Ilja Strambrand

»Ich würde gern mal was verkaufen«

Ich komme aus Odessa. Dort wurde ich 1927 geboren. Mein Vater war Maler, ein ordentlicher Anstreicher. Leider starb er viel zu früh, jedenfalls kehrte er aus dem Großen Vaterländischen Krieg nicht zurück. Und meine Mutter, eine Hausfrau, blieb allein mit mir und meinem Bruder, der heute in Kanada lebt. Mutter hat uns beide durchgekriegt. Wir hatten es nicht einfach, doch später fand ich eine gute Stellung in Feodosiya, einer Kleinstadt auf der Insel Krim. Ich wurde Hauptbuchhalter im Handelshafen. 43 Jahre habe ich dort gearbeitet, bevor ich im April 2003 mit meiner Familie nach Deutschland kam.
Nun sitze ich hier in Frankfurt (Oder) und tue, was ich schon immer in meinem Leben machen wollte: Modelle bauen. Richtige originalgetreue Modelle aus Holz. Zwei davon kann man schon besichtigen. Sie stehen beide im ersten Stock unseres Gemeindehauses: Das eine zeigt die frühere Frankfurter Synagoge, das andere den ersten Jerusalemer Tempel. Doch am liebsten baue ich Modelle von alten Schiffen nach. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Zeit meines Lebens immer an der See gelebt habe und sie nun hier ein wenig vermisse.
Auch die Freude, die ich beim Umgang mit einem Werkzeug empfinde, ist nicht neu. Angefangen hat das mit dem Handwerken bei mir schon in der Ukraine. Ich war zwar im Hauptberuf Buchhalter, aber in meiner Freizeit habe ich viel gewerkelt. Wir brauchten zu Hause nie einen Elektriker, und ich wäre ganz sicher auch ein guter Architekt geworden, hätte mir das Leben andere Karten gegeben. Was ich sagen will: Modelle zu bauen, passt ganz gut zu mir. Es ist für mich wie die Erfüllung eines alten Traumes. Er wurde wahr, als mir vor drei Jahren unser Gemeindevorsitzender im Keller des Hauses einen kleinen Raum als Werkstatt zur Verfügung stellte. Diesen Rückzugsort habe ich mir dann Stück für Stück eingerichtet. Inzwischen ist alles da – von der Kreissäge bis zum Schmirgelpapier, vom Zeichenstift bis zum Lackpinsel. Manchmal muss ich zwar ein bisschen suchen, weil beim Arbeiten auf der Werkbank und in den Regalen schnell alles durcheinander gerät, aber ich bin zufrieden.
Mein erstes Modell war eine russische Fregatte aus der Zeit Peters des Großen, ein Schiff aus dem 17. Jahrhundert. Fast sieben Monate habe ich daran gebaut, und es hat mir nach der Fertigstellung so gut gefallen, dass ich ein Jahr später erneut ein Schiff angefangen habe: die »Wappen von Hamburg«, eine schwere deutsche Fregatte. Ein Modell, das mich ein ganzes Jahr Arbeit gekostet hat. Und inzwischen arbeite ich schon wieder an einem Schiffsmodell. Seit drei Monaten baue ich die »Hoffnung« nach, ein russisches Forschungsschiff aus dem Jahre 1803, das unter Admiral Krusenstern fuhr.
Das nötige Holz für all diese Projekte bekomme ich geschenkt. Das heißt: Für den Bau des jüdischen Tempels und der Synagoge habe ich das Material von unserer Gemeinde bekommen. Und bei den Schiffsmodellen hilft mir immer einer meiner Söhne, der heute in Kanada lebt. Er arbeitet dort in einer Sägerei und schickt mir wunderbar leichtes kanadisches Holz. Ansonsten fallen ja kaum Materialkosten an. Nur für Klebstoff, Nägel, Lack und kleine Werkzeuge muss ich Geld ausgeben. Aber das hält sich in Grenzen, mehr als 70 Euro pro Projekt sind es nicht. Ein wirklich großer Posten ist eigentlich nur meine Arbeitszeit, aber die bezahlt ja niemand.
Ich würde gerne mal ein Modell verkaufen. Aber das ist schwer. Hier in Frankfurt gibt es niemanden, der dafür Geld ausgibt. Ich habe es versucht: Ein halbes Jahr lang stand die »Wappen von Hamburg« im Modellbaumarkt. Der Geschäftsführer sagte, ich soll 800 Euro dafür nehmen. Das detailgetreue Schiff ist etwas über einen Meter groß. Naja, nun steht es wieder bei mir.
