Rina Otterbach

»Ich vermisse den Respekt«

Mein Name ist Rina Otterbach, ich bin eine geborene Menda. Dieser Name kommt aus Spanien – so wie die Sprache meiner Eltern, das Ladino. Die Wurzeln meiner Familie liegen aber in Südeuropa. Geboren und aufgewachsen bin ich in Israel, in Beit Halevi, einem Moschaw mit rund 50 Familien nördlich von Tel Aviv. Mein Geburtstag ist der 31. März 1954. Ich habe einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, die beide in Israel leben. Mir war das Leben in Beit Halevi sehr schnell zu eng. Ich wollte die Grenzen sprengen, wollte in die Stadt und mehr erleben, als es in einem Moschaw möglich ist.
Eine Gelegenheit bot sich, als ich das Gymnasium besuchte und dort ein Schüleraustausch mit Deutschland initiiert wurde. Es gab Aufregung deswegen. Wir waren die erste Generation nach der Schoa, und viele meiner Mitschüler waren Kinder von Überlebenden. Sie hatten große Schwierigkeiten, sich mit der Idee anzufreunden. Der Austausch hat aber stattgefunden, denn er war ein Projekt des Landkreises. Und so bin ich mit 17 Jahren als Schülerin zum ersten Mal nach Deutschland gekommen – und habe dabei jemanden kennengelernt. Einen jungen Mann aus der Stadt Singen in Westdeutschland, mit dem ich heute verheiratet bin. Ich sage immer: Das Ziel des Austauschs war die Verständigung der Jugend, und wir zwei haben dieses Ziel sehr ernst genommen.
Anschließend habe ich in Israel Abitur gemacht, Militärdienst geleistet und studiert. Mit dem jungen Mann bin ich während dieser Zeit in Briefkontakt geblieben. Er kam mich zwei‐, dreimal besuchen, blieb dabei immer länger, und dann haben wir beschlossen, dass wir zusammenbleiben wollen. Gemeinsam sind wir nach Deutschland gegangen, nachdem wir uns zunächst erkundigt hatten, ob er in Israel arbeiten könnte. Aber die Bedingungen waren schlecht, er hätte erneut seine Befähigung prüfen lassen müssen, und das Gehalt wäre äußerst gering gewesen, so dass wir davon kaum hätten leben können. Man hat ihm ein Monatsgehalt von 1.800 Schekel geboten, und nach dem Gespräch haben wir in Tel Aviv für 300 Schekel zwei Portionen Eis gegessen. Es war eine schlimme Zeit damals in Israel. Die Inflation lag bei 800 Prozent, die politische Lage war aufgeheizt. Da war die Hetze gegen die Arbeitspartei. Jeder, der anders war und anders dachte, wurde als Verräter beschimpft. Schlimm war das. Ich erlebte die Ankunft in Deutschland mit einem Gefühl der Erleichterung und Erholung. Aber natürlich blieb Israel mein Land – und das ist es bis heute.
Weit über 20 Jahre sind seitdem vergangen. Zuerst lebten wir in Köln, Mitte der 80er‐Jahre zogen wir mit unserem Sohn nach Berlin. Mein Mann konnte in Köln als Lehrer keine Arbeit bekommen. Außerdem wurde einer meiner Professoren – ich studierte damals in Köln Judaistik – vor meinen Augen erschossen. Die Täterin war eine psychisch kranke Frau, eine ehemalige Studentin, die zum Judentum übergetreten war. Ein weiterer Hochschullehrer, den sie verwundet hatte, glaubte, hinter der Tat stecke der israelische Geheimdienst und verdächtigte ganz konkret auch mich. Das war Antisemitismus, ich erfuhr ihn am eigenen Leib. Ich war schockiert und hatte das Gefühl, es sei Zeit zu gehen.
In Berlin gab es damals einen Professor, Peter Schäfer, der mich als Tutor für hebräische Sprache an das Institut für Judaistik an der Freien Universität holte. Das war großes Glück, obwohl ich mein Studium dann nicht beendete. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen und brauchte Abstand zu den Erlebnissen in Köln. Das Ganze hat mich verändert.
Ich begann, alles zu verachten, was mit dem Prädikat akademisch daherkam. Es war vielleicht dumm von mir, aber es verdeutlicht die Krise, in der ich mich befand. Für mich vollzog sich damals ein tiefer Bruch in der Haltung gegenüber Titeln. Ich kann heute sagen: Was mir geholfen hat im Leben, waren nicht Beziehungen, sondern Begabungen. Auch zu meinem jetzigen Beruf bin ich gekommen, weil ich zur Zufriedenheit von Schülern und Eltern unterrichtete, und es gab Leute, die das erkannt haben.
