Atomwaffen

In Reichweite

von Sylke Tempel

Es sollte uns nicht überraschen: Der jüngste Versuch der Europäer, die Nuklearkrise mit dem Iran auf diplomatischem Weg zu lösen, ist im Sande verlaufen. Javier Solana, bei der EU zuständig für die gemeinsame Außen‐ und Sicherheitspolitik, legte ein „großzügiges Angebot“ vor. Teheran lehnte ab. Dafür bedarf es kaum weiterer Erklärungen. Wäre der Iran nur an ziviler Nutzung von Atomenergie interessiert, hätte er eine solch weitgehende Unterstützung nicht ausschlagen können. Niemand, der recht bei Sinnen ist, wird noch bezweifeln, dass der Iran eines mehr haben will als alles andere: die Atombombe.
Europas Öffentlichkeit ließ das weitgehend unberührt. Umso mehr wird darüber spekuliert, ob Israel die Angelegenheit mit einem Militärschlag erledigen wird. Dass der ehemalige israelische Generalstabschef und jetzige Transportminister Schaul Mofas soeben offen mit dieser Option gedroht hat, wurde zwar von einigen israelischen Kabinettsmitgliedern als „voreilig“ abgetan. Aber es wäre selbstmörderisch, dächte das israelische Sicherheits‐Establishment nicht über alle Möglichkeiten nach, Teheran vom Bau der Bombe abzubringen.
Allen Beteuerungen zum Trotz: Europa und Israel verstehen sich in dieser Angelegenheit ganz und gar nicht. Ein nuklear bewaffneter Iran wird hierzulande als „Herausforderung“ empfunden, die irgendwie unangenehm ist, aber weit hinter außenpolitischen Themen wie der Frage der EU‐Erweiterung, der transatlantischen Beziehungen oder der Lösung des israelisch‐palästi‐ nensischen Konflikts rangiert. Für Israel ist eine Nuklearmacht Iran dagegen die größte strategische Bedrohung seit der Staatsgründung 1948.
Nicht nur, weil sich diese Bedrohung anders anfühlt, wenn man sich geografisch in Reichweite iranischer Langstreckenraketen befindet. Und nicht nur, weil sie an ein nur zu gut begründetes Trauma rührt. Mehr als irgendein Volk der Welt haben die Israelis gelernt, Diktatoren ernst zu nehmen, selbst wenn – oder gerade weil – die ganze Welt sie für verrückt erklärt. Sie können sich den Luxus nicht leisten, darüber nachzudenken, ob Mahmud Ahmadinedschad nun wirklich auch meint, was er sagt. Ihr Land wäre mit einem einzigen Schlag vernichtet. Eine Atommacht Iran würde den gesamten Nahen Osten durcheinanderwirbeln. Wer könnte ein nukleares Wettrüsten arabischer Staaten dann noch verhindern? Wer könnte kontrollieren, ob die Mullahs „schmutzige Bomben“ nicht auch an Terrororganisationen wie die Hisbollah weitergeben?
Denjenigen, die argumentieren, auch die Israelis besitzen ja Atomwaffen, sei gesagt: Genau das hält bisher andere Staaten davon ab, ihre Vernichtungsdrohungen gegen Israel zu weit zu tragen. Und: Sie befinden sich in den Händen eines demokratischen Staates, der nicht einmal unter größtem Druck, wie vor Ausbruch des Sechstagekrieges 1967, mit deren Einsatz drohte.
Trotzdem: Eine Militäroption ist kein Allheilmittel. Und von einem Alleingang kann keine Rede sein. Ohne Unterstützung der USA ist eine Bombardierung der iranischen Anlagen in Natans oder Buschehr kaum denkbar. Aber dass George W. Bush diesen „Job“ noch gerne erledigen möchte, ist Spekulation. Sieben Monate vor dem Ende seiner Amtszeit ist er eine „lahme Ente“. Selbst ein starker US‐Präsident braucht die Zustimmung seines Kabinetts, des Kongresses, des Sicherheits‐Establishments. Und Bush, der mit dem Irakkrieg noch alle Hände voll zu tun hat, ist kein starker Präsident mehr. Entscheidend für das Gelingen sind auch nicht etwa „innovatives Denken“ oder eine noch so mutig ausgetüftelte Operation, sondern verlässliche Geheimdienstinformationen. Irans Atomanlagen sind gut verborgen und teils tief in der Erde vergraben. Die Israelis mögen sich in Angelegenheiten ihrer eigenen Sicherheit gerne auf sich selbst verlassen. Aber auch hier brauchen sie Schützenhilfe befreundeter Dienste und von „Verrätern“ in den iranischen Reihen. Und selbst, wenn ein Luftangriff ohne allzu große „Kollateralschäden“ gelänge, könnte man die iranischen Nuklearambitionen nur für eine bestimmte Zeit stoppen, nicht aber gänzlich verhindern.
Was also tun, wenn man sich nicht mit einer Atommacht Iran abfinden will? Dafür wird man wohl das alte Wort von „Zuckerbrot und Peitsche“ bemühen müssen. Die Alternativen heißen aber nicht mehr sanfte Verhandlungen oder Sanktionen, sondern härtere Sanktionen und endlich auch ein Einfrieren der guten deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Régime in Teheran. Oder eine klare Unterstützung Israels, sollte es tatsächlich eine Militäroption wagen.

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