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Im Auftrag des Rabbinats

Evelyn Prizont macht es des Glamours »und des Ansehens wegen«, fügt sie leicht schmunzelnd hinzu. Die orthodoxe Jüdin in den Vierzigern ist Maschgiach, Koscher‐Aufseherin in Seattle im US‐Bundesstaat Washington. Im Auftrag des Va’ad HaRabanim verbringt sie ihre Tage mit der Überprüfung kommerzieller Küchen, um sicherzustellen, dass die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze eingehalten werden und alles, was treife ist, keine Verwendung findet.
Der Maschgiach ist der Infanterist der koscheren Lebensmittelindustrie. Tausende von ihnen reisen täglich durch die Welt, um Fabriken, Küchen, Tankfahrzeuge, Schlachthöfe, Bäckereien und Supermärkte zu überprüfen und die Essenszubereitung im Einklang mit den religiösen Vorschriften für Hotels, jüdische Schulen, Synagogen und Sommerlager zu beaufsichtigen. Sie kaschern Privathäuser, entfernen Insekten von Gemüse und inspizieren Betriebe für rabbinatszertifizierte Wein‐ und Käseproduktion. Verlässliche Zahlen liegen zwar nicht vor, doch gibt es, trotz der Tatsache, dass das jüdische Gesetz Frauen in dieser Funktion nicht verbietet, nur ganz wenige Frauen in diesem religiös gesehen sensiblen Bereich.

zugelassen Anders als bei Rabbinern und Kantoren erlaubt das jüdische Gesetz ausdrücklich, dass eine die religiösen Vorschriften befolgende Frau die Befugnis habe, die Koscherstandards in einer Küche zu überwachen. Die Kaschrut ist eines der wenigen Bereiche orthodoxen Lebens, in dem Frauen den gleichen rechtlichen Status wie Männer haben. Mit dem Wachstum der koscheren Lebensmittelindustrie steigt inzwischen auch die Anzahl der Aufseherinnen. Und allmählich bekommen sie auch professionelle Anerkennung.
Der erste Ausbildungskurs für weibliche Lebensmittelüberwacher wird diesen Herbst in Baltimore, Maryland, angeboten. Organisiert von der Agentur für Koscher‐Zertifikate, Star‐K, wendet sich das einwöchige Seminar speziell an Frauen als Aufseherinnen für Lebensmittel. Der Kurs gibt einen Überblick über die korrekten Verfahren, eine Analyse der Koscher‐Vorschriften und -Praktiken und schließt Besuche in Küchen während der Arbeitszeit ein. Für Männer gibt es diese Art von beruflicher Ausbildung schon seit Jahren.
Zael Kaner von Chabad Lubawitsch ist leitende Kaschrut‐Kontrolleurin am Pearlstone Retreat Center in Reistertown, Maryland. Ihrer Meinung nach ist es längst an der Zeit, dass Frauen in diesem Sektor die Anerkennung erhalten, die ihnen zusteht. »Jahrelang war ich neidisch auf die Männer«, gesteht sie. »Ich wollte ihre Kurse besuchen, doch es schien mir nicht richtig, in einem Raum voller Männer zu sitzen.«
Als Kaner vor 30 Jahren begann, die Einhaltung der Koscher‐Vorschriften zu prüfen, bekam sie nicht annähernd so viel bezahlt wie ihre männlichen Kollegen. Heute erhält sie bei Pearlstone ein guten Lohn und kommt in den Genuss aller Zusatzleistungen, einschließlich einer angemessenen Altersversorgung.

