Anita Kaminski

„Ich muss Prioritäten setzen“

Früher hätte ich meinen Platz gern in Israel gesehen. 1972, nach dem Abitur, wollte ich weg von München, nach Jerusalem. Mein größter Traum war, dort an der Hebräischen Universität zu studieren. Es war ein Stück weit die Angst, Nationalismus und Rassismus könnten doch ein Teil dieser deutschen Gesellschaft sein. Ich hatte nicht dieses Grundvertrauen, dass ich hier zu Hause bin, dass ich hier sicher leben kann. Meine Eltern stammen aus Polen und sind beide Überlebende des Holocaust. In dem Moment aber, als mein Mann und ich uns entschlossen hatten, hier in meiner Geburtsstadt München eine Existenz aufzubauen, war das Thema für mich abgeschlossen. An dem Punkt habe ich mich entschieden, mich auch mehr mit dem jüdischen Leben hier zu befassen. Ich dachte, wenn ich hier lebe, will ich auch etwas dazu beitragen, dass Normalität entstehen kann.
Mein Mann und ich hatten schon zu Abiturzeiten ein enges Verhältnis, wir haben früh eine Familie gegründet. Er ist in einem DP‐Camp in Italien geboren und wanderte mit den Eltern nach Israel aus. Als Elfjähriger kam er nach Deutschland und wäre später eigentlich gern zurück nach Israel gegangen, hätte dort aber sein Studium nicht beenden können. Nathan Moshe ist Urologe und Anästhesist. Wir haben dann gemeinsam seine Praxis aufgebaut, und ich habe mein Sozialpädagogikstudium an den Nagel gehängt. Damals war gerade unser drittes Kind auf die Welt gekommen.
Inzwischen kümmere ich mich schon seit 20 Jahren um das Management der Praxis. In der Regel bin ich montags bis donnerstags von 9 bis 14 Uhr dort. Ich mache den ganzen wirtschaftlichen Teil und bin die Feuerwehr, die überall einspringt, wo es nötig ist. Normalerweise mache ich den Empfang, kontrolliere die Termine. Wir haben eine große Praxis mit mehreren Ärzten und zehn Mitarbeitern. Ich bin für Inserate und Einstellungen zuständig, mache die Vorstellungsgespräche mit Arzthelferinnen, den Urlaubsplan und sämtliche Finanzen.
Wenn ich da bin, achte ich sehr auf den Umgang mit den Patienten. Es ist wichtig, dass man die Leute begleitet und dass ein Austausch stattfindet, nicht nur über das Krankheitsbild, sondern auch über die Persönlichkeit, die dahintersteht. Mit Patienten führe ich manchmal auch Gespräche über jüdische Themen. Einige haben mitbekommen, dass ich da sehr eingebunden bin. Angefangen hat das in der Sinai‐Grundschule, die unser jüngster Sohn André besucht hat. Ich war im Elternbeirat, und als er ins Gymnasium kam, hat mich Charlotte Knobloch, die Gemeindepräsidentin, gefragt, ob ich mich im Vorstand der Gemeinde engagieren will. Wir kannten uns, ich war mit ihrer Tochter in einer Klasse. Jedenfalls habe ich kandidiert, bin jetzt die dritte Kadenz dabei und von Anfang an für Öffentlichkeitsarbeit und Kultur zuständig gewesen. Das hat mich immer interessiert.
In enger Zusammenarbeit gehen die Leiterin des Kulturzentrums, Ellen Presser, und ich die Programme durch. Schwerpunkt meiner Arbeit ist es, in Gremien zu sein, die über das Kulturelle hinweg immer noch einen brückenbauenden Aspekt haben. Zum Beispiel bin ich seit vielen Jahren in der evangelischen Stadtakademie in einem interkulturellen Arbeitskreis, der verschiedene Veranstaltungen macht. Da sind auch muslimische Teilnehmer dabei, und natürlich gibt es manchmal Auseinandersetzungen. Diese Arbeit ist im Moment sehr wichtig. Man muss lernen, zuzuhören und zu verstehen, wo das Problem des anderen ist. Manche halten mich für eine Idealistin.
