Studie

Imperativ Vergangenheit

von Dan Diner

Das deutsch‐israelische Verhältnis ist stabil. Dennoch gibt es Veränderungen. Dies jedenfalls machen die für die Bertelsmann‐Stiftung im Januar 2007 in beiden Ländern und unter amerikanischen Juden erhobenen Daten deutlich. Im Vergleich zur Erhebung des Jahres 1991 lässt sich konstatieren: Hinsichtlich der nationalsozialistischen Vergangenheit bleibt das besondere Verhältnis zwischen Deutschen und Juden unverändert. Die Deutschen stehen zu ihrer Geschichte; den Juden ist die Erinnerung an die Vergangenheit in einem konstitutiven Sinne weiterhin wichtig. Auf deutscher Seite hat sich das Bewusstsein der nationalsozialistischen Vergangenheit eher verstärkt als abgeschwächt. Die Erinnerung an den Judenmord gehört in Deutschland mittlerweile zur politischen Kultur, ja zur Staatsraison. Diese Haltung scheint in Israel, mehr noch in den USA, anerkannt zu werden. Jedenfalls ist bei allen Ambivalenzen Deutschland gegenüber die Tendenz einer zunehmend positiver werdenden Einstellung nicht zu übersehen.
Die Tendenz zunehmenden Gleichklangs, die in der Haltung zur Vergangenheit ihren Anker hat, kehrt sich jedoch um, wenn es um Fragen der aktuellen Politik geht, vornehmlich um den Nahost‐Konflikt. Dies hängt mit unterschiedlichen Deutungen der Vergangenheit, aber auch mit völlig verschiedenen Existenzlagen zusammen. So wird in der deutschen politischen Kultur der Gegenwart militärische Gewalt a priori als falsch, zumindest als bedenklich angesehen. Diese Einstellung dürfte aus zwei Quellen gespeist sein: Zum einen aus der transgenerationell übertragenen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, die zu einem Kult einer gleichsam pauschalen Ablehnung militärischer Gewalt beitrug; zum anderen der Erfahrung des Kalten Kriegs, als die Bundesrepublik, vom amerikanischen Atomschirm und der NATO geschützt, sich dem Privileg einer ausschließlich zivilen Politik hingeben konnte. Paradoxerweise geht die kulturell eingeschliffene Absage an alles Militärische mit ehrlicher Vergangenheitsbewältigung und damit der Verantwortung den Juden gegenüber einher. Wenn es um israelische Gewaltanwendung geht, kann es durchaus geschehen, dass in Deutschland eine mehrheitlich positive Haltung zu Juden sich mit einer eher »agnostischen« bis negativen Haltung Israel gegenüber mischt. Bislang hat in Deutschland die spürbare Zurück‐haltung hinsichtlich des israelischen Verhaltens die vom Imperativ der Vergangenheit bestimmte Haltung zu Juden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Sollte die Spannung zwischen dem Imperativ der Vergangenheit und der Haltung zu Fragen militärischer Gewalt im Nahen Osten zunehmen, so bleibt zumindest unklar, welche der beiden Seiten die Oberhand gewinnen wird.
Dass in Israel das Interesse an Deutschland rückläufig ist, passt durchaus zu der Tatsache, dass das negative Deutschlandbild in Israel zurückgeht. Die israelische Haltung dem Deutschland der Gegenwart gegenüber ist durchaus als »agnostisch« zu bezeichnen. Mit diesem Agnostizismus hat es freilich sein Ende, wenn die Rede auf die Vergangenheit zu sprechen kommt. Die Befragung macht zwar deutlich, dass die Bereitschaft zur Versöhnung groß ist, aber fast 80 % der Israelis sehen, sofern von der Vergangenheit die Rede ist, ihre Haltung zu Deutschland weiterhin als belastet an.
Heikel ist die Feststellung von Antisemitismus in Deutschland. Das Selbstbild der meisten Deutschen geht davon aus, dass es kaum Antisemiten in Deutschland gibt. Die Daten weisen darauf hin, dass klassisch antisemitische Vorstellungen über Juden (etwa dass sie »Vorteile aus der Vergangenheit ziehen«, eine »Mitschuld an ihrer Verfolgung« oder »zu viel Einfluss in der Welt« hätten) eher rückläufig sind. Ob schon die Forderung nach dem notorischen »Schlussstrich« als antisemitisch zu werten ist, ist fraglich. Auffällig ist, dass gegenüber den Daten von 1991 auch eine Abnahme dieser Forderung zu erkennen ist. Dass Deutsche sich zunehmend über die Vergangenheit beschämt zeigen, ist Ausdruck des deutschen Gesellschaftsvertrages. Dabei wird freilich zwischen Scham und Schuld klar unterschieden, Letztere zurückgewiesen.