Aber als wir in diesem Jahr zum Purimfest das Modell des fertig gestellten jüdischen Tempels hier im Gemeindehaus präsentierten, da habe ich gemerkt, was meine Arbeit auslösen kann: Die Gäste haben gestaunt, und die Kinder hatten große Augen. Ich mache das Ganze ja gemeinsam mit den Kindern. Jeden Sonntag unterrichte ich in meinem Keller von 12 bis 15 Uhr Modellbau und zeige ihnen, wie man die Werkzeuge richtig einsetzt und worauf man achten muss. Die basteln dabei ihre eigenen kleinen Sachen oder helfen mir – ganz wie sie wollen.
Unter der Woche arbeite ich alleine. Die Tage laufen alle ziemlich ähnlich ab. Mein Wecker klingelt stets um 5.30 Uhr. Dann stehe ich auf und bereite für mich und meine Frau Olga das Frühstück vor. Wenn dann auch sie aus dem Bett geklettert ist, essen wir gemeinsam und gehen gegen 10 Uhr zusammen zur Arbeit. Das heißt: zur Gemeinde, wo meine Frau als Buchhalterin arbeitet und ich bis 14 oder 15 Uhr im Keller verschwinde. Anschließend machen wir uns wieder gemeinsam auf den Heimweg.
Zu Hause wasche ich mich dann erst einmal, weil die Kellerstunden oft wirklich schwere Arbeit sind. Ja, und dann lese ich oder schreibe Briefe an meine Söhne. Von meiner Familie wohnt in Frankfurt, außer Olga, noch mein jüngster Sohn Paul, er ist 20 Jahre alt, sowie Anna, die kleine Enkeltochter meiner Frau. Doch die Familie ist noch größer. Sowohl meine Frau als auch ich waren vorher schon einmal verheiratet. Einer meiner Söhne lebt in Moskau und der andere – der, der mir das schöne Holz schickt – in Vancouver.
In meiner freien Zeit löse ich oft Kreuzworträtsel und schaue bestimmt drei Stunden Fernsehen pro Tag. Russische Sendungen natürlich, die wir über Kabel‐TV empfangen. Ja, so sieht ein gewöhnlicher Tag bei mir aus, unterbrochen nur von Arztbesuchen oder schlechtem Wetter. Denn bei starkem Wind und Regen habe ich keine Laune, was zu schaffen. Dann bleibe ich zu Hause und lese. Inzwischen haben wir unsere eigene kleine Bibliothek mit bestimmt 250 Büchern. Vor allem historische Geschichten, Detektiv‐Romane, aber auch Bücher über Pflanzen und übers Nähen, die meine Frau liest. Oder Kampfsport‐Bücher, die meinen jüngsten Sohn interessieren. Zusammen bestellen wir jeden Monat bestimmt für rund 50 Euro russische Bücher.
Ein Buch in der Sammlung habe ich übrigens selbst geschrieben. Es heißt »Schwere Wege im Leben« und ist ein historischer Roman. Kein Tagebuch, aber es basiert auf meinen Erlebnissen von der Kindheit bis zur Ausreise nach Deutschland. Ich habe das Buch geschrieben, um die Schrecken zu verarbeiten. Das Bild des Krieges ist mir bis heute immer im Gedächtnis, vor allem unsere Flucht damals per Schiff aus Odessa und meine schwere Verwundung kurz zuvor. Ich war bei einem Angriff der deutschen Luftwaffe von umherfliegenden Trümmern am Bein getroffen worden. Zuerst nahm ich die Sache nicht so ernst, ich stand unter Schock. Aber später lag ich dann anderthalb Jahre mit Knochen‐Tuberkulose im Hospital. Viele Monate lief ich nur an Krücken, und bis heute bereitet es mir Probleme, längere Strecken zu gehen oder im Garten zu arbeiten. Oft wünsche ich mir, die Schmerzen wären nicht da.
Ansonsten hoffe ich, noch einige Modelle machen zu dürfen. Neulich habe ich in einer Zeitschrift eine Zeichnung des zweiten Jerusalemer Tempels gesehen. Den will ich auch bald bauen – wenn ich gesund bleibe und voller Kraft. Ich wünsche es mir – genauso wie eine gute Ausbildung für meinen Sohn Paul.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

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