhaupt erst zusam‐
mengeführt. Beim Joggen im Friedrichshainer Volkspark kam ihm die Idee, dass diese beiden jungen Leute gut zusammenpassen könnten. Sie wurden sich vorgestellt und nun, ein Jahr später, schließen Zsolt Balla und Marina Charnis den Bund fürs Leben. Der 26‐Jährige ist in seinem letzten Jahr als Rabbinatsstudent. Er wuchs in Ungarn auf, wo er schon die von der Lauder‐Foundation organisierten Szarvas Camps für jüdische Jugendliche be‐
suchte. Er war einer der ersten Studenten an der Lauder‐Jeschiwa in Berlin und wird jetzt, nach Studien in Jerusalem, der erste Rabbiner sein, der hier ordiniert wird. Er gilt als talentierter junger Mann, um den sich jetzt schon Gemeinden in Deutschland und Ungarn bemühen. Die Braut, 23 Jahre alt, lebt seit 10 Jahren in Leipzig und arbeitet in dem von der Lauder‐Foundation unterstützten Torazentrum.
Die gemeinsame Sprache der Brautleute ist englisch. Leben werden sie in Berlin. Ihre Gäste, insgesamt weit über 200, ka‐
men aus allen Teilen Deutschlands, aus Israel und den USA, aus Großbritannien, Belgien und der Schweiz – und sehr viele waren aus Ungarn angereist.
So ist der Hof recht voll, als die Feier mit der Ankunft der Braut im cremefarbenen Seidenkleid beginnt. Während sie mit ihrer Mutter und der Mutter des Bräutigams im Saal des Synagogengebäudes Platz nimmt, drängten sich oben im Lehrsaal der Yeschiwa die Männer um Bräutigam, Zeugen und Rabbiner. Nach der Unterzeichnung der Ketuba, des Hochzeitsvertrages, nehmen die Gäste den Bräutigam in die Mitte, und führen ihn singend und tanzend in den Synagogensaal. Dort breitet er den Schleier über die Braut. Nacheinander werden die Brautleute in den Hof geführt. Ein Freund des Bräutigams singt – auf sehr moderne Weise – die traditionellen Lieder, während die Braut den Bräutigam unter der Chuppa langsam sieben Mal umrundet. Unter den Augen zweier Zeugen, Freunde und Lehrer des Bräutigams aus der Jeschiwa, steckt der Bräutigam der Braut den goldenen Ring an den Finger. Der Ehevertrag wird verlesen, die sieben Segenssprüche folgen, das Glas wird zertreten.
Dann sind die beiden Mann und Frau. Alle wünschen „Masal Tow“ und unter Klatschen und Singen wird das Brautpaar in einen gesonderten Raum gebracht, in dem sie der Tradition nach das erste Mal allein sein sollen.
Für die Gäste gibt es ein Buffet mit Häppchen, Streuselkuchen und Obst, der zeremonielle Teil der Feier ist abgeschlossen. Am Abend steht noch ein feierliches Hochzeitsmahl auf dem Programm.
Das Fest ist Frucht ihrer Arbeit, und er‐
füllt die Mitarbeiter der Lauder‐Foundation mit Stolz, sagt der Leiter der Stiftung in Ungarn, George Ban. „Die Hochzeit kann man mit einem Hausbau vergleichen, an dem man lange gearbeitet hat und nun den Schlussstein setzt.“ In der Brunnenstraße geht der Bau weiter. In etwa einem Jahr hofft man, mit dem ambitionierten Projekt fertig zu sein.

Bundeswehr

Hitlergruß in Kaserne

Rechtsextremismus ist in der Truppe verbreitet

von Stefan Laurin  07.02.2019

Reinhard Schramm

Kirchenglocken mit Hakenkreuzen

In Thüringen stellen sich evangelische Gemeinden nicht ihrer Verantwortung

von Reinhard Schramm  07.02.2019

Mini-Machane

»Das war wirklich unglaublich«

1300 Kinder und Jugendliche erlebten einen ganz besonderen Schabbat

von Eugen El  07.02.2019