Von der Haltung zur Vergangenheit unterscheiden sich die Einstellungen zu Israel. Während in Israel und den USA die Erwartung an Deutschland herrscht, sich mit dem jüdischen Staat gut zu stellen, sehen an die 80 % der befragten Deutschen den Staat Israel wie jeden anderen Staat. Dies hat sich in den letzen anderthalb Jahrzehnten kaum gewandelt. Dementgegen glauben weit mehr als 50 % der Israelis, dass Deutschland sich eine solche »agnostische« Haltung aufgrund der Vergangenheit nicht leisten kann.
Hinzu kommt eine abgrenzende Haltung zum jüdischen Staat im Kontext des Nahost‐Konfliktes. Sie ist Teil der deutschen Ablehnung des Militärischen, geht aber über diese hinaus. Starke Meinungen äußern jene, die das israelische Verhalten den Palästinensern gegenüber mit dem der Nazis zu den Juden vergleichen. 30 % der Befragten charakterisieren das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser als »Vernichtungskrieg«. Fast 60 % stehen dieser Meinung eher oder sogar stark ablehnend gegenüber. Solche Haltungen sollten aber nicht notwendig als Antisemitismus verstanden werden. Eher handelt es sich um einen Verlust politischer Urteilskraft, der mit der pauschalen »pazifistischen« Haltung einhergeht, die nicht mehr zwischen unterschiedlichen Stufen von Gewaltanwendung unterscheiden kann. Dies bedeutet freilich auch, die Schoa – die eben kein Kriegsakt, sondern eine Ausrottung war – nicht wirklich verstanden zu haben.
Vor dem Hintergrund von Schoa und Zweitem Weltkrieg erachten Juden im Allgemeinen und israelische Juden im Besonderen anders als Deutsche Wehrfähigkeit und die Möglichkeit zur militärischen Gewaltanwendung als moralisch gerechtfertigt. Es ist diese historische Differenz, die wahrscheinlich noch für lange Zeit die Quelle einer inhärenten Spannung zwischen Deutschen und Juden in der Wahrnehmung des Weltgeschehens sein wird. So halten knapp 40 % der Deutschen Gewaltanwendung unter Umständen für nötig, dagegen über 80 % der Israelis und der amerikanischen Juden.
Die gegensätzlichen Haltungen werden anhand zweier Ereigniskomplexe deutlich: der Bedrohung Israels durch das iranische Atomprogramm und der Beteiligung der deutschen Bundesmarine am UNIFIL‐Einsatz im Gefolge des Libanon‐Krieges im Sommer 2006. Während über 60 % der befragten Deutschen eine Bedrohung Israels durch Irans Atomprogramm konstatieren, eine Einschätzung, die von nur unerheblich mehr Israelis und jüdischen Ameri‐ kanern geteilt wird, spricht sich eine ebenso große Zahl von Deutschen gegen einen eventuellen Militärschlag gegen den Iran aus. Demgegenüber befürworten 80 % der Israelis und über 70 % der befragten amerikanischen Juden ein solches Vorgehen.
Widersprüchlich ist die Haltung zum Einsatz der Bundesmarine im Mittelmeer. Etwa 75 % der Israelis sprachen sich dafür aus. Dramatischer könnte sich das veränderte Deutschlandbild in Israel kaum zeigen. Die Israelis machen damit deutlich, dass sie zwischen dem historischen und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden wissen und dass Deutschlands zaghafte Bewegungen in Richtung einer auch militärisch gestützten internationalen Verantwortung durchaus gerne gesehen werden. In Deutschland ist das Bild von sich selbst bei weitem unentschiedener. Befürworter und Gegner des Libanon‐Einsatzes halten sich die Waage. In diesem sich auftuenden Bereich der Gegenwart könnte sich das Weltverständnis von Deutschen und Juden angleichen. Es handelte sich hierbei um einen Schritt in eine Normalität hinein, die von der Realität bestätigt würde.

Der Autor ist Direktor des Simon Dubnow Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem.

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