männerberuf Bis dahin war es jedoch ein langer Weg, auf dem sie eine Menge Vorurteile überwinden musste. Als sie 1987 nach Washington zog, bewarb sie sich bei einem lokalen Koscher‐Ausschuss. »Die fragten: ›Warum wollen Sie das machen? Es ist eine schmutzige Arbeit‹«, erinnert sie sich. Vor sechs Jahren in Great Neck, New York, wurde Kaner sogar ganz unverblümt mitgeteilt, sie könne sich die Mühe einer Bewerbung sparen, da nur Männer eingestellt würden.
Rabbiner Mayer Kurcfeld von der Star‐K‐Agentur beaufsichtigt eine Gruppe von Kontrolleurinnen. Seiner Ansicht nach sind diese oft besser als Männer, da sie es mit den Details sehr genau nehmen. »Sie sind äußerst sorgfältig«, sagt er. »Sie lassen sich nicht beirren – entweder etwas ist richtig oder falsch. Ein Mann hat die Neigung, erst einmal eine talmudische Analyse durchzuführen. Ich möchte keine talmudische Analyse. Die Arbeit eines Masch‐
giach ist, zu sehen, zu hören und Bericht zu erstatten.« Die meisten Kaschrut‐Aufseherinnen arbeiten in der Nahrungsmittelindustrie, und sie sind vor allem in kleineren Städten anzutreffen. In New York und Los Angeles gibt es viele orthodoxe Männer, die die Stellen besetzen.
Prizont ist eine der wenigen Frauen mit einem Vollzeitjob. Viele sind Mütter mit kleinen Kindern und können nur Teilzeit arbeiten. Prizonts kontrolliert eine ganze Reihe von Einrichtungen: ein Altenheim, ein chinesisches Restaurant, einen Bagelladen, eine Feinkostabteilung, einige Biolebensmittelläden und die Hillel‐Küche der University of Washington. Bei der Arbeit packt sie aber auch an. Sie überprüft frisches Gemüse auf Insektenbefall, klettert in Schränke und durchwühlt beim Großhändler die Mülltonnen, um sicherzustellen, dass Bohnen, Reis und Müslimischungen auch ein Koscherzertifikat haben.
Prizont ist zierlich und spricht mit leiser Stimme, sodass es auf den ersten Blick scheinen mag, dass sie abgebrühten Berufs‐
köchen nicht besonders große Angst einjagt. »Doch unterschätzen Sie nie die Macht des Lippenstifts«, gibt sie zu bedenken. »Ich sammle viele Informationen. Mein Job ist wie der eines Rauschgiftfahnders. Ich mache Stippvisiten und bin dann wieder weg. Daher muss ich auf persönliche Beziehungen bauen, darauf, dass die Leute offen und ehrlich mit mir sind.«

mit charme Prizont sieht sich als Frau im Vorteil. Sie ist überzeugt, man empfinde sie als weniger bedrohlich als einen Rabbiner, also einen eher typischen Aufseher. Ein Küchenarbeiter in einem Restaurant, »der mich aus irgendeinem Grund mochte«, gab ihr Hinweise über Ver‐
stöße gegen die Kaschrut und beschuldigte einen Kollegen, Geräte für Milch mit solchen für Fleisch durcheinandergebracht und Gemüse verarbeitet zu haben, das nicht auf Befall überprüft worden war. Die Tatsache, dass Prizont Spanisch spricht, ist dabei hilfreich, da viele Küchenhilfen Spanisch sprechen. »Er flehte mich an, niemandem zu sagen, dass der Hinweis von ihm stammte«, sagt sie.
Als Kaners Sohn, der heute an der Mir Yeshiva in Jerusalem studiert, klein war, nahm sie ihn im Kinderwagen mit zur Arbeit. Die Kellner spielten mit ihm, während sie in der Küche kramte. Das war, sagt sie, wie wenn ein Mann mit seinem Hund spazieren geht – Babys haben eine entwaffnende Wirkung auf die Leute, sodass sie weniger auf der Hut sind. Kaner und Prizont versichern beide, sie hätten keine Angst davor, hart gegen Übertreter der Koschervorschriften vorzugehen. Sie können Geldstrafen verhängen oder dem Etablissement das Koscher‐Zertifikat wegnehmen. »Ich habe mit einigen hochkarätigen Köchen zu tun, Riesenkerlen mit scharfen Messern«, sagt Prizont. »Sie kommen ins Schwitzen, wenn ich auftauche. Sie sehen mich den Kopf schütteln über irgendetwas am andern Ende des Raums und werden nervös. Ich übe Macht aus, und sie wissen das.« Kurcfeld ist mit den weiblichen Kaschrut‐Aufsehern sehr zufrieden. »Sie sind hart im Nehmen«, sagt Kurcfeld, »sie sind nicht so leicht einzuschüchtern.«

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