Literaturspezial

Im Irrgarten des Erinnerns

Der Verleger Jan Wechsler ist verwirrt – dem gläubigen Juden wird, ausgerechnet am Schabbes, ein Koffer zugestellt, der ihm gar nicht gehört. Proteste nutzen nichts, er muss ihn annehmen. Und was findet er in dem Koffer? Einen wertvollen Edelstein – einen Demantoiden –, einige Bekleidungsstücke, Notizen, private Gegenstände, mehrere Bücher. Eines davon hat ein gewisser Jan Wechsler, ein Schriftsteller mit Renommee, verfasst. Den wiederum unser Jan Wechsler nicht kennt – was eigentlich nicht sein kann, denn Wechsler liest die Feuilletons, ein Autor gleichen Namens wäre ihm sicher aufgefallen. Wer ist dieser andere Mensch mit demselben Namen? Und wieso beginnt dieser fremde Jan Wechsler, sich immer mehr in das Leben des Münchner Verlegers zu drängen?
Buchstäblich auf der anderen Seite führt Amnon Zichroni zunächst ein eher ruhiges Leben – aufgewachsen unter orthodoxen Juden in Israel, muss er als Junge aufgrund seines Fehlverhaltens in der Jeschiwa das Land verlassen und von nun an unter der Obhut des besten Freundes seines Vaters in der Schweiz leben. Zichroni bleibt streng gläubig, darf nun aber in den verlockenden Kosmos der Weltliteratur eintauchen. Denn der ebenfalls streng religiöse Freund des Vaters hielt »alle Künstler für dem Ewigen dienstbare Geister«, zumindest, »sobald sie etwas von unverwechselbarer Tiefe und Schönheit schufen. Dabei spielte es kaum eine Rolle, ob es sich um Musik, ein Bild, einen besonders geschliffenen Stein oder ein Gedicht handelte. In jedem wirklichen Kunstwerk sah er das Angesicht des Ewigen aufschimmern«.
Bald allerdings macht Zichroni, der an seinem Glauben nie zweifelt, den älteren Theologen jedoch nicht in jeder Auslegung einer Textstelle folgen mag, eine ungewöhnliche Entdeckung: Er kann, sobald er jemanden berührt, einen Teil von dessen Erinnerungen nacherleben, ja, wirklich nachfühlen. Daher wird Zichroni Psychiater, denn schneller als andere Seelen‐ heiler kann er mithilfe seiner gottgegebenen Fähigkeit erkennen, welche Konflikte bei einem Patienten die wesentlichen sind.
So trifft er eines Tages den Geigenbauer Minsky, der sich Zichroni öffnet – und dabei ein schreckliches Geheimnis offenbart. Minsky nämlich sei, von seinen Eltern getrennt, in einem KZ aufgewachsen und schließlich zu Pflegeeltern in die Schweiz verbracht worden. Doch jeder Zugriff auf seine wahre Identität wurde ihm von den Behörden verwehrt. Zichroni hilft dem armen Mann, bis dieser schließlich seine Geschichte aufschreibt und endlich zu seiner wahren Identität stehen kann. Solange zumindest, bis ein zynischer Autor namens Jan Wechsler auftritt, der behauptet, Minskys Erinnerungen seien nichts als infame Lügen eines Scharlatans.
Der Leser meint, diesen Fall, von dem Benjamin Stein in seinem neuen Roman Die Leinwand erzählt, zu kennen – er erinnert sehr an den realen Fall Binjamin Wilkomirski, der Ende der 90er‐Jahre für einige Aufregung in der Schweiz und in Deutschland sorgte. Binjamin Wilkomirski, ein Klarinettist aus der Schweiz, behauptete damals, als kleines Kind im Nationalsozialismus verfolgt gewesen zu sein, und veröffentlichte ein Buch über seine Erlebnisse. Kurz darauf wurde bekannt, dass Wilkomirksi niemals im Konzentrationslager gewesen war. Hatte er gelogen, oder war er einer tragischen Erin‐ nerungsverschiebung aufgesessen? Zwar war Wilkomirski wirklich als kleines Kind misshandelt worden, allerdings nicht in Lettland, wie er schrieb, sondern in der Schweiz. Nach seiner Adoption begann seine Erinnerung sich zu verselbstständigen, Wilkomirski vermischte selbst Erlebtes mit den Erlebnissen anderer – so eine mögliche Interpretation –, bis sich die falsche Erinnerung zur Gewissheit verdichtete.
Der Romancier Stein interessiert sich allerdings weniger für die Figur des Minsky als vielmehr für die Wahrheitssucher, die die Wahrheit der Akten höher schätzen als die Wahrheit der Geschichten. Und präsentiert seinen Roman in sehr ungewöhnlicher Weise.
Von der einen Seite kann man, bis zur Mitte des Buches, die Ich‐Erzählung des Amnon Zichroni lesen, von der anderen Seite her die Ich‐Erzählung des Verlegers Jan Wechsler, der gewissermaßen unschuldig in eine Art Komplott hineingerät. Die Aufmachung des Buches gibt ebenso wenig wie der Autor selbst einen Hinweis darauf, mit welcher Erzählung man beginnen soll und ob es eine »richtige Lesart« des Buches gibt. So wird das Buch selbst zum Objekt, Teil des literarischen Spiels, das Stein auf sehr hohem Niveau mit seinen Lesern spielt.
Denn stets wollen wir uns nicht einlassen auf das, was wir vorfinden, wir wollen eine Lesart, eine verbindliche Interpretation, also das, wogegen sich die Figur Amnon Zichroni wehrt, während der Protagonist Jan Wechsler nach genau diesen einfachen Richtlinien verlangt. Wechsler braucht Fakten – ist er ein Verwechslungsopfer oder stimmt seine eigene Erinnerung nicht? Was ist Identität?
Auf diese Weise rührt Stein an das Wesen der Dichtung selbst – was ist wahr und was ist falsch in Texten? Sind Wahr und Falsch richtige Kriterien zur Beurteilung von Literatur? Wechslers Leben – er wuchs in der DDR auf und fand erst spät zum Judentum – ähnelt in einigen Punkten durchaus dem des Verfassers Benjamin Stein: Dieser ist in Berlin geboren, fand zum Glauben, ist Verleger, war Sportler. In vielen anderen Punkten wiederum ist Wechslers Bericht reine Fiktion. Und was ist mit Amnon Zichroni? Wie viel vom Autor Stein findet sich in dieser Figur? Zumindest die große, beinahe unstillbare Sehnsucht nach Literatur ist eine, die auch der Autor teilt, so darf man zumindest annehmen, nachdem man Steins literarisches Weblog www.turmsegler.net aufgesucht hat.
Aber was soll uns das autobiografische Element im Buch interessieren – Steins in einem ungemein schönen Deutsch verfasster, zugleich tiefgläubiger und sprachskeptischer Roman handelt vom geschriebenen Wort selbst und davon, wie Geschichten zu Geschichten werden. In diesem Buch thematisiert gewissermaßen die Poesie sich selbst.
Dass es am Ende keinen Schluss gibt, sondern offene Fragen, ist kein Manko. Denn der Leser folgt dem Autor durch diesen Irrgarten des Erinnerns mit großer Begeisterung. Benjamin Steins Buch endet, wie wir es uns als Kinder gewünscht haben: Es hört einfach nicht auf, sondern lebt in uns nach. Benjamin Stein: Die Leinwand. Roman. C.H. Beck, München 2010, 416 S., 19,95 €

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