Berlinale

Jede Menge Freundschaft

von Jessica Jacoby

2006 ist kein rundes Gedenkjahr an Kriegsende und Auschwitzbefreiung. Vielleicht sucht man deshalb Filme mit jüdischer Thematik im Berlinale-Wettbewerb vergebens. Dafür wird man in den oft als Nebenveranstaltungen mißverstandenen Programmbereichen Panorama, Forum und Kinderfilmfest/14+ mehr als entschädigt.
Im Panorama ist Tomer Heymanns anrührender Dokumentarfilm Bubot Niyar (Papierpuppen) zu sehen. Die »Papierpuppen« sind eine Gruppe philippinischer Transvestiten, die in Tel Aviv in der häuslichen Krankenpflege arbeiten und an ihrem freien Abend im Fummel auftreten, nicht ohne vor der Show ein »Ave Maria« zu beten. Die Arbeitsbedingungen sind hart, doch die »Dolls« pflegen ihre Schutzbefohlenen mit einer Hingabe, als wären es die eigenen Eltern. Verlieren sie ihre Patienten durch Kündigung oder Tod, wird ihr Visum nicht verlängert und sie müssen weg, sei’s in die fremd gewordene Heimat oder nach London – als Pfleger im dortigen jüdischen Altersheim.
Ein unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs dokumentiert Barbara Hammers Lover Other. Der Film erzählt von Leben und Arbeit der jüdischen Lesbierinnen Lucie Schwob alias Claude Cahun (1894-1954) und Suzanne Malherbe alias Marcel Moore (1892-1972). Aus Paris zog das Künstlerinnenpaar vor dem zweiten Weltkrieg auf die britische Kanalinsel Jersey. 1940 wurde Jersey von Deutschland besetzt. Die beiden Künstlerinnen wurden zu Widerstandskämpferinnen. Sie wurden gefaßt und zum Tode verurteilt, aber auf Intervention des englischen Gouverneurs zu lebenslanger Haft begnadigt. Die Niederlage des Dritten Reiches befreite sie aus dem Gefängnis. Sie setzten ihre künstlerische Arbeit fort, und fanden auf dem jüdischen Friedhof der Insel ihre letzte Ruhe.
Einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt Leonard Cohen – I’m your Man. Regisseurin Lian Lunson wollte zuviel: ein intimes Portrait des Poeten, Komponisten und Sängers, verbunden mit einer Aufzeichnung des Konzerts »Came So Far For Beauty« und das alles ausgerechnet von ihrem guten Freund Mel Gibson produziert. Während Interviewpassagen und Fotos einen sympathischen, verschmitzten Leonard Cohen voll selbstironischen Humors zeigen, ist der Soundtrack ein Graus: Man muß sich durch 13 mediokre bis peinliche Coverversionen von Cohens Liedern quälen, bevor man endlich des Meisters eigene Stimme zu hören bekommt, die Tower of Song zum Besten gibt.
Ebenfalls eine Enttäuschung ist Udi Alonis neuer Spielfilm Mechulot (Vergebung). David Adler, Sohn eines Schoa-Überlebenden sitzt in einer psychiatrischen Anstalt, die auf den Trümmern des arabischen Dorfes Deir Yassin erbaut wurde. Hier muß er lernen, eigene und familiäre Schuld zu erkennen, damit die Geister der 1948 von israelischen Truppen ermordeten Dorfbewohner endlich zur Ruhe finden. Von sei- nem philosophischen Ansatz her interessant und ehrenwert, scheitert Aloni an der Umsetzung. Die symbolüberfrachtete Theatralik des Drehbuches, schwache Darsteller und unbeholfene Regie, treiben der Parabel jedes Leben aus. Der hohe künstlerische Anspruch, mündet visuell in den Niederungen des Kitsches.
Eine positive Überraschung ist Daniel Burmans neuer Spielfilm Derecho de Familia (Familienrecht). Wie schon Burmans 2004 mit einem Silbernen Bären prämiierter Film El Abraza partido spielt auch dieser Streifen im jüdischen Milieu in Argentinien. Ein Jurist, gerade Vater geworden, merkt mit Erschrecken, daß er seinem eigenen Vater, einem erfolgreichen Anwalt, immer ähnlicher wird. Burman variiert das alte Thema einer schwierigen Vater-Sohn Beziehung so lebensnah, humorvoll und bei aller Distanz zärtlich, wie man sich das nur wünschen kann.
