Provinz Komi

In Nehmerlaune

von Christian Jahn

Leonid Zilberg hat einen Traum. Der 45‐jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in der nordrussischen Republik Komi will in der Hauptstadt Syktyvkar ein Gemeindezentrum bauen. Eines, das sich sehen lassen kann.
„Das Zentrum wird eine Nutzfläche von 1.300 Quadratmetern haben. Wir planen einen Sport‐ und Veranstaltungssaal“, erklärt der kleine dunkelhaarige Mann mit dem gepflegten Vollbart und den klaren Gesichtszügen. Möglicherweise werde es im Kulturzentrum auch ein Kino geben – ein beeindruckendes Projekt einer Gemeinde, die nach den Angaben ihres Vorsitzenden „rund 2.500 registrierte und nicht registrierte Mitglieder“ hat.
Der Entwurf des Architektenbüros liegt bereits vor und ist auszugsweise auf der Gemeinde‐Website zu sehen (www.jckomi.com). Dort zeigen Computersimulationen zwei miteinander verbundene, dreistöckige Gebäude. Die Fassaden sind in den Farben Beige, Braun und Grau gehalten. Auf den Entwurfbögen finden sich Vermerke zu den zu verwendenden Materialen: Fensterrahmen aus Aluminium und Holz, grauer Stein für den Sockel, graue, wetterbeständige Metallgeländer an den Außentreppen.
Darunter hat der umtriebige Zilberg auf die Website einen Spendenaufruf gesetzt. Auf zwei Konten können russische und ausländische Unterstützer Geld einzahlen – ein Dollarkonto bei der Gazprombank in Moskau und ein Euro‐Konto bei der Bayerischen Hypo‐ und Vereinsbank in München.
„Rund anderthalb Millionen US‐Dollar wird das Projekt kosten. Vielleicht wird es kleinere Veränderungen geben wegen der Finanzkrise“, kalkuliert Zilberg. Den Anfang werde er mit günstigen Krediten finanzieren. „Im April 2009 plane ich eine Tournee durch Nordamerika, um Sponsoren und Investoren zu finden“, sagt er voller Tatendrang.
Nicht alle teilen seine Begeisterung. Möglicherweise hat das unbefangen forsche Werben Zilbergs für sein Projekt und für Spenden das Misstrauen der New Yorker jüdischen Wochenzeitung „Forward“ geweckt. In einem Beitrag vom 8. Oktober entlarvt Autorin Rebecca Spence zunächst die Aussage Zilbergs als unhaltbar, in Syktyvkar entstehe die am weitesten nördlich gelegene Synagoge der Welt – tatsächlich gibt es in Fairbanks in Alaska eine Synagoge, die um einige Breitengrade weiter nördlich liegt.
Bedeutender als diese Detailkritik dürften für Zilbergs Projekt aber die Kommentare von Menachem Lepkivker vom Jewish Distribution Committee (JDC) in St. Petersburg sein. Dieser bezweifelt in dem „Forward“-Beitrag, dass die Ausmaße des geplanten Zentrums und die Baukosten der Bedeutung der relativ kleinen Gemeinde von Komi angemessen seien. „Wenn wir Geld investieren, sollten wir die Frage stellen: ‚Wo wird es das beste Ergebnis für die jüdischen Menschen geben?‘“, resümiert Lepkivker und fordert eine Konzentration der finanziellen Mittel in den Metropolen Moskau und St. Petersburg.
Zilberg fühlt sich missverstanden. Die Autorin des Beitrags habe offenbar keine richtige Vorstellung davon gehabt, ob eine Nutzfläche von 1.300 Quadratmetern für ein Gemeindezentrum viel sei. Und die Redakteure haben das Urteil der Kollegin – „zu groß“ – wohl auch nicht hinterfragt. Tatsächlich entspricht die Fläche ungefähr einem Fünftel eines Fußballplatzes. Auf zwei Gebäude und jeweils drei Stockwerke verteilt, scheint das doch nicht schwindelerregend hoch gegriffen, findet Zilberg.
„Zudem hat sich seit dem Erscheinen des ‚Forward‘-Artikels einiges entscheidend geändert“, sagt Zilberg. „Als ich das Projekt erstmals präsentierte, ging ich von Kosten in Höhe von 2,5 Millionen US‐Dollar aus. Jetzt werden wir wohl maximal anderthalb Millionen benötigen. Die Nutzfläche bleibt aber dieselbe.“