Ich wurde gebeten, in der jüdischen Schule zu arbeiten. Zunächst hatte ich abgelehnt, aber dann gemerkt, dass ich als Freiberuflerin nicht genug Geld verdiene. Angefangen habe ich in der Grundschule – zu‐ nächst mit Umgewöhnungsschwierigkeiten, denn ich musste lernen, wie man es schafft, Kinder zur Ruhe zu bringen. Nach zwei Jahren bin ich an die Oberschule gewechselt und wurde sofort Fachleiterin für Hebräisch. Ich habe das Fach – soweit ich konnte – ausgebaut und die Rahmenplanung bis zum Abitur geschrieben. Außerdem habe ich Religionsunterricht gegeben und war lange Zeit zuständig für die Gestaltung der jüdischen Feiertage. Es ist mir gelungen, dass die Schüler der 11. Klasse nun regelmäßig nach Polen fahren und dort am »March of the Living« teilnehmen. Und ich habe mit dafür gesorgt, dass der 10. Jahrgang in diesem Jahr erstmals einen längeren Aufenthalt in Israel verbrachte und gleichaltrige Israelis erlebte.
Ich möchte, dass die Kinder lernen, einander zu respektieren und Schule und Synagoge mit Achtung betreten. Ich vermisse bei einigen den Respekt vor dem, was sie haben. Da werden Kaugummis auf den Boden gespuckt … Es gibt auch bei uns das Phänomen des Vandalismus. Seit drei, vier Jahren haben wir in der Schule damit zu tun. Die Klasse, die ich leite, versuche ich für solche Themen sensibel zu machen. Ich möchte, dass meine Schüler verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft werden. Als Kind habe ich unsere idealistischen Lehrer im Moschaw nicht ernst genommen, aber heute versuche ich, ihren Idealismus weiterzugeben.
Jeden Tag unterrichte ich bis 15 oder 15.30 Uhr. Dann komme ich nach Hause und habe ab 16.15 Uhr vielleicht etwa vier Stunden, um mich auszuruhen, das Abendbrot zu machen und der Familie Aufmerksamkeit zu schenken. Von 21 bis 23 Uhr sitze ich dann am Schreibtisch und bereite den nächsten Schultag vor. Es gibt stets viel zu planen, weil wir kein normales Lehrbuch haben. Wir arbeiten mit Büchern, die für Einwanderer in Israel geschrieben wurden und nicht für deutsche Schüler an einem jüdischen Gymnasium.
Das Wochenende verläuft natürlich anders. Der Freitag nach der Schule und der Samstag sind für mich wichtige Tage. Da schalte ich den Alltag ab und bin ganz für die Familie da. Oft kommen mein großer Sohn und meine Schwiegertochter zum Schabbat‐Essen. Es ist schön, dass wir uns regelmäßig einmal in der Woche treffen. In meinen Augen sind das wichtige soziale Aspekte im Judentum. Manchmal lade ich auch Freunde dazu ein, dann wird es noch feierlicher. Ja, und am Sonntagnachmittag sitze ich wieder am Schreibtisch, bevor am Montag die Unterrichtswoche beginnt. Mein Wecker klingelt dann um 6 Uhr oder 6.30 Uhr. Das kommt darauf an, ob ich zur ersten oder zur zweiten Stunde in der Schule sein muss.
In meiner wenigen Freizeit sitze ich gerne vor dem Computer und sehe mir Artikel über Israel an. Wenn etwas mehr Zeit bleibt, lese ich Bücher, und auch hier versuche ich, auf dem Laufenden zu bleiben, was die moderne israelische Literatur angeht. Es fällt mir ja viel leichter auf Hebräisch als auf Deutsch. Deutsch lese ich, Hebräisch schlucke ich. Ehrlich gesagt: Bevor ich an der jüdischen Oberschule angefangen habe, wäre ich gern nach Israel zurückgekehrt. Ich war lange Zeit unzufrieden in Deutschland und habe meine Heimat vermisst. Als ich aber die Lehrerstelle hatte, war für mich klar, auch hier ist eine Aufgabe zu erfüllen. Ich konnte es dann mit meinem Gewissen besser vereinbaren. Aber wenn ich in Rente gehe, dann überlege ich neu. Natürlich möchte ich meine beiden Söhne regelmäßig sehen, aber ich wäre auch gerne mehrere Monate am Stück in Israel. Meine Eltern leben noch, und gerade in letzter Zeit ist es mir sehr wichtig geworden, sie dort immer wieder zu besuchen.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

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