Das Forum des jungen Films zeigt Dalia Hagers und Vidi Bilus Karov la bayit (Nahe zu Hause) den ersten israelischen Film, der sich dem Militärdienst aus weiblicher Perspektive nähert. Erzählt wird von der spannungsgeladenen Frauenfreundschaft zwischen zwei 18jährigen Rekrutinnen, der selbstbewußten, kritischen Smadar und der schüchternen, angepaßten Mirit. Verachtung und Geltungsbedürfnis, Solidarität und Verantwortung sind die Themen dieses Films, dessen Regisseurinnen dabei immer in Augenhöhe mit ihren jungen Protagonistinnen bleiben.
Die Helden von Allan Kings Dokumentation Memory sind Bewohner eines jüdischen Altersheims im kanadischen Baycrest, die alle an altersbedingtem Erinner- ungsverlust leiden. Max Trachter wandert durch die Korridore und singt jiddische Lieder. Seine Freundin Claire Mandel muß später nicht nur den Tod von Max verkraften, sondern auch, daß sie die traurige Nachricht immer wieder vergißt. Rachel Baker kann sich zwar nicht an den Namen ihres Mannes erinnern, wohl aber an den ihres Klaviers. Kings liebevolle Beobachtung stellt unsere gängige Wahrnehmung von Altersdemenz in Frage und zeigt, wieviel Stärke und Humor und Charme immer noch in diesen alten Menschen wohnt.
Die Belgierin Chantal Akerman ist mit ihrem neuen Film La sas (dort unten) zu ihren experimentell minimalistischen Anfängen zurückgekehrt. Zurückgezogen in einer Tel Aviver Wohnung reflektiert die Filmemacherin aus dem Off über ihre Familie, ihr Judentum und ihr krisenhaftes Verhältnis zu Israel, das mit Bewegungen und Geräuschen von außen eindringt.
Mit News from Home – News from House schließt Amos Gitai eine Trilogie ab, die er 1981 mit Bait (Heim) begann und 1998 mit A House in Jerusalem fortsetzte. In der Trilogie werden ein Gebäude in Westjerusalem und seine Geschichte zu einem Mikrokosmos des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die Aufführung ist zugleich Auftakt einer Retrospektive des israelischen Regisseurs im Kino Arsenal.
Beim Kinderfilmfest/14+ sollte man auf keinen Fall Marock verpassen, den Erstling von Laila Marrakchi. Rita, Tochter einer reichen muslimischen Familie in Casablanca, verliebt sich in den jüdischen Jungen Youri und möchte, daß er zum Islam konvertiert. Youri stirbt bei einem Autounfall. Rita geht zum Studium nach Frankreich. Die Regisseurin verknüpft elegant eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit einer präzisen Darstellung des marrokanischen jugendlichen Geldadels zwischen amerikanisiertem Lebensstil, alterstypischem Erleb- nishunger und ihren jeweiligen kulturell-religiösen Gemeinschaften.
In Four Weeks in June des Schweden Henry Meyer treffen zwei Frauen aufeinander: die junge, kratzbürstige Sandra und die alte jüdische Hutmacherin Lilli. Lilli hat ihrer Tochter Rebekka nie erzählt, daß ihr wirklicher Vater ein Nichtjude war, dessen Familie so antisemitisch war, daß die junge aus Deutschland geflüchtete Lilli um ihre Sicherheit fürchtete. Erst Sandras Neugierde und Wahrheitsliebe helfen Lilli schließlich, ihr Schweigen aufzugeben. Hervorragend gespielt und mit der richtigen Mischung aus Leichtigkeit und Ernst inszeniert, geht der Film zu Herzen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.
Tsivia Barkais israelischer Kurzfilm Vika dagegen enttäuscht. Die 12jährige Titelheldin entführt ihre kleine Schwester, um sie vor der verwahrlosten Mutter, einer ständig Wodka saufenden Russin in Sicherheit zu bringen. Das – nicht nur israelische – Klischee über »Russen« ist allzu dick aufgetragen.

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026