siedler

Ideologiefrei im Grünen

Hinter dem Haus steht ein junger Olivenbaum. Dieses Jahr trägt er die ersten Früchte. Klein und hart sind sie noch, brauchen Zeit zum Reifen. Daneben steht eine Bank aus Holz. Manchmal, wenn sie Zeit hat, sitzt Meirav hier und lässt ihren Blick schweifen. In der Ferne sieht sie die Hochhäuser von Tel Aviv. Unwirklich se‐
hen sie aus, gleichsam nah und doch so weit. Schaut sie etwas weiter rechts, dann sieht sie die Mauer. Jene, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt. Meirav Gottlieb ist jüdische Israelin. Ihr Zuhause jedoch liegt jenseits der Mauer in der Siedlung Shaarei Tikva in der Westbank.
»Wenn man so will, dann bin ich wohl eine Siedlerin«, sagt sie und schmunzelt. Wem sich jetzt das Bild eines Fanatikers mit Maschinengewehr quer über dem Rü‐cken und der gehäkelten Kippa auf dem Kopf aufdrängt und sich Meirav als seine Frau in Kopftuch, langem Rock und be‐
deckten Armen vorstellt, der scheint Opfer ausgiebigen Konsums einseitiger Bericht‐erstattung zu sein. Die 36‐Jährige mit den langen hellblonden Haaren trägt enge Jeans, T‐Shirt und einen Silberring am kleinen Zeh. »Ich denke von mir, dass ich eine recht normale Person in einer völlig absurden Situation bin«, witzelt sie und hat dieses Lachen auf den Lippen, dass sie im Handumdrehen sympathisch macht.
Etwa 20.000 jüdische Israelis leben in diesem Teil des Jordanvorlandes. Nach An‐
gaben der hiesigen Verwaltung nimmt die Bevölkerung durch natürliches Wachstum sowie den Zuzug neuer Familien jedes Jahr um sieben Prozent zu. In seiner Grund‐
satzrede hat der US‐Präsident Barack Oba‐
ma gefordert, für einen Frieden mit den Palästinensern sämtlichen Ausbau aller jüdischen Siedlungen zu stoppen. Auch in Shaarei Tikva.

Lebensqualität Meirav serviert eisgekühlten Kaffee und selbst gebackene Schokoladenrolle, »von meiner Mutter, leider schaffe ich das meist nicht«, unterhält sich, versucht vergeblich Ordnung ins Spielzeug auf dem Boden zu bringen und kümmert sich um das Abendessen ihrer drei Kinder Eylon (7), Schachaf (6) und Noga (1,5). Als ihr Mann vor neun Jahren eine Stelle als Dozent am College der jüdischen Westbank‐Stadt Ariel bekam, zog sie mit ihm in die Siedlung Shaarei Tikva etwa 15 Minuten von Rosch HaAijn im israelischen Kernland entfernt. »Es war viel günstiger, wir konnten uns ein Cottage mit riesigem Garten für 400 Dollar mieten. In Israel wä‐re das nie möglich gewesen.« Ideologie, das Land für Juden zu beanspruchen und zu besiedeln, habe es für sie nicht gegeben.
»Und gibt es bis heute nicht.« Da ist Meirav strikt. Damals habe sie große Zweifel gehabt. Die Bilder von anderen Siedlungen tief in der Westbank und im Gasastreifen waren ihr ins Gedächtnis gebrannt. »Schießereien, Menschen in Angst. Das wollte ich wahrlich nicht haben.« Ein erster Besuch überzeugte sie. »Es war so grün, ruhig und schön hier.« Ihre Ehe ging in die Brüche, doch sie blieb in Shaarei Tikva als alleinerziehende Mutter. Obwohl sie an der Tel Aviver Universität als Sozialarbeiterin arbeitet und täglich bis zu eineinhalb Stunden pro Strecke im Auto sitzt. »Es lohnt sich. Die Lebensqualität für mich und meine Kleinen ist es allemal wert.«
Hinter dem Haus gibt es einen riesigen Park, wo die Kinder ausgelassen toben können, bis es dunkel wird. Die Natur, die frische Luft, das sei alles anders als in der Stadt. Vor allem jedoch lobt sie den Zu‐
sammenhalt der Gemeinde, in der 1.000 zumeist junge Familien leben. »Als ich mein letztes Baby bekam, musste ich vier Monate nicht kochen, keine Wäsche ma‐
chen, das alles haben Nachbarn für mich erledigt. In Tel Aviv gibt es das nicht.« Die Furcht, das jetzt zu verlieren, ist nicht real.

WeltPolitik »Der Druck der USA auf Israel ist groß, ich weiß. Aber ich glaube nicht, dass wir die Siedlungen aufgeben müssen, die so nah am Kernland liegen.« Dennoch geht die Angst um. Bei der jungen Mutter wie bei ihren Nachbarn. Was, wenn sich ihr Nachwuchs hier nicht mehr niederlassen darf?
»Der Gedanke ist so schmerzhaft, dass ich ihn kaum zu denken wage.« Auf einmal ist ihr einnehmendes Lachen verschwunden. »Meine Kinder sind mein Leben, na‐
türlich will ich, dass sie neben mir wohnen können, die Möglichkeit haben, sich in ih‐
rem Heimatort ein Leben aufzubauen. Es ist nicht fair und tut mir in der Seele weh, dass wir behandelt werden, als seien wir nur Besucher. Es ist unser Zuhause hier. Wir tun doch niemandem weh.«
David Ha’Ivri ist politischer Berater der Schomron‐Verwaltung. Er ist entsetzt über Obamas Absichten: »Es ist in keiner Weise legitim. Wo in der Welt müssen Menschen ihre Heimat aufgrund der Religion verlassen? Wo sagt man, Kinder dürfen nicht dort wohnen, wo ihre Eltern leben? Überall würde es als Rassismus bezeichnet, be‐
gleitet von einem riesigen Aufschrei.« Die 100 Gemeinden in der Westbank seien na‐
türlich besiedelt und gewachsen, erklärt Ha’Ivri und es sei falsch, den jungen Menschen, die hier aufgewachsen seien zu sa‐
gen, ihr dürft euch nicht mehr niederlassen. »Ich kenne viele, die heiraten und ein Haus neben den Eltern bauen wollen. Sie wissen nicht, ob sie es noch können. Es ist schrecklich.«
Auf Meiravs Wohnzimmertisch liegt ein Zettel, der heute im Briefkasten steckte. »Mitteilung über die jungen Wohnorte« steht da in dicken Lettern mit orangefarbener Umrandung. Mit den »jungen Wohnorten« sind die illegalen Siedlungen, oft nicht mehr als ein paar Bauwagen oder Container gemeint, die jetzt zusehends von der israelischen Regierung geräumt werden. »Ich lebe in dieser Siedlung, weil ich mich hier wohlfühle, nicht weil es um eine Ideologie geht. Das aber sind irre Hardcore‐Siedler, mit denen ich nichts am Hut habe«, macht Meirav klar und zeigt auf das Papier. »Viele von denen rufen ›Tod den Arabern‹. Ich kann das nicht ertragen.«
Die Menschen im arabischen Dorf ne‐
benan, dessen Namen Meirav vergessen hat, haben auch Olivenbäume. »Wir ha‐cken sie nicht ab«, sagt sie bevor sie sich verabschiedet und einen sicheren Heimweg wünscht. »Wir wollen, dass auch bei den Leuten dort die Oliven wachsen und gedeihen. In Frieden für sie und für uns.«

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