schächten

ist das betäubungslose schächten heute noch zeitgemäss?

Schonende Methode
von Rabbiner Israel
Meir Levinger

Schutz der Welt, und damit auch Schutz der Tiere, hat einen hohen Wert im Judentum. Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, um die Welt zu bearbeiten und zu schützen. Tiere nicht zu quälen, ist eines der noachitischen Gesetze, welche gemäß der jüdischen Tradition die Basis der humanen Ethik darstellen. Die Sache war einfach, solange der Mensch in der Natur lebte. Er musste pflanzliche oder tierische Nahrung aufnehmen. Um Tiere zu jagen, musste er sie töten. Da war es wichtig, die Anweisung zu geben, dass keine Teile vom lebenden Tier abgeschnitten werden dürfen, um gegessen zu werden.
In einer solchen Welt, in der Tiere gejagt wurden, musste das Tier ganz anders behandelt werden als in der heutigen Zeit. Heute »entwickelt« der Mensch die Welt selber. Er züchtet Pflanzen und Tiere nach seinem Bedarf. Da bekommt der Schutz der Tiere eine ganz andere Dimension. Die Aufgabe des Menschen ist es, die Tiere und Pflanzen zu bewahren, damit diese weiter auf unserem Planeten leben werden.
Mein Vater stellte einmal die Frage so: Rinder werden geschlachtet und gegessen, Pferde werden nicht geschlachtet und gegessen. Warum gibt es dennoch mehr Kühe als Pferde? Die Antwort ist: Kühe werden mehr gebraucht – als Nahrungsmittel, als Milch- und Fleischquelle – und deshalb werden mehr von ihnen gezüchtet. Da kommt die philosophische Frage auf: Was ist besser für die Tiere – gar nicht erst gezüchtet zu werden, oder zu leben und am Schluss geschlachtet zu werden?
Manche vertreten die Ansicht, dass Vegetarismus eine ideale Lebensform auch im Judentum ist. Dies stimmt, soweit die Menschen bereit sind, auf bestimmte Nahrung zu verzichten. Die jüdische Einstellung ist, dass am Schabbat und am Feiertag Fleisch gegessen werden soll. Warum? Fleisch schmeckt gut, und dadurch ist die Freude an diesem Tage größer. Dies betrifft Menschen, die Fleisch mögen. Wenn einer Fleisch nicht mag, ist er nicht verpflichtet, Fleisch zu essen.
Es gibt eine ganze Reihe von Denkern im Judentum, die sich mit dem Fleischgenuss beschäftigt haben – von jenen, die annehmen, dass die Fleischvorbereitungsgesetze die Fleischverwertung erschweren und dadurch verhindern sollen, und die damit Fleisch als Negativum sehen, bis zu jenen, die glauben, dass der Mensch den höchsten Grad der Schöpfung darstellt und beim Fleischgenuss die Eiweiße des Tieres veredelt werden, indem sie Teil des Menschen werden.
Raw Kook schreibt, dass der Vegetarismus ein Weg zu Gott ist, aber das darf nicht zu einer eigenen Religion werden, zu der ihn viele Tierschützer machen. Tiere sind wichtig, um die Weltbevölkerung zu versorgen. Für die Gesamtmenschheit zu sorgen, ist auch ein wichtiges Element im Judentum. Vegetarismus ist vielleicht für den Einzelnen gut. Die Gesamtheit könnte damit nicht leben. Wenn Tiere nicht geschlachtet würden, gäbe es auch keine Eier und keine Milch, da das Züchten der Tiere nur für diese Produkte unrentabel wäre.
Die Schlachtung von Tieren ist demnach nötig, soll aber auf eine schonende Art und Weise durchgeführt werden. Die jüdische Schlachtmethode ist eine solch schonende Methode. Dies kann man durch physiologische Untersuchungen beweisen.
Es gibt jüdische Tierschützer, die eine Betäubung vor dem Schächten vorziehen würden. Ob dadurch wirklich das Leiden der Tiere verringert wird, bleibt allerdings fraglich. Es besteht nämlich auch die Gefahr, dass das Tier durch die Betäubung noch mehr leiden muss. Denn es ist keineswegs klar, dass elektrische Betäubung schmerzlos ist. Wir haben bis heute keine Betäubungsmethode, die mit Sicherheit schmerzfrei ist – und das Tier nicht versehentlich töten kann –, und wenn wir so eine hätten, müsste zuerst einmal die halachische Frage geklärt werden. Einfach nur zu behaupten, dass das Schächten nach vorheriger Betäubung der Halacha nicht widerspricht, reicht nicht aus. Aus all diesen Gründen sollte es beim betäubungslosen Schächten bleiben.

