München Jakobsplatz

In guter Nachbarschaft

von Vera von Wolffersdorff

Ein Bauarbeiter schiebt eine knatternde Maschine über frischen, schwarz glänzenden Asphalt. Er stampft den Straßenbelag vor dem neuen Jüdischen Museum fest. Inzwischen sind die meisten Gerüste abgebaut, viele Bauzäune verschwunden: Aus der lärmenden, staubigen Baustelle haben sich die drei Gebäude in ihrer endgültigen Form herausgeschält. Für viele Passanten am Jakobsplatz ist das Jüdische Zentrum vor allem eins: Sehr groß.
Ein älterer Herr mit einer Ledertasche unterm Arm beäugt kritisch das glatte Äußere des Jüdischen Gemeindehauses: »Es sieht aus wie ein Bankgebäude oder eine Versicherung«, meint er und wiegt den Kopf hin und her: »Man hätt’s halt a bisserl…« Er rudert mit den Armen in der Luft herum, sucht nach passenden Worten, findet sie nicht und wiederholt statt dessen »a bisserl…, ja, anders eben«. Sein Blick sucht Halt bei den Umstehenden: »Nicht?«, möchte er sich in der Runde rückversichern. Er erntet lediglich Gemurmel.
Seit 24 Jahren betreibt Edith Sterr ihren Friseurladen am Jakobsplatz – nun ganz nah an der neuen Synagoge. Von ihrer Haustür aus sieht man eine Ecke des Gotteshauses imposant in den Himmel aufragen. »Ich habe noch nie solche Einbußen gehabt wie in der Zeit, als hier gebaut wurde. Wenn ich keine Stammkunden hätte – ich hätte längst schließen müssen«, faßt die Friseurin die vergangenen drei Jahre zusammen. Während der langen Bauzeit kamen die Kunden manchmal kaum zu ihrem Laden durch, so dicht stand der Bauzaun davor. Manche glaubten, sie hätte längst zugemacht. Beim Fensterputzen hat sie mal eine Baumaschine von oben bis unten mit Dreck bespritzt. Jetzt hofft Edith Sterr, daß es bald sauber und ordentlich wird – und daß sie bald wieder mehr Laufkundschaft hat. »Schön war der Platz ja nie«, räumt sie unumwunden ein. Aber früher, als dort Reisebusse mit Touristen parkten, lief das Geschäft besser. Doch sie ist optimistisch: »Ein italienischer Piazza‐Platz soll es ja werden«, freut sie sich. Und die Gebäude selbst? Die gefallen ihr. Das Ensemble insgesamt gebe wohl ein hübsches Bild, wenn es mal fertig ist. »So oder so«, sagt sie: »Mit dem, wie es ist, muß man jetzt leben – es ist bestimmt nicht schlecht.«
Ein paar Schritte weiter, gegenüber dem Jüdischen Museum, weitet sich der Platz: Hier steht das Angerkloster, ein katholisches Frauenkloster mit Kindergarten, Grundschule, Gymnasium und einem Wohnheim für Studentinnen. Hinter den Klostermauern scheinen Baustelle, Lärm und Staub weit weg. Hell und licht ist die Eingangshalle des Ordenshauses. Hier stand einst die 1221 erbaute Kirche des ersten Münchner Franziskanerklosters. 1843 zogen die Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau dort ein. Die Provinzoberin, Schwester M. Salome Strasser ist eine freundliche, resolut wirkende Frau. Die Nachbarschaft zur Synagoge und dem Jüdischen Gemeindezentrum sieht sie als »große Herausforderung an uns Schulschwestern, der wir uns auch stellen wollen. Es geht um den Dialog, um das Bemühen, einander zu verstehen.« Sie wählt ihre Worte mit Bedacht: »Wir haben gemeinsame Wurzeln, wir beten in der Laudes und der Vesper die Psalme des Alten Testaments. Doch wir haben als Christen auch das Neue Testament.« Schwester Salome möchte einen offenen, respektvollen Umgang miteinander. »Das Angerkloster am St.Jakobsplatz war immer ein geistiges, geistliches Zentrum der Stadt«, betont sie. Treffen mit Polizisten, Gespräche über Sicherheitskonzepte sind dagegen völlig neue Erfahrungen für die Schwestern. Doch durch Einsatz im Erziehungs‐ und Bildungsbereich Verantwortung für kommende Generationen zu übernehmen, gehört zum Selbstverständnis des Ordens. »Global zu denken, die weltweiten Anliegen und Nöte mit einzubeziehen in die Arbeit, das war auch immer der Wunsch unserer Ordensgründerin Maria Theresia von Jesu Gerhardinger charakteristisch und gilt auch für uns heute. Es geht darum, die Zeichen der Zeit zu sehen und darauf zu antworten.«
