Rivka Yezersky

»Ich würde mein Leben wieder so leben«

von Barbara Wagner

Die Gemeinde Gießen feiert. Und Rivka Yezersky steht im Mittelpunkt. Immer wieder kommen Gratulanten an den Tisch, die ihr zum 100. Geburtstag alles Gute wünschen. Masel tov! Trubel – es ist kaum möglich, sie für ein paar Sätze ungestört zu sprechen. Aufmerksam hört sie dann zu. Sie versteht Deutsch, antwortet aber auf russisch, Tochter Tamara Raevska übersetzt.
Die Zeiten waren unruhig, als die Mutter, damals hieß sie Rivka Fried, am 28. Dezember 1905 geboren wurde. In einer kleinen Siedlung nahe der Stadt Gomel in Weißrußland kam sie zur Welt. Die kleine Rivka, liebevoll Riveka genannt, mußte versteckt werden. Also brachten die Eltern, der Förster Jakob Fried und seine Ehefrau Sophie, das Wickelkind in ein sicheres Versteck: in den Keller. Unter Zar Nikolaus II. kam es zu dieser Zeit häufig zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Hunderte von Ortschaften in Rußland waren betroffen. Die revolutionäre Stimmung, die viele Menschen damals bewegte, diente den Zartreuen wiederholt als Vorwand für blutige Übergriffe.
Zwölf Jahre alt war Rivka, als die Revolution 1917 das alte Zarenreich beendete. Der Kommunismus bot ganz neue Möglichkeiten. Die Religion sollte in dieser Ordnung keine Rolle mehr spielen. 1928 heiratete Rivka den Ingenieur Boris Yezersky. Sie lebten in Charkow in der Ukraine. 1928 kam ihr erstes Kind zur Welt, Tamara. Das Ehepaar bekam später noch zwei Söhne, Boris und Leonid.
In der kommunistischen Sowjetunion waren Kinder für die Mutter kein Grund, zu Hause zu bleiben. Rivka, ausgebildete Sekretärin, arbeitete in verschiedenen Büros und war politisch aktiv. Sie leitete die Frauenbewegung eines Betriebes und war Abgeordnete im Stadtrat. 1936 wurde sie als Delegierte von Stalin empfangen. »Dort gab es Geschenke und Auszeichnungen«, erinnert sie sich.
Doch schon ein Jahr später, 1937, wurde der Familie klar, wie dicht Aufstieg und Fall in der stalinistischen Sowjetunion beieinander lagen. Einer von Rivkas Brüdern, Redakteur einer großen Zeitung, wurde in Moskau in der Straßenbahn verhaftet und bald darauf erschossen. Von den Umständen seines Todes erfuhr die Schwester erst 60 Jahre später. Tausende Menschen wurden damals als vermeintliche Gegner des Regimes ermordet. Dabei waren viele von ihnen aufrechte Kommunisten. Sechs weitere Familienangehörige fielen diesen »Säuberungen« zum Opfer.
1942, zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges – so nannte man den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion – berief das Volkskommissariat für Schwerindustrie Rivkas Mann, den Ingenieur Boris Yezersky, in den Fernen Osten, nach Komsomolsk, eine Industriestadt am Amur. Dort wurde Rivka Chefsekretärin. Die deutsche Armee hatte die Sowjetunion überfallen, das ferne Sibirien blieb für die Angreifer jedoch unerreichbar. Vom deutschen Faschismus mit seinem Rassenwahn blieb die Familie Yezersky daher verschont. Rivkas Schwestern und Brüder, die aus ihrer Heimat Weißrußland nach Polen gegangen waren, wurden von den Deutschen ermordet.