Rückbesinnung
von Hanna Rheinz

Das jüdische Schächten soll nicht mehr zeitgemäß sein? Unterstellen das nicht seit je die Antisemiten? Hat, wer so etwas behauptet, nicht einen Cherem, den Bannspruch verdient? Dumm nur, dass sich berühmte jüdische Persönlichkeiten, darunter viele Rabbiner, als Schächtgegner outeten, die, als es noch keine halachisch akzeptablen Alternativen gab, Vegetarismus forderten. Nicht der Fleischverzehr, sondern das Verbot der Tierquälerei galt als das ethisch höherstehende Gut.
Dies ist längst vergessen. Was einst als schonendst mögliche Methode des Schlachtens im Interesse der Tiere präzise festgelegt worden ist, hat sich unter den Bedingungen der industriell und im Akkord organisierten Schechita moderner Großtierrassen als nicht länger praktikabel erwiesen. Die Schlachtfabrik ist eben kein Tempel, in dem der Schochet die Tiere mit Segenssprüchen beruhigt und sie, jedes für sich, beim Sterben begleitet.
Wer ohne Scheuklappen die Zustände beim Schächten in Augenschein nimmt, weiß um die hohe Fehlerquote, kennt das erschreckende Burn-out der Schächter, hört, was jüdische Schächtexperten hinter vorgehaltener Hand schon lange beklagen: Das betäubungslose Schächten ist eben nicht mehr im Sinne der Halacha, die Tierschutz und Tierrecht radikal und oft gegen die Interessenlage des Menschen einfordert. Das Verbot von Tza’ar Ba’alei chayim (Tierquälerei) ist unter den Tisch gefallen.
Doch der Mut, sich dies einzugestehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, fehlt! Vielen Repräsentanten ist nicht bewusst, dass sie das Erbe des ältesten und radikalsten Tierrechtsgesetzes weltweit verwalten. Der Krieg zwischen zwei Menschen muss unterbrochen werden, um das in Not geratene Tier des Feindes zu retten! Das Töten von Tieren gilt als awera, als Übel, und wird als Quelle des Hasses betrachtet. Zu den ethischen Herausforderungen der Halacha gehört die Mitzwa, die Interessen der Schwächsten, gerade der Tiere, zu vertreten, die eigene Gier, die Eigeninteressen einzudämmen; die Heiligkeit des Lebens aller Lebewesen zu achten; Mitgefühl und Gerechtigkeit walten zu lassen und nicht auf der Erfüllung andernorts längst über Bord geworfener handwerklicher Techniken und Gewohnheiten zu beharren, die nicht Dinge mit einem Wert an sich, sondern selbst Ergebnis historischer Prozesse sind. Durch die Hintertür ist der Katalog der vermeintlich so unveränderlichen Schächtregeln überdies längst erweitert worden. So sind stillschweigend Apparaturen zugelassen worden, die das Schächten von Großtieren für den Schächter überhaupt erst gefahrlos möglich machen. Ist das im Sinn der Halacha? Das Gebot des schonendst möglichen Verfahrens für die Tiere blieb dabei auf der Strecke: Sie werden getrieben, fixiert, zwischen Metallplatten geklemmt, mitsamt der Apparatur langsam umgedreht, sodass das Tier in Panik gerät und durch das eigene Körpergewicht und die unnatürliche Position extreme Schmerzen erleidet und sich als Folge der Befreiungsversuche und Abwehrbewegungen verletzt. Der Schlachtvorgang wird unnötig verlängert. Der Schächtschnitt ist nur möglich, wenn der Hals des Tieres fixiert und überstreckt wird. Die Fehlerquote mit Nachschneiden ist erschreckend hoch. Ehrlicherweise müsste das Fleisch von Tieren, die unter den Strapazen der modernen Schächtapparate sterben, der Kategorie des nicht koscheren gerissenen Fleisches gejagter Tiere zugeordnet werden. Fraglich auch, ob wirklich immer der Schächtschnitt das Tier tötet und nicht die körperlichen und seelischen Belastungen und Verletzungen während der Prozeduren vor und nach dem Schächtschnitt. Ein solches Fleisch wäre Aas (neveila).
Erinnert sei daran, dass es zu allen Zeiten pragmatische Entscheidungen gab, mit denen es möglich wurde, das übergeordnete halachische Gebot zu bewahren, indem zeitgemäße Anpassungen bei seiner Ausführung vorgeschrieben wurden. Hat nicht Rabbenu Gerschom ben Judah Me’or ha-Golah im 11. Jahrhundert erkannt, dass die Polygamie in Europa keine Zukunft hat? Wer käme heute noch auf die Idee, die Monogamie als unvereinbar mit der jüdischen Tradition zu bezeichnen? Wir sind aufgefordert, die Zeichen der Zeit zu erkennen und uns einzugestehen, dass das betäubungslose Schächten überholt ist und in eklatanter Weise dem halachischen Tierschutz und Tierrecht widerspricht.
Ganze Heerscharen von Rabbinern und Wissenschaftlern arbeiten heute daran, die Fortschritte der modernen Medizin und Gerätetechnologie mit der Halacha in Einklang zu bringen. Nutzen wir nicht Zeitschaltuhren, Aufzüge, Hörgeräte etc. selbst am Schabbat? Sogar Weltraumflüge sind frommen Juden halachisch erlaubt.
Wir dürfen nicht zulassen, dass ausgerechnet das Verbot der Tierquälerei so leichtfertig missachtet wird. Die Verbindung von Schächtgegnerschaft und Antisemitismus darf uns nicht daran hindern, die eigenen halachischen Tierschutzgebote umzusetzen. Durch die moderne reversible Elektrokurzzeitbetäubung wird halachisch korrektes Schlachten möglich. Das Fleisch wird, anders als nach tierquälerischen Manipulationen, nicht treife. Eine Rückbesinnung auf das halachische Verbot von Tza’ar Ba’alei chayim ist dringend notwendig, um den ethischen Herausforderungen der Halacha auch ab dem 6. Jahrtausend der jüdischen Zeitrechnung gerecht zu werden. Die von der Verfassung geschützte Religionsfreiheit bleibt auch bei einer Streichung von Nr. 2, Abs. 2 des §4a des Tierschutzgesetzes, also der Abschaffung des religiös motivierten betäubungslosen Schlachtens, gewahrt.

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