Die Erklärung für die wundersame Kostenverminderung: Parallel zum Projekt des jüdischen Gemeindezentrums propagierte Zilberg gemeinsam mit den Vertretern anderer nationaler und kultureller Minderheiten in der Republik die Idee eines sogenannten „Nationalen Dorfs“. „Das ist ein geschlossenes Territorium mit eigener Infrastruktur. Innerhalb des Dorfs hat jede nationale oder kulturelle Minderheit der Republik ein Grundstück und unterhält darauf ein Gemeindezentrum. Ein Paradebeispiel ist das ‚Nationale Dorf‘ im südrussischen Orenburg“, erklärt Zilberg.
Syktyvkars Bürgermeister Roman Zenishtshev war schnell von der Idee überzeugt. Rund 20 Quadratkilometer Bauland stellte die Stadtverwaltung für das Projekt zur Verfügung. Außerdem übernimmt sie den Aufbau der Infrastruktur, den Straßenbau und die Schaffung von Grünflächen. Sogar eine große Bühne im Zentrum des Dorfs will die Stadtverwaltung bauen, die alle Minderheiten für Veranstaltungen nutzen können.
Noch in diesem Monat soll eine Gesellschaft gegründet werden, an die die Stadt das Bauland überträgt. Fest steht bereits, dass Zilberg gemeinsam mit dem Vorsitzenden der russlanddeutschen Minderheit, Oleg Strahler, die Interessen der Gesellschaft gegenüber der Stadtverwaltung vertreten wird.
Strahler kennt Zilberg bereits viele Jahre und lässt keinen Zweifel an der Integrität seines Partners aufkommen. Zwar plane die russlanddeutsche Gemeinde mit 9.200 Mitgliedern weit bescheidener als die jüdische. Lediglich 400 Quadratmeter Nutzfläche soll das russlanddeutsche Zentrum haben, die Kosten schätzt Strahler auf rund eine halbe Million Euro. „Dennoch: Jede Gemeinde baut entsprechend ihren Möglichkeiten. Wenn die jüdische Gemeinde andere Möglichkeiten hat als wir, soll sie sie nutzen. Wir freuen uns für sie“, so Strahler.
Die Zahl der Gemeindemitglieder als einziges Kriterium für die Entscheidung über die Größe des Gemeindezentrums oder die Höhe der Investitionen anzulegen, greife zu kurz. Die Regierung Russlands habe längst erkannt, dass die Förderung der Minderheiten wichtig sei. „Russland ist traditionell ein multikultureller Staat. Dieses Erbe soll erhalten werden“, meint Strahler.
Umso erhaltenswerter erscheint das kulturelle Erbe der Juden in der nordrussischen Republik Komi: Diktator Stalin ließ Juden aus vielen Teilen der Sowjetunion dorthin in die sogenannten Gulag‐Straflager verschleppen. Laut Zilberg ist die heutige Gemeinde ein Resultat dieser sowjetischen „Nationalitätenpolitik“. Den Gulag‐ Juden hat Zilberg ein dreibändiges his‐ torisches Werk gewidmet, das er im kommenden Jahr herausgeben will.
Dass dieser geschichtliche Hintergrund der russischen Regierung den Anstoß für die Minderheitenförderung in Komi gegeben hat, ist unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie ganz pragmatisch der „Landflucht“ entgegenwirken möchte. Denn die Abwanderung aus den verschlafenen Provinzen in die entwickelten Großstädte Moskau und St. Petersburg, wo es in jedem Haushalt Strom, Telefon und Perspektiven gibt, ist eines der größten Probleme im heutigen Russland. Mit milliardenschweren Entwicklungsprogrammen stemmt sich die Regierung gegen die Völkerwanderung.
Auch Leonid Zilberg ist sich des Problems bewusst – und fühlt sich umso mehr in seinem Handeln bestärkt: „Wir brauchen etwas, womit wir die Menschen anziehen können. Wir stehen in direkter Konkurrenz mit der Freizeitindustrie. Ein junger Mensch kann ins Kino oder ins Fitnesscenter gehen. Wenn wir so etwas auch anbieten – womöglich in der Sporthalle unseres Gemeindezentrums, dann wird der Jugendliche unbedingt zu uns kommen.“
Dass vom JDC wenig Unterstützung für das Projekt zu erwarten ist, weiß Zilberg. Doch es scheint ihm wenig Kummer zu machen. „Ich werde das Ding auf jedem Fall bauen“, sagt er mit Nachdruck.

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