Philosemitismus

Januskopf der Judenliebe

von Carsten Dippel

Als die israelische Armee im Juni 1967 innerhalb weniger Tage Ägypten schlug, den Sinai, das Westjordanland, die Golanhöhen und vor allem den Ostteil Jerusalems eroberte, kannte die Israelbegeisterung im Westen keine Grenzen. Voller Bewunderung für die militärische Leistung sprachen deutsche Medien vom »Blitzkrieg«. Einige Nahostkriege und -krisen später ist diese Begeisterung einer weitverbreiteten Stimmung gewichen, die zwischen »guten« und »bösen« Israelis zu unterscheiden weiß. Die Trennlinie verläuft in der öffentlichen Debatte ungefähr zwischen Uri Avnery, dem allseits geliebten Friedensaktivisten, und Ariel Scharon, dem Feindbild schlechthin. Die komplizierten Zusammenhänge der nahöstlichen Misere interessieren indes wenig.
So dicht pro- und antiisraelische Haltungen beieinanderliegen und dabei den Blick auf die Wirklichkeit verstellen, so eng verknüpft sind zwei historische Phänomene, aus denen sich dieses Paradoxon speist: Philo- und Antisemitismus. Doch während Letzterer ganze Forschungszweige hervorgerufen und Bibliotheken gefüllt hat, ist der Philosemitismus, kurz gesagt: die Liebe zum Judentum, ein weitgehend unbearbeitetes Feld. Judenhass und Judenliebe – der Januskopf ein und desselben Problems, nämlich der irrigen Annahme, Juden seien irgendwie anders?
Das Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam ist dieser Frage mit einer internationalen Konferenz zum Thema Philosemitismus nachgegangen. Ein Herzensthema seines Direktors Julius H. Schoeps, Sohn des Historikers Hans-Joachim Schoeps, der 1952 als einer der Ersten dieses Phänomen wissenschaftlich zu fassen suchte.
Philosemitische Tendenzen gab es bereits in der Antike; sie setzten sich vor allem in der Kirchengeschichte fort. Zwar ist das Bild der Beziehungen zwischen Kirche und Judentum eher durch die Scheiterhaufen der Inquisition belastet, doch war die Haltung des christlichen Abendlandes nicht nur von Judenfeindschaft geprägt. Allerdings zeigte sich gerade in den Zeiten eschatologischer Erwartungen die Problematik des Ganzen: Den Juden wurde im göttlichen Heilsplan eine Rolle zugewiesen, die letztlich auf Bekehrung zielte. Und damit

wurde die vorgebliche Toleranz ad absurdum geführt. Deutlich wird das an der Haltung Martin Luthers. Äußerte er sich in seinen frühen Schriften betont judenfreundlich, so verfiel er gegen Ende seines Lebens aus Enttäuschung über das Ausbleiben einer massenhaften Judenbekehrung in unbändigen Hass gegen das Volk der »Christusmörder«.
Ein Motiv, das sich bis in die Gegenwart evangelikaler Erweckungsbewegungen zieht. Etwa bei jenen, die sich als »messianische Juden« bezeichnen. Ihr Heiland ist Christus, sie halten aber zugleich den Schabbat, essen koscher und träumen von einem Großisrael. Nur, bei aller Wärme für den Staat Israel und die Juden, wollen auch sie letztlich nichts anderes, als deren Bekehrung zum »wahren« Glauben. Man liebt die Juden eben nur so weit, wie sie eine bestimmte Funktion erfüllen. Dem gleichberechtigten Miteinander steht ein religiös begründetes Überlegenheitsgefühl entgegen.
Als sich führende Denker im 19. Jahrhundert in Reaktion auf den Antisemitismus für eine »Lösung der Judenfrage« engagierten – mit einem deutlichen philosemitischen Impuls –, folgten sie
bewusst
oder

unbewusst einem durchaus vergleichbaren Muster. Immerhin rührte ihr aufklärerischer Impetus letztlich aus einer Überzeugung, die alles andere als aufgeklärt war. Man sprach sich zwar für die Emanzipation der Juden aus, doch was, wenn sie an ihrer Religion festhalten wollten und so gar nicht dem Typus des Edlen, sondern vielmehr dem eines Schtetl-Verhafteten entsprachen? An der Vorstellung, dass es eine »Judenfrage« und mithin ein zu überwindendes Problem gebe, stieß der Toleranzgedanke schnell an seine Grenzen.
Was macht ein Jude, wenn er in eine fremde Stadt kommt? Er geht als Erstes auf den Friedhof. Selbstverständlich. Was macht er dort? Natürlich! Er trifft einen anderen Juden. Und dann? Sie eilen in die Synagoge. Wo sonst könnten sie ungestört mauscheln? Ein antijüdisches Klischee? Es ist die Einstiegssequenz zu dem im Jahr 2004 ausgestrahlten Fernsehkrimi Das Geheimnis des Golem mit dem populären Kommissar Schimanski (alias Götz George). Für den Historiker Frank Stern ein Lehrstück unreflektierten Herangehens an jüdische Themen im deutschen Nachkriegsfilm. Hier werden offensichtlich klassische Stereotype bedient und traditionelle Judenbilder weitergegeben – trotz, vielleicht auch wegen eines durchaus aufrichtigen Interesses, Jüdisches im Film darzustellen.
Dass sich ausgerechnet die ostdeutsche DEFA solchen Themen feinfühliger und authentischer näherte als ihre westdeutschen Pendants, gehört wohl zu den Eigentümlichkeiten der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Denn eigentlich waren die Rollen klar verteilt. Nach der Schoa galt für beide Seiten die Haltung gegenüber den Juden als entscheidende Frage auf dem Weg zurück in die Zivilisation. Für die westdeutsche Politik war eine philosemitische Grundstimmung konstitutiv. Die Aussöhnung war Programm, fand ihren Ausdruck in Wiedergutmachung und diplomatischen Beziehungen mit Israel. Im SED-Staat hingegen lebten hinter der Maske des verordneten Antifaschismus traditionelle Judenbilder ungebrochen weiter.
Der Philosemitismus ist, das zeigten die auf dieser Tagung präsentierten Themen, ein äußerst vielgestaltiges Phänomen. Allein auf eine spiegelbildliche Funktion zum Antisemitis- mus lässt er sich daher wohl nicht beschränken, so wesensverwandt beide Vorstellungen sind, die »den Juden« als etwas Besonderes sehen.

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