Außerdem bin ich im Vorstand von „Am Echad“, einem Verein, der für interkonfessionelle Verständigung und gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit eintritt, sowie im Vorstand des Freundeskreises für das Orchester Jakobsplatz. Dort spielen junge jüdische und nichtjüdische Musiker zusammen, die Sprache der Musik soll verbinden. Dann bin ich im Vorstand des Freundeskreises des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte an der hiesigen Ludwig‐Maximilians‐Universität. Und außerdem engagiere ich mich als Vorsitzende des Fördervereins München und Bayern der Israel Cancer Association. Gemeinsam mit acht Frauen habe ich ein Konzept entwickelt, das die deutsch‐israelische Forschung im Kampf gegen Leukämie bei Kindern unterstützt. Mir ist wichtig, dass das, was ich mache, auch der arabischen Seite zugutekommt. Denn ich glaube, dass auch das die Fronten entschärft.
Wenn ich nachmittags aus der Praxis komme, steht meistens irgendein Besprechungstermin an oder ich muss etwas dafür organisieren. Ich habe sehr viele Abendveranstaltungen. Oft geht es dabei auch um interkulturelle Themen, wie den Euroislam. Manchmal muss ich plötzlich jonglieren, weil es vielleicht gerade in der Praxis ein Problem gibt. Es kommt vor, dass es dann schnell sehr eng wird. Das ist ein Problem für mich. Einerseits ist es spannend, und ich bin dankbar, dass ich mich mit so vielen verschiedenen Themen befasse. Andererseits merke ich manchmal, dass es mich auch überfordert, dass ich erschöpft bin und das Gefühl habe, nicht mehr alles zu schaffen. Es gibt da diese Angst, dass ich irgendetwas vernachlässige.
Ich bin jetzt 55, und man muss irgendwann lernen, Prioritäten zu setzen, sonst verliert man sich. Schließlich habe ich ja auch noch meine Familie und meine Mutter, um die ich mich gemeinsam mit meinen Schwestern kümmere. Auch da muss Kommunikation stattfinden, wer übernimmt welche Aufgaben, welche Erledigungen.
Wenn ich wirklich mal ausbreche, dann gehe ich laufen oder noch lieber schwimmen. Da tauche ich im wahrsten Sinne des Wortes unter. Ich habe glücklicherweise gleich das Dante‐Bad in der Nähe, wenn ich das Gefühl habe, jetzt muss ich raus. Die wenige Zeit, die mein Mann und ich zu Hause sind, versuchen wir mit unseren Freunden zu verbringen. Wir gehen essen, ins Kino oder ins Theater. Aber wenn ich das nicht plane, passiert wenig, denn mein Mann arbeitet sehr viel.
Gott sei Dank habe ich eine große Familie. Zweimal im Monat versuche ich, unsere drei Kinder an einen Tisch zu bekommen. Oft ist das am Schabbat. Zurzeit leben alle unsere Kinder in München. Meine älteste Tochter erwartet gerade ihr erstes Kind, ich werde also bald Großmutter. Eine neue, wunderbare Aufgabe kommt hinzu. Die ersten Wochen will ich auf jeden Fall Zeit für sie haben und flexibel sein. Unser mittlerer Sohn arbeitet momentan bei meinem Mann und will einmal die Praxis übernehmen. Und mein jüngster Sohn ist Schauspieler und gerade in einer Orientierungsphase, er wohnt im Moment wieder zu Hause.
Die beiden Älteren haben ihren Platz schon gefunden. Die fühlen sich sicherer in ihrer jüdischen Identität, als ich es getan habe. Die sind so aufgewachsen, dass sie stark genug sind, auch mit einer Konfrontation in ihrer Umgebung umzugehen. Ich war manchmal verunsichert. Für mich hat deshalb das neue jüdische Zentrum am Jakobsplatz einen ganz großen Stellenwert. Es ist Sinnbild dafür, dass es hier einen Platz für uns gibt. Ich hoffe, dass ich nicht zu naiv bin.

Aufgezeichnet von Andrea Schlaier

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