Nach dem Krieg kehrte Rivka mit ihrer Familie in die Ukraine zurück. 1973 starb ihr Mann. 46 Jahre waren sie verheiratet. Seit nunmehr 32 Jahren ist die heute 100jährige Witwe. Die jüdische Religion hat in ihrem Familienleben in der Sowjetunion nie eine Rolle gespielt. Religionsausübung sei streng verboten gewesen, erzählt Tochter Tamara. Nur heimlich, in den eigenen vier Wänden, waren religiöse Zeremonien möglich. Erst in Gießen haben sie zur Religion gefunden, sagen Mutter und Tochter. Seit 1996 lebt Rivka Yezersky in Deutschland. Als sie kam, war sie 91. Ihre Tochter Tamara, eine pensionierte Lehrerin, war bereits zwei Jahre vorher ausgewandert.
Die Wahl des neuen Lebensmittelpunktes sei eine Existenzfrage gewesen, sagt Tochter Tamara. Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in der Ukraine waren denkbar schlecht. Aussicht auf Besserung gab es kaum. Rivkas Schwiegersohn, Tamaras Mann, war in der Ukraine gestorben, und die Enkeltochter, von Beruf Zahnärztin, wollte einen Neuanfang in Deutschland wagen. So gingen Tochter und Enkeltochter nach Deutschland. Rivka blieb allein zurück. Ihr Sohn Boris mußte sich um seine kranke Frau kümmern, und Sohn Leonid war zu seiner Tochter nach Israel ausgewandert.
Doch der Wunsch, mit ihrer Tochter Tamara zusammenzuleben, wurde für Rivka größer als die Angst vor völlig neuen Lebensumständen fern der Heimat. Und so entschloß sie sich, auch nach Deutschland zu gehen.
In den ersten Jahren in Gießen war Rivka Yezersky noch sehr gesund. Gemeinsam mit ihrer Tochter nutzte sie ausgiebig die kulturellen Angebote. In viele Konzerte seien sie gegangen, und Busreisen hätten sie unternommen, erzählt Tamara. Dann kamen Operationen. Seit drei Jahren können Rivka und Tamara nicht mehr auf Reisen gehen. Es sei überhaupt erstaunlich, daß ihre Mutter heute wieder so mobil ist, sagt die Tochter voller Bewunderung.
In der Ukraine ist Rivka Yezersky nach ihrer Ausreise nicht mehr gewesen. »Das war nicht mehr möglich«, sagt Tamara, die selbst auch schon zehn Jahre nicht mehr dort war. Ihre gemeinsame Heimat sei jetzt die jüdische Gemeinde. Regelmäßig kommen Mutter und Tochter in die Synagoge. Nach vielen Jahrzehnten ohne religiöses Leben steht das Judentum nun im Mittelpunkt. Sie hören Vorträge und Lesungen, machen sich mit dem Glauben vertraut, mit Bräuchen und Festen.
Wie sehr die Gemeinde zur gemeinsamen Heimat geworden ist, wird auch bei der Geburtstagsfeier deutlich. Viele Gäste kommen, um die Jubilarin zu beglückwünschen. Arrangiert von der Gemeinde spielt Musik auf, werden Gedichte vorgetragen und Reden gehalten.
Die 100jährige lauscht mit wachen Augen den Vorführungen, die zu ihren Ehren geboten werden. Man spricht russisch. Den Gratulanten hält Rivka Yezersky sehr lange und intensiv die Hand und schaut ihnen in die Augen, als wolle sie auf diese Art ergründen, was sie noch zu sagen haben.
»Ich würde mein Leben wieder so leben«, sagt Rivka Yezersky. Die 100jährige blickt mit milder Nachsicht auf die Vergangenheit. Die Schreckenszeit unter Stalin, der Verlust der Verwandten in Polen. Sie hätte auch zu einem anderen Urteil kommen können. Das habe etwas mit der sowjetischen Mentalität zu tun, versucht die Tochter zu erklären: Ändern kannst du ohnehin nichts.
Die ersten Tage im Keller versteckt, den 100. Geburtstag hinter den verschlossenen und bewachten Türen der jüdischen Gemeinde in Gießen. Fast scheint sich der Lebenskreis symbolisch zu schließen. Jüdisches Leben bleibt weiterhin bedroht.

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