Nadine Gordimer

Im Zeichen des Zweifels

von Wolf Scheller

Der Schriftsteller, hat Nadine Gordimer einmal gesagt, steht unter dem Druck der Erwartung jener, deren Ziele und Ideale er teilt: „Seine Integrität als Mensch verlangt von ihm, dass er jedes Opfer bringt, das dem Kampf um Freiheit nützt.“ Auch Gordimers Erzählfiguren stehen häufig im Zeichen der Ambivalenz von Schuld und Absicht. Diese Haltung des Selbstzweifels und der Selbstkritik, das Empfinden vom eigenen Opfer, hat die südafrikanische Schriftstellerin zum Thema ihrer Romane und Erzählungen gemacht, für die sie 1991 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.
Mehr noch als in ihren großen Romanen hat Nadine Gordimer in vielen politischen Essays den Balanceakt engagierten Schreibens zu deuten versucht, das sie eine Trennung zwischen dem Privaten und dem Politischen nicht gelten lässt. „Protestliteratur“ war das nach ihrem eigenen Verständnis aber nie. Gordimer wollte und will Einsichten in eine empörende und irritierende Wirklichkeit vermitteln. Die Spannung zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen, das Eingebundensein in Landschaften und Traditionen sind die Themen dieser Autorin, die in der Tradition des psychologischen Realismus des 19. Jahrhunderts schreibt.
Immer wieder versucht Nadine Gordimer herauszufinden, wie sie sich selbst zu bestimmten Zeiten unter bestimmten Umständen verhalten würde. Dieses skrupulöse Befragen ihrer weißen Identität vor dem Hintergrund der politischen Lage im Apartheids‐Südafrika zieht sich durch ihr gesamtes Werk. Lange Jahre durften ihre Bücher in ihrer Heimat deshalb nicht erscheinen. Erst ihren achten Roman, July’s Leute, ließ die Zensur nach internationalen Protesten 1981 zu, paradoxerweise ihr bis dahin radikalster: Gordimer zeigte dort – nicht zum ersten Mal – eine Welt der Schwarzen, in der die Weißen keine beherrschende Rolle mehr spielen. Die Wirklichkeit hat die Autorin inzwischen weitgehend bestätigt.
Die Grande Dame der südafrikanischen Literatur, die an diesem 20. November 85 Jahre alt wird, ist Jüdin, wenngleich sie daraus nie viel Aufhebens gemacht hat. Das ist Familientradition. Ihre Eltern, eine jüdische Engländerin und ein aus Litauen eingewanderter Uhrmacher, dessen Muttersprache Jiddisch und dessen Schulbildung deutsch war, standen jüdischem Brauchtum und Denken distanziert gegenüber. Sie schickten die Tochter auf eine Klosterschule. Wenn es in Leben und Werk Nadine Gordimers dennoch so etwas wie eine jüdische Konstante gibt, dann wohl in ihrer prinzipiellen Ablehnung der Apartheid. Mehrfach betonte sie, zu den absoluten Gewissheiten ihres Lebens gehöre die Überzeugung, „dass der Rassismus böse ist – menschliche Verdammnis im Sinne des Alten Testaments –, und keine Kompromisse und keine Opfer sollten zu groß sein im Kampf gegen ihn“.
Auch nach dem Ende der Apartheid ist Gordimer nicht abgerückt von ihrem Gestus intensiver Selbstbefragung. 1996, fünf Jahre, nachdem sie den Literaturnobelpreis erhalten hatte, reagierte die Schriftstellerin mit ihrem zwölften Roman Niemand, der mit mir geht auf die veränderten politischen Verhältnisse in Südafrika. Die Protagonisten – ein schwarzes und ein liberales weißes Paar, die aus dem Exil zurückgekehrt sind – finden sich in der neuen Zeit nicht mehr zurecht. Sie scheitern an den gewaltsam deformierten Beziehungen. Auch in einem ihrer letzten Romane, Ein Mann von der Straße, stellt Gordimer dar, wie die Menschen am Kap seelisch beschädigt wurden und immer wieder in rassistische Klischeefallen stolpern. Als vor zwei Jahren ihr bislang letztes Buch Fang an zu leben erschien, hatte Nadine Gordimer gerade eine Heimsuchung der besonderen Art überstanden. Sie war in ihrem Haus am Rande von Johannesburg von drei jungen Schwarzen überfallen und beraubt worden. Alles wurde ihr weggenommen: Bargeld, Schmuck, sogar der Ehering, der ihr nach dem Tod ihres Mannes, eines emigrierten Juden aus der Berliner Intellektuellenfamilie Cassirer, besonders viel bedeutete. Doch die Ausgeraubte reagierte prinzipienfest: Gäbe man den jungen Leuten Arbeit, Brot und eine menschenwürdige Bleibe, erklärte sie, hätten sie keinen Anlass mehr, fremde Leute zu überfallen.
Vor Kritik aus dem eigenen Lager hat Gordimer ihre Haltung nicht geschützt. Radikale Gegner des weißen Regimes in Pretoria haben dem langjährigen ANC‐Mitglied immer wieder ihre privilegierte gesellschaftliche Position vorgeworfen und sie beschuldigt, in ihren Büchern nicht entschieden genug ihr politisches Urteil kenntlich gemacht zu haben. Ein Missverständnis. Nadine Gordimer hat immer wieder in Interviews betont, dass sie sich nicht als Propagandistin versteht, die andere von ihren politischen Idealen überzeugt. Als Literatin will sie die Wirklichkeit und deren verborgene Aspekte beleuchten. Eindimensionale Schwarz‐Weiß‐Malerei ist die Sache dieser Schriftstellerin nie gewesen. In einer ihrer jüngsten Erzählungen stirbt die große Liebe einer Frau, die erst nach dem Tod des Mannes bemerkt, was sie alles nicht über ihn weiß. Und Nadine Gordimer sagt dazu: „Man weiß nie, wer der andere ist. Man wird es nicht erfahren. Genau das interessiert mich am Romanschreiben.“

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