Die Oberin hofft auf gegenseitiges Interesse der verschiedenen Glaubensgemeinschaften aneinander: »Ganz selbstverständlich waren und sind auch immer jüdische Mädchen in unserer Schule gewesen.« Erste Berührungspunkte wird es von nun an schon im Kindergartenalter geben: Der neue Spielplatz am Jakobsplatz steht allen Kindern offen.
Der Synagoge am nächsten steht eine Wohnanlage für Senioren. Dort lebt Therese Houtman, eine elegant gekleidete ältere Dame. Von den Fenstern ihrer Wohnung aus sieht sie direkt auf die metallene Dachkonstruktion der Synagoge. Bevor das Netz über den Glaskubus gezogen wurde, spiegelte sich der Himmel und – bei schönem Wetter – die Sonne darin. Jetzt ist von der Spiegelung nichts mehr zu sehen, aber das Netzgitter schimmert und glänzt – zum Greifen nah. Früher arbeitete Therese Houtman als Fotografin. »Leidenschaftlich«, wie sie betont. Geboren und aufgewachsen ist sie in Saarbrücken – »wie die Architekten des Jüdischen Zentrums«, erzählt sie fast ein bißchen stolz. 1944 flüchtete die Familie aus dem Saarland in die bayrische Landeshauptstadt. Wenig später begannen die Luftangriffe der Allierten auf München. Sie ist froh, daß es in der Stadt endlich wieder ein repräsentatives jüdisches Gotteshaus gibt. Das Dritte Reich ist in ihrer Erinnerung noch sehr präsent: »Ich sehe mich heute noch, mit neun Jahren, vor der brennenden Synagoge in Saarbrücken stehen, mein Schulweg führte daran vorbei – das habe ich nie vergessen. Man hat ja manchmal die große Angst, daß die braune Suppe wieder hochbrodelt. Also das möchte ich nicht noch mal erleben, da möchte ich lieber vorher tot sein«, sagt sie entschieden. Bedenken, daß die Synagoge zu groß sei, wischt sie mit einer Handbewegung beiseite: »Wir leben in der Stadt. Und da wird eben jeder Fleck bebaut – also, was soll’s.«
Kritischer äußert sich da ein Herr Ende sechzig, der ebenfalls in der Wohnanlage lebt. Klaus Friedrich ist Herausgeber einer Zeitschrift für Poesie im Selbstverlag und berichtet von einer Baumaschine, »die den Boden und die Wände erzittern läßt«. Seit Monaten schläft er nicht mehr, die Bauarbeiten fangen schon um 6 Uhr 30 in der Früh an und dauern oft bis tief in die Nacht. »Aber am allerschlimmsten sind die Abgase der Dieselmotoren«, sagt er. Und überhaupt: Den Platz findet er »insgesamt zu sehr vollgestopft mit Gebäuden«. Er hätte lieber »eine schöne Synagoge in der Mitte des Platzes« gehabt, »mit bunten Blumenbeeten und vielleicht ein paar Bäumen und Bänken, auf die man sich bei schönem Wetter setzen kann«. Zumindest was Bäume und Bänke angeht, werden seine Wünsche erfüllt – sie sind längst eingeplant.
An der Nordseite des St.Jakobsplatzes liegt das Münchner Stadtmuseum. Überwachungskameras kontrollieren von dort aus den Platz. Geht man zum Hofeingang des Museums und dreht sich dann um, blickt man genau auf den Kubus des Jüdischen Museums. Im Erdgeschoß ist eine Fensterfront, darüber erhebt sich eine massive Steinfassade. Über der Dachkante ragt das Kreuz der dahinter liegenden, katholischen St.Jakobskirche heraus: Ein Symbol für den Dialog der